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09. Juni 2012

Der Zufall macht den Reiz aus

Im Büchlein "Art Walk" laden Künstlerinnen und Künstler ein zu fünf ganz subjektiven Kunstspaziergängen durch Basel.

  1. Dieser vier Meter hohe Riese aus lackiertem Kunstharz von Markus Böhmer versteckt sich hinter einem Baum im Kannenfeldpark. Foto: Juri Weiss

  2. Seit 1956 windet sich Willy Heges „Schlange“ bei der Wettsteinbrücke. Foto: A. Mahro

Kunst im öffentlichen Raum wird wahrgenommen oder übersehen, kann Gedanken beflügeln, kann verärgern, verwirren, gefallen oder erfreuen. Mit seinem kurz vor der Art publizierten "Art Walk"-Bändchen nähert sich der Christoph Merian Verlag auf fünf Spaziergängen einer Kunstauswahl in Basel. Unter dem zweideutigen Motto "Kunstschaffende gehen vor" haben die Herausgeber acht Künstler und Künstlerinnen beauftragt, die Stadt und ihre Kunst subjektiv zu erwandern und ihre Eindrücke festzuhalten.

Herausgekommen ist dabei einerseits eine recht zufällig anmutende Auswahl, andererseits macht gerade sie, nach kurzer Eingewöhnungszeit, den Reiz des Bändchens aus. Acht verschiedene paar Augen ziehen an den Kunstwerken vorbei und nähern sich ihnen auf unterschiedliche Weise. Der älteste der Autoren, Werner von Mutzenbecher, ist Jahrgang 1937 und hat unter anderem 27 Jahre lang an der Basler Schule für Gestaltung gelehrt. Er nähert sich dem, was er sieht, keineswegs kritiklos und bemerkt zu manchen "scheinbar funktionslosen künstlerischen Interventionen" im öffentlichen Raum gleich vorab: "Nicht immer kreieren sie einen geistigen Mehrwert oder können sich gegen die Wucherungen des zeichengesättigten urbanen Umraums behaupten." Das hindert ihn aber nicht, anschließend mit liebevollem Kennerblick unter anderem sowohl Carl Nathan Burckhardts "Amazone, Pferd führend" von 1923 an der Schifflände als auch Ludwig Stockers an der mittleren Brücke halb im Rhein versenkten "Lagerstätte" von 1992 zu begegnen.

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Als ein Kunstwerk Verner Pantons identifiziert er aber auch die 1980 angebrachte geometrisch farbige Wandbemalung in der Fußgängerunterführung des City-Parkhauses. Bei dem riesigen "Fingerabdruck" Jean-Pierre Zanggers, der seit 1982 die zur Straße hin deutlich sichtbare Seitenwand des Kleinbasler Clara-Polizeipostens schmückt, bestanden da hingegen auch bisher kaum Zweifel. Die jüngste Art-Walkerin, die 1980 geborene aktiv Kunstschaffende und Mitbegründerin des Basler Kunstsenders "radio arthur", Valentina Stieger, bezieht auch Architektur mit in ihren Rundgang ein. Sie lässt ihn der an dem markanten SBB-Stellwerk in der Münchensteinerstraße beginnen, einem frühen Herzog & de Meuron-Bau von 1994-98. Stieger kommt auch an Jonathan Borofskis weithin bekanntem "Hammering Man" (1989) nahe beim Aeschenplatz vorbei und übersieht Ilya Kabakovs "Denkmal für einen verlorenen Handschuh" von 1998 nicht, der wie zufällig beim Museum für Gegenwartskunst liegt. Dasselbe gilt für die lebensecht glänzende große Bronze-"Schlange" von Willy Hege aus dem Jahr 1956 bei der Wettsteinbrücke.

Häppchenweise Highlights und anderes kommen da zusammen, das schon. "Es ist uns aber nicht um Vollständigkeit gegangen", erklärt Isabel Zürcher die lockere Herangehensweise. Sie hat das wenig über das normale Taschenbuchformat hinausreichende, ausführlich bebilderte Werk zusammen mit Eva Bühler und Jürg Stäuble herausgegeben. Alle drei haben mit Kunst zu tun, Zürcher ist zusätzlich unter anderem auch Mitglied in der Basler Kunstkredit-Kommission. Man habe bewusst kein neues Handbuch oder Überblickswerk schreiben wollen, sondern stattdessen beabsichtigt, den Blick insgesamt zu schärfen, auch etwa denjenigen für Fassaden, Vertäfelungen oder Bodenbeläge. Dass es sich schließlich um keine Wertung handelt, wenn etwa Bettina Eichins Markttische im Kreuzgang des Basler Münsters aufgenommen sind, Auguste Rodins "Bürger von Calais" im Innenhof des Kunstmuseums hingegen nicht, muss sie nicht sagen, das versteht sich von selbst.
– "Art Walk. Spaziergänge durch Basel", Christoph Merian Verlag, 112 Seiten, 170 Farbabbildungen und fünf Übersichtskarten, 16 Euro. Das Buch ist als Premiere bei Merian auch als E-Book erhältlich.

Autor: ama