Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Februar 2012

Denn die Nacht wird lang sein, sehr lang

Eine Lesung mit Texten von Tonino Guerra in Freiburg.

  1. - Foto: -

Mit Menschen wie Tonino Guerra reichen die Erinnerungen dorthin zurück, wo noch mit eigenen Augen Gesehenes, mit eigenen Ohren Gehörtes sich an der Grenze des Vergessens bewegen. Sie sind Zeugen vergangener Räume, welche in einem elementaren Sinn körperlich geworden sind.Tonino Guerra, 1920 in die bäuerliche Welt des romagnolischen Hinterlandes von Rimini hineingeboren, erfährt 1943 durch seine Deportation in das deutsche Arbeitslager Troisdorf seine künstlerische Initiation; am entgegengesetzten Pol des Menschlichen wird ihm und seinen Mitgefangenen die Poesie, die Muttersprache des Dialekts zur lebenserhaltenden Kraft.

Enggeführt durch "diese Erfahrung, diese Kenntnis des Todes" entfaltet sich ein Werk, das bis heute mit seiner ungebrochenen Produktivität beeindruckt. Guerra, dem das Kommunale Kino Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Literaturbüro eine Reihe gewidmet hat, ist berühmt geworden durch seine Arbeit mit den Großen des europäischen Autorenfilms: Antonioni, Fellini, de Sica, Tarkovskij, Angelopoulos, den Tavianis, denen er als Drehbuchautor zur Seite stand. Als Poet ist er in einer Lesung am kommenden Donnerstag zu entdecken.

Werbung


Fast scheint es, dass sein poetischer Blick auf die Abseitigkeiten und die Absurditäten des Lebens fällt: um dort, nach dem Scheitern aller metaphysischen Konzepte, noch einmal eines Zusammenhangs, vielleicht einer Spiritualität habhaft zu werden, die allein in den Dingen verbürgt ist. So unscheinbar, so einsam sie sein mögen, so sehr das Erzählen ins Leere läuft und scheitert. Es ist dieser Blick auf untergegangene Welten, verlorene Zeiten und unzeitgemäße Lebensformen, der Guerras Affinität zu filmischen Erzählweisen betont.

Dass es für den deutschen Leser das literarische Werk Guerras zu entdecken gibt, ist dem Wirken seiner kundigen und einfühlsamen Übersetzerin und einem engagierten Verleger zu verdanken: Elsbeth Gut Bozzetti hat nach mehreren vorangegangenen Titeln erneut im Klöpfer & Meyer-Verlag ein Guerra-Lesebuch herausgegeben, das eine poetische Lebenslinie bis in die jüngste Gegenwart hinein nachvollzieht. In den Gedichten, ausgewählten Gesängen, parabelhaften Prosaminiaturen, Romanauszügen, Reisenotaten und Tagebuchnotizen lassen sich viele Perspektiven erkennen, die sich in Guerras Werk öffnen: ein Erzähl- und Bildkosmos, der einer panoramatisch weiten Landschaft gleicht, einer "campo lungo", wie die Filmeinstellung der Halbtotalen im Italienischen genannt wird, in der der Mensch seinen Platz neben den Dingen, Tieren und Pflanzen, Geräuschen und Gerüchen einnimmt. "(...) Am Nachmittag sitz ich da, schau / ins Tal und in die Hügel dahinter/ mit ihren Feldern, die wie Tücher / in der Sonne trocknen und da und dort rote Flecken/ Klatschmohn Häuserklümpchen (...) / und die Menschen über die Arbeit gebeugt / winzig wie Staub und ich sitze da / mit all dem in den Augen / und der Erinnerung, die weiß geworden ist / und über dieses Laken weht manchmal/ die Stimme meiner Mutter/ und der Duft der Quitten/ die auf dem Schrank lagen."

Für eine kurze Lebenszeit werden die Worte Klangraum für eine mit allen Sinnen gesättigte Anschauung, für ein kontemplatives Schauen auf die Schönheiten der Welt noch in ihrer Gleichgültigkeit und ihrem Grauen, in ihrer Unscheinbarkeit und abseitigen Stille: verschwindende Geräusche einer "uneigentlichen Musik". Vielleicht ist das Selbst-Vergessene der tiefste Grund des Erinnerns: "Denn die Nacht wird lang sein, sehr lang".

– Tonino Guerra: Scheuer Vogel Traum. Ein Lesebuch. Herausgegeben und aus dem Italienischen übersetzt von Elsbeth Gut Bozzetti. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012. 216 Seiten, 19,50 Euro.
–  Am 9. Februar um 20 Uhr stellt die Übersetzerin Autor und Lesebuch gemeinsam mit dem Verleger Hubert Klöpfer in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof, Freiburg, Urachstraße 40, vor.

Autor: Andreas Kohm