Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. Juli 2012

Der unbedingte Wille zum Ruhm

Die jüngsten Biographien über Friedrich den Großen .

  1. Eines von Friedrichs Gesichtern Foto: dpa/dapd

roß, unüberschaubar wie er sein Charakter, ist auch das Schrifttum über Preußens größten König – allein der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek listet 693 Publikationen auf. Fragt sich freilich, ob jede der rund ein Dutzend Neuerscheinungen zum 300. Geburtstag in diesem Jahr tatsächlich neue Erkenntnisse über Friedrichs II. vermittelt. Eine Bestandsaufnahme.

G
MEISTER DER TÄUSCHUNG

Mit Bravour pflegte Friedrich das Image des objektiven Historikers. Jürgen Luh, Mitorganisator der großen Ausstellung im Potsdamer Neuen Palais und Verfasser der wohl besten und zugleich kritischsten unter den jüngsten Friedrich-Biographien, lässt den König allenfalls als "politischen Schriftsteller" gelten – der gern und oft die Fakten zu seinen Gunsten fälschte, um die Nachwelt und zeitgenössische Bewunderer gleichermaßen hinters Licht zu führen: Meister der Täuschung auf allen Ebenen.

Friedrichs immer noch unterschätzter Bruder Heinrich sparte in seinen Randbemerkungen zu dessen Büchern nicht an Kritik: "Quelle infamie", "falsch", "Lüge", schrieb er in die dreibändige "Geschichte des siebenjährigen Krieges": "Ein Leben lang legte er seine Fehler seinen Alliierten oder seinen Generalen zur Last." Über seine Person, so meinte sein großer Bruder, dürfe allein er das historische Urteil fällen. "Das ist – damals wie heute – der übliche Reflex von Menschen, die Kritik nur schwer ertragen", kommentiert Luh, enthält sich aber, wie seine Kollegen, einer tieferen psychologischen Herleitung. Der Autor schildert Friedrich als ausgemachten Egomanen, durchaus bereit, seiner Ruhmsucht einen ganzen Staat zu opfern: "Ich habe den Rubikon überschritten und will meine Machtstellung behaupten oder untergehen und alles, selbst den Namen Preußen mit ins Grab nehmen". Dass ihm dieser Wunsch nach dem dritten schlesischen Krieg wider alle Wahrscheinlichkeit erfüllt wurde – pure Fortune!

Werbung


Mit seinem protzigen Neuen Palais in Potsdam demonstrierte der König provokant das Gegenteil: Auch finanziell sei er noch keinesfalls am Ende. Gleichsam als Antipode zum genialen Feldherren – Alexander und Cäsar standen Pate – stilisierte sich Friedrich zum großen Weisen. Und dass er schließlich ein zweiter Marc Aurel sein wollte, fiel laut Luh in eine Zeit, da militärisch für ihn kein Ruhm mehr zu ernten war. Als "göttlichen Marc Aurel" hatte der geniale Schmeichler Voltaire Friedrich schon angesprochen, als dieser den gekrönten Stoiker noch gar nicht kannte. In späteren Jahren habe sich der Preußenkönig dann gern älter gegeben als er war, um dem Bild des weisen Alten zu entsprechen.

"Ich will mein altes Gerippe ausruhen", schrieb er 1758 – als Sechsundvierzigjähriger. Entsprach dies aber nicht auch der Selbstwahrnehmung eines Mannes, der seinen (ungeliebten) Körper dem "Rendezvous des Ruhms" geopfert hatte?
Und liegt nicht doch weise (Selbst-)Erkenntnis in seinen Worten, der Ruhm sei nur leerer Wahn und schöner Schein? Bei seinen legendären Tafelrunden habe, so Luh, geistvolle Rhetorik und Esprit (dazumal "Genie" genannt) häufig über mangelndes Wissen des Gastgebers – vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften – hinweg getäuscht. Der Intellektuellenkreis des jungen Königs – pure Eitelkeitsstaffage?

Sicher: Den hochberühmten Voltaire nutzte Friedrich gezielt zum Sprachrohr seiner Exorbitanz – aber dessen Bewunderung wie die vieler anderer verdankte sich doch wohl nicht allein Friedrichs gelungener Selbstinszenierung! Schon die jüngeren Autoren der französischen Aufklärung wie Diderot, D’Alembert und Rousseau habe Friedrich kaum mehr rezipiert: zu respektlos und staatskritisch. Wirkliche Freunde habe der König nicht "besessen". Sein Verhältnis zu Menschen war ein primär instrumentelles, und mit seiner ätzenden Spottlust tat Friedrich alles, die ihm Verbliebenen zu demütigen – und letztlich zu vertreiben. Selbst das Verhältnis zur Lieblingsschwester Wilhelmine war von seiner Seite alles andere als herzlich, sondern, so Luh, bestimmt von Standesschranken, Eitelkeit und mangelnder Empathie.

Es entsteht das durchaus konturenstarke Bild eines von Ehrgeiz und Ruhmsucht getriebenen, letztlich tief einsamen Menschen, der wirkliche Nähe nicht zuließ und an notorischer Selbstüberschätzung litt. Friedrichs Geschmack war deutlich rückwärtsgewandt, sein eigentliches Vorbild blieb der von Voltaire verherrlichte roi soleil, der sich indes um die Kultur seines Landes verdienter machte. Geradezu manisch, Friedrichs Verachtung für die als minderwertig eingestufte deutschen Sprache und Literatur: Kant, Lessing, Wieland, Herder und Goethe strafte er mit Ignoranz. Winkelmann, bereits an die Berliner Akademie berufen, zog verbittert weiter nach Rom. Was Luh als Ausweis persönlicher Größe in Anschlag bringt, Friedrichs Beharrlichkeit sein erstaunlicher "Eigensinn" – nie ließ sich der Herrscher dreinreden – führte im Alter zur geistigen Erstarrung. Endlose Monologe, Misanthropie und Sarkasmus, gepaart mit der Unfähigkeit, dem anderen zuzuhören – das alles ermüdete Friedrichs Besucher.

Am Ende war er allein. "Es ist das Große, das mich anzieht, wenn ich ein großes Ziel vor mir sehe, setzte ich alle meine Kräfte dafür ein, die kleinen Sachen, die nicht irgendwelche Folgen haben, lasse ich liegen", äußerte sich Friedrich II. gegenüber seinem "Vorleser" de Catte.

Dem Ziel, als Großer in die Geschichte einzugehen, ordnete der Preußenkönig auch die Zukunft seines Staates unter, denn um den Thronfolger kümmerte er sich wenig. Jürgen Luhs Fazit: "Setzt man das voraus, ergibt sich in seinem Reden und Handeln kein Widerspruch, im Gegenteil: Alles greift ineinander...". Der absolute Wille zum Rum als Schlüssel zu Friedrichs Persönlichkeit? Sicher, doch ließe sich noch tiefer schürfen – gerade in des Königs Kindheit.
KINDHEITSDRAMA

Schade, dass Uwe A. Oster unter dem erwartungsvollen Titel "Sein Leben war das traurigste der Welt" gerade dies nicht tut. Sein bei Piper erschienenes Buch über Friedrichs Kampf mit seinem despotischen Vater bietet wenig mehr als eine quellengenaue, brave, und reichlich trockene Nacherzählung des sattsam bekannten Kindheitsdramas – leider ohne psychologischen Tiefgang.

WIDERSPRÜCHE, NACHRUHM

Die wohl unterhaltsamste "neue" Friedrich-Biographie legt der Journalist und Historiker Tillmann Bendikowski vor: Auf 336 Seiten lässt er – so leichthändig wie in seinem zeitnahen Buch zur Varus-Schlacht – Friedrichs Leben Revue passieren und legt sein Hauptaugenmerk auf Friedrichs bekannte Widersprüche sowie auf die disparate Geschichte seines "Nachruhms". Gute Kost für Einsteiger! Besondere Tiefenschärfe, neue Erkenntnisse und steile Thesen darf man hier freilich nicht erwarten. Immerhin vermeidet der gewiefte Erzähler auch jede monokausale Zuspitzung.

FRIEDRICHS SEXUS

Anders als Wolfgang Burgdorf, der mit Friedrichs vermeintlich verdrängter "Homophilie" die Eroberung Schlesiens zur "kompensatorischen Handlung" erklärt. Als einziger der Autoren widmet der Historiker den Mutmaßungen über Friedrichs Sexus ein ganzes Kapitel. Neue Einsichten zeitigt es freilich nicht.
PRÄSIDENT UND DESPOT

Verblüffend ist Jürgen Overhoffs detailreiches Doppelporträt "Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung"– nur auf den ersten Blick, rückt es doch zusammen, was nicht unbedingt zusammen gehört: den Präsidenten und den Alleinherrscher. Aufklärer im modernen Sinn waren sie beide nicht, wiewohl dem "amerikanischen Modell" die Zukunft gehörte. Der erste US-Präsident bewunderte den Feldherrn Friedrich, beklagte zugleich, in einem Brief an La Fayette, dessen Missachtung des mündigen Bürgers. Friedrich, das Volk im Grunde verachtend, beurteilte das amerikanische Experiment mit größtem Argwohn: Niemals könne in einem Staat Vernünftiges geschehen, wenn der Fürst nicht selbst regiere, schrieb er in seinem Politischen Testament.

Der "Despot" Friedrich wiederum schätzte allein Washingtons Kriegskunst. Was die beiden Großen über den Atlantik hinweg einte, war religiöse Toleranz sowie ihre Liebe zu Büchern (der Aufklärer) und Hunden. Beide glaubten an die Unterlegenheit der schwarzen Rasse, beide zeugten sie keinen ehelichen Nachwuchs, und beide wollten sie nahe ihrer Lieblingsaufenthalte im Grünen bestattet werden. So weit so gut, doch zu wenig für eine erhellende Doppelbiographie, der es, trotz kenntnisreicher Erzählung, an strukturell scharfen Analysen ermangelt.

STIMMEN VON UNTEN

Der Beitrag von Jens Bisky "Unser König" ist dagegen eine tatsächliche Bereicherung. Zum einen, weil sich der Autor in seinen drei umfänglichen Essays um eine möglichst ausgewogene Darstellung von Leistungen und Schwächen Friedrichs bemüht, zum anderen, weil in diesem "Lesebuch" die unterschiedlichsten Stimmen von Zeitgenossen zu einem facettenreichen Panorama des friderizianischen Zeitalters zusammen tönen. Endlich kommen, etwa mit dem Deserteur Ulrich Bräker, auch "Stimmen von unten" zu Gehör. Biskys Resümee: "Man kann Friedrichs Leben als eines der ersten Beispiele für den ganz modernen Konflikt zwischen Pflicht und Neigung verstehen, und weil dem so ist und jeder sich diesem Zwiespalt stellen muss, werden die Gespräche über Friedrich wohl so rasch nicht enden." Für sich selbst hat der Preußenkönig diesen Konflikt wohl zum Ausgleich gebracht. Die Kosten (auch für die bewundernde Nachwelt) waren allemal zu hoch.
– Das friderizianische Preußen 1712 – 2012: Mythen, Kontorversen und neue Perspektiven. Öffentliche Tagung des Historischen Seminars der Universität Freiburg. 6./7. Juli, Beginn 14 Uhr. Kollegiengebäude I, Hörsaal 1010.

DIE TITEL

Tillmann Bendikowski:Friedrich der Große. C. Bertelsmann Verlag, München 2011. 336 Seiten, 19,99 Euro.
Wolfgang Burgdorf: Friedrich der Große. Ein biografisches Porträt. Herder Freiburg 2012. 224 Seiten, 12,95 Euro.
Jens Bisky: Unser König. Friedrich der Große und seine Zeit – ein Lesebuch. Rowohlt Verlag, Berlin 2011. 400 Seiten, 19,95 Euro.
Jürgen Overhoff: Friedrich der Große und George Washington. Zwei Wege der Aufklärung." Clett-Kotta Verlag, Stuttgart 2012. 365 Seiten, 22,95 Euro.
Jürgen Luh: Der Große. Friedrich II. von Preußen. Siedler-Verlag, München 2011. 288 Seiten, 19,99 Euro.  

Autor: bz

Autor: Stefan Tolksdorf


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Literatur