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26. Mai 2012

Die Nacht des langen Grübelns

Janne Tellers Roman "Komm".

  1. Janne Teller Foto: dpa

Es wird Nacht. Schnee bedeckt die Straßen. Ein Mann ist allein mit seinen Gedanken. Er ist Verleger, vor ihm liegt ein Stapel Papier – das Manuskript für ein Buch, das ihm viel Geld einbringen soll und das er vielleicht nie veröffentlichen dürfte. Gerade eben hat er Besuch bekommen, von einer Bekannten, die ihm sagte: Das ist meine Geschichte. Sie wurde mir gestohlen.

Was darf Kunst? Was darf ein Schriftsteller? Darf er eine Geschichte erzählen, die nicht seine ist? Muss er das nicht sogar? Was, wenn die Veröffentlichung für einige Beteiligten schlimme Folgen hätte? Wie sorgfältig muss ein Verleger seine Autoren kontrollieren? Das sind Fragen, denen sich die Hauptfigur in Janne Tellers Roman "Komm" stellen muss. Der erschien in Dänemark bereits 2008, wurde aber erst jetzt übersetzt. In dem Buch geht es natürlich um mehr als nur um die Verlagsbranche – es ist ist eine existenzielle Parabel über Verantwortung.

Die 1964 geborene Dänin hat eine Vorliebe für düstere Nachdenkstücke. Ihren Durchbruch feierte sie mit "Nichts", einem kontrovers diskutierten Jugendbuch, das an einigen dänischen Schulen verboten war und später einen Literaturpreis des Kultusministeriums bekam. Worum es geht? Um einen Jungen, der auf einen Pflaumenbaum klettert und seine Mitschüler von der Sinnlosigkeit des Lebens überzeugen will.

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Janne Teller, studierte Ökonomin, hat lange für die Vereinten Nationen in Tansania und Mosambik gearbeitet. Diese Erfahrungen zapft sie an: Die Geschichte, die der Papierstapel in "Komm" erzählt, spielt in Afrika, es geht um Bürgerkrieg – und eine Massenvergewaltigung. Das Opfer? Petra Vinter. Die Frau, die den Verleger bittet, das Buch nicht zu veröffentlichen. Ihr Besuch beschert ihm eine Nacht des langen Grübelns. Er muss sich nicht nur entscheiden, ob er das Manuskript in den Druck gibt oder nicht. Er muss auch noch mit seinem affärengeschüttelten Privatleben klarkommen und eine Rede schreiben, über Literatur und Ethik und Verantwortung, was für ein Zufall.

Die Geschichte ist konstruiert, die Handlung überfrachtet. Janne Teller umreißt auf nur 160 Seiten einen Themenkomplex, den man auch auf 1600 Seiten nicht erschöpfend diskutieren kann. Immerhin kommen ihr eine schnörkellose Sprache und ihr Mut zu suggestiven Verknappungen entgegen, wenn sie Gedanken an Gedanken reiht: Zum Teufel mit Petra Vinter! Absatz. Man soll nicht im Namen anderer moralisch sein. Absatz. Und im eigenen?

Die größte Stärke des Buches ist auch die größte Schwäche: Janne Teller liefert auf knappem Raum viele Anregungen zum Nachdenken, ohne in die Tiefe gehen zu können. Sie will viel, die Handlungsstränge zerfasern. Das ist schade – denn "Komm" stellt wichtige Fragen. – Janne Teller: Komm. Roman. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Hanser Verlag, München 2012. 160 Seiten, 16,90 Euro.

Autor: Patrik Müller


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