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16. Juni 2012

Denken im Konjunktiv

Andreas Urs Sommers fabelhaftes "Lexikon der imaginären philosophischen Werke".

  1. Das Ungedachte könnte ihn erleichtern: Rodins„Denker“ Foto: dpa

D ieses Lexikon der ungeschriebenen, der "imaginären philosophischen Werke" musste endlich einmal geschrieben werden. Denn ist es nicht einer der beklagenswertesten Mängel der Philosophiegeschichte, dass sie sich bisher nur allzu sehr, sieht man einmal von den Debatten um Platons ungeschriebene Lehre ab, auf die schon geschriebenen, die nicht bloß vorgestellten Bücher beschränkt hat? Dass dieses Buch freilich tatsächlich geschrieben werden konnte und unter seinen zahlreichen lexikalischen Stichwörtern sogar einen Eintrag über das "Lexikon der imaginären philosophischen Werke" (Erstausgabe Berlin 2012) enthält, das dem Schweizer Philosophiehistoriker Andreas Urs Sommer (Jahrgang 1972) zugeschrieben und in vorauseilender Selbstkritik als "enzyklopädisches Sammelsurium", wenngleich "vollkommen ernstes und vollkommen heiteres Buch" gewürdigt wird, ist von schönster paradoxer Ironie. Geht es doch erklärtermaßen um eine "Geistesgeschichte des Ungedachten", hier aber offenbar Gedachten, des angeblich Ungeschriebenen, hier aber nicht nur Be-, sondern auch Geschriebenen, um die Geschichte der "Nirgendwerke", die alles behandelt, was in der Philosophiegeschichte bisher nicht der Fall war, aber nun wird, kurz gesagt: um eine alternative Geistesgeschichte des Kontrafaktischen, die zum faktischen Ereignis wird.

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Die Gelehrsamkeit des Buches, sein lexikalischer Reichtum, der sich zahllosen realen wie imaginären Quellen verdankt, ist enorm. Noch größer aber ist sein Witz, der nicht ganz kalauerfrei ist, öfter aber mit seinem selbstreflexiven Aberwitz den Leser erfreut. Will man auch dafür nach Quellen suchen, so kommt neben Jorge Luis Borges’ "Ficciones", seinen "Fußnoten zu imaginären Büchern", den Paradoxien der Russell’schen Mengenlehre und der gegenwärtig so beliebten "Ouchronie", der spekulativen Geschichtswissenschaft des nie Stattgefunden, die potenzierte Selbstironie der frühen Romantik in Betracht.

Der Schweizer Philosoph, der seit 2008 in Freiburg lehrt, hier an einem groß angelegten Nietzsche-Kommentar arbeitet und eben mit dem Nietzsche-Preis des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet wurde, outet sich mehr oder minder ernstfrei als Tieck’scher "Gestiefelter Kater", dem das Realitätsprinzip der größte aller Witze ist. Das Buch ist in jedem Sinn "fabelhaft". Ja, noch sehr viel mehr an bisher Ungedachtem hätte gemäß dessen naturgemäßer Grenzenlosigkeit gedacht werden können und sollen, obwohl das Lexikon schon jetzt eine ganze Universalbibliothek des vormals bloß Denk- und Schreibmöglichen, aber hier schreibwirklich Gewordenen ist. Das vom Autor ironisch berufene Gück, dass die meisten möglichen Bücher der Philosophiegeschichte ungeschrieben geblieben sind, mag man nicht unbedingt teilen.

Das Lexikon, dessen kühnste Antizipationen weit ins 21. Jahrhundert vorgreifen, ist trotz seines Sinnes für das Verrückte durchaus lexikalisch seriös organisiert. Es verzeichnet Titel, Autor, Inhalt und (Hypo)-Thesen, philosophiehistorische Bezüge, Stärken und Schwächen nebst dem vorauseilenden Zitat von Rezensionen, von denen die Selbstkritik des Lexikons die virtuoseste ist. Dass die von Sommer kommentierte "Götzen-Dämmerung" des "deutsch-schweizerischen Philosophen Friedrich Nietzsche" mit dem Ausdruck großen Bedauerns als bisher ungeschriebenes Buch verbucht wird, tut der Ironie etwas zu viel des Guten. Berühmte Autoren und Texte der Philosophiegeschichte finden hier ihre bisher ungeschriebenen, aber nun immerhin beschriebenen Gegenstücke. Seneca und Cicero, Augustinus und Thomas von Aquin, Pascal und Leibniz, Kant und Fichte, Jaspers und Heidegger, Habermas und Derrida.

Parodistisch oder satirisch nur schwer zu überbieten sind die Stücke, aus denen akademische Lebenserfahrung spricht, beispielsweise wenn der Lexikograph, wohl aus eigener leidvoller Bewerbungserfahrung über die "Bewerbungsakten großer Philosophen" in 3 Abteilungen und 23 Bänden oder über die "Fragmente der Frauen von Philosophen", seit der 13. Auflage die "Fragmente der Partnerinnen und Partner von Philosophen" schreibt. Fast ernsthaft wird er indessen, wenn er den "Kommentar über das Kommentarschreiben" des Ibn Rushd (= Averroes) kommentiert. Was den Menschen zum Menschen macht, ist eben das Kommentieren. Der Kommentar lebt davon, angesichts der unendlichen Weltmannigfaltigkeit nie zu einem Ende zu kommen, aber sich auch gegen das Kommentierte behaupten zu können. Der Kommentator ist der Lehrer der Unfertigkeit des Denkens wie der Welt. "Immer alternativ, nie konsequent!" lautet denn auch die Maxime. Oder, wie es der Lexikograph mit dem Buch "Fragen über Fragen" des von keinem Geringeren als Hans Georg Gadamer promovierten nepalesischen Philosophen Shinoshir Dougudu (Jahrgang 1945) sagt: Bücher sind keine Antworten auf Fragen, sondern Fragen zum vermeinten Antworten. Der einzig adäquate Modus der Philosophie ist der Konjunktiv. Von dem, was indikativisch ist, will ihr Gegenmöglichkeitssinn nur wenig wissen. Umso mehr von dem, wovon dieses Lexikon schreibt.

– Andreas Urs Sommer: Lexikon der imaginären philosophischen Werke. Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 365 Seiten, 32 Euro.

Autor: Ludger Lütkehaus