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11. April 2009 10:15 Uhr

Literatur

Ein chinesischer Jack London

Jiang Rongs Roman "Der Zorn der Wölfe" erzählt vor autobiographischem Hintergrund vom Aufenthalt des chinesischen Oberschülers Chen Zhen bei den Nomaden im "großen Grasland" der Inneren Mongolei.

Ein großes, ein grausames, ein problematisches Buch. Friedrich Nietzsche, dem Philosophen des Vitalismus, hätte es gefallen. Und Jack London, der Autor von Wolfsgeschichten, hätte sich vielleicht über seinen chinesischen Nachfahren gefreut. Jiang Rongs Roman "Der Zorn der Wölfe" erzählt auf autobiographischem Hintergrund vom Aufenthalt des chinesischen Oberschülers Chen Zhen und einiger seiner Kameraden bei den Nomaden im "großen Grasland" der Inneren Mongolei. Was wie ein Praktikum vor der maoistischen Intellektuellen-Landverschickung beginnt, weitet sich zum Kampf zweier Kulturen. Dargestellt wird die Zerstörung eines intakten Ökosystems durch kaderkommunistische Technokraten, die Raubbau an der Natur betreiben, um dem an Überbevölkerung leidenden chinesischen Volk in den endlosen Weiten Zentralasiens neue Lebensmöglichkeiten zu verschaffen.

Der selber den Han-Chinesen, der größten chinesischen Volksgruppe, angehörende Chen Zhen wird zum Bewunderer und Verteidiger der mongolischen Natur-Kultur. Im Hintergrund taucht der uralte Konflikt zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern, Nomaden und Sesshaften, historisch der Sturm der mongolischen Reitervölker über Eurasien auf. Wolf gegen Schaf, nomadische Freiheit gegen eine konfuzianisch inspirierte Gehorsamsdiktatur, lautet die Parole einer zum Krieg zugespitzten Konfrontation. "Im Krieg sind Wölfe klüger als Menschen. Wir Mongolen haben das Jagen, Einkreisen und Kriegführen von den Wölfen gelernt. Bei euch Chinesen gibt es keine Wolfsrudel, darum könnt ihr nicht Krieg führen. Beim Kriegführen entscheidet über Sieg oder Niederlage einzig dies, ob du Wolf oder Lamm bist."

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Chen Zhens Versuch, einen unter Lebensgefahr erbeuteten Wolfswelpen – die eigentliche Hauptperson des Romans – aufzuziehen, wird zum Symbol seiner Versöhnungswünsche, muss aber wie alles, das gegen die Ordnung der Natur verstößt, scheitern. Da kann selbst Tengger, der schamanistische Gott des Himmels, nicht mehr helfen – und auch sein spiritueller Sachwalter im "großen Grasland", der alte Jäger Bilgee, nicht.

Der 1946 in der Provinz Jiangsu geborene pseudonyme Autor des Romans, nach dem ersten Nomadenstamm, der nach Zentralchina kam, "Jiang Rong" genannt, schreibt von eigenen Erfahrungen. Elf Jahre lang, von 1967 bis 1978, hat er das Leben der mongolischen Grasno- maden geteilt. Wie sein Alter Ego hat er ihre Schafe gehütet, ihre Pferde geritten, ihre Hunde geführt. Die Sozialstrukturen der Wolfsrudel hat er erforscht, den Wolfsausrottungsprogrammen der kommunistischen Technokraten leidenschaftlich widersprochen. Selber Mitglied der Roten Garden, ist er frühzeitig auf Distanz zur Kulturrevolution gegangen. Als Konterrevolutionär wurde er viermal inhaftiert. Gleichwohl konnte er später an der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften studieren. Der heute 63-jährige Professor Emeritus für Wirtschaftspolitik hat es mit seinem Roman zu einem der größten Bucherfolge in China, nur noch von der Mao-Bibel übertroffen, gebracht. Von der Originalausgabe wurden vier Millionen Exemplare verkauft, die Zahl der Raubkopien beträgt ein Vielfaches. Wer sich mit den Literaturen Chinas befasst, die Frankfurter Buchmesse 2009 wird das konzentriert tun, muss mit anderen Zahlen als den unsrigen rechnen.
Der ungeheure Erfolg ist nicht unverdient. Die 700 Seiten sind spannend, passagenweise atemberaubend erzählt, symbolstark und bilderreich. Dem Maßstab, den der öfters zitierte Jack London gesetzt hat, wird Jiang Rong durchaus gerecht. Die Beschreibung der Jagd eines Wolfsrudels auf eine Gazellenherde am Beginn; ein monströses Gemetzel, in dem die Wölfe eine Pferdeherde vernichten; die Revanche: eine menschliche Treibjagd auf mehrere Wolfsrudel; das Horrorszenario ungeheurer Mückenschwärme, die Menschen und Tiere buchstäblich irre machen; das Blutbad, das die Kadertechnokraten unter den Wölfen, Murmeltieren und Schwänen des Graslands mit ihren Maschinenwaffen anrichten, als ob die Buffalo Bills des Wilden Westens im wilden Osten wiederauferstanden wären – all das wird grandios erzählt. Jiang Rong ist ein Meister monströser Bilder, aus denen die blutige Wahrheit wie die grausame Schönheit der Natur sprechen soll. Komplementär wird die Welpen-Geschichte zum rührenden, oft komischen, nie kitschigen Ereignis. Jiang Rong verweigert seinem "kleinen Wolf" zwar anders als London seinem "Buck" und "White Fang" einen Namen, wohl um anzudeuten, dass ein Wolf ein Wolf bleibt; aber auch sein Wolf erhält individuelle Konturen. Selbst wo der Erzähler sich als "Wolfologe" eines auf Gleichgewicht basierenden natürlichen Systems versteht, wird die Lektüre nicht langweilig. Den "Zorn der Wölfe" wird der Leser teilen.

Aufdringlich ist freilich eine Öko-Spiritualität, die sich des mongolischen Himmelsgotts so sicher weiß, als wäre er der Nomade von nebenan. Die Romankonstruktion, die die ökologische Tragödie aus der Sicht einer Tiergeschichte fassen will, ist missglückt. Diese Geschichte scheitert nicht erst am Schluss, wo Chen Zhen den geliebten Wolf eigenhändig töten muss, sondern von Anfang an: Krasser als mit diesem Versöhnungsversuch kann den Gesetzen der Natur nicht widersprochen werden. Und der Versuch, die Freiheit der "Wölfe" symbolisch gegen den Herdentrieb kadergehorsamer "Schafe" auszuspielen, kann nicht aufgehen, weil die "Schafe" nicht anders als die "Wölfe" Teile eines Ökosystems sind.

Problematischer noch wird der Roman, wo er die Triumphe einer grausamen Natur feiert. Der Hymnus auf ein "großes Leben", welches das "kleine" jenseits von Gut und Böse, Mitleid und Barbarei in den Orgien bluttriefender dionysischer Feste martert, tötet, verschlingt, folgt der Botschaft des Vitalismus, derzufolge die wilde Natur nicht nur die wahre, sondern die im höchsten Maß gesunde Natur ist. Am Schluss geht die Beschwörung der Naturordnung in eine Apotheose über. "Der Wolf ritt wie ein fliegender goldener Drache auf den Wolken, reiste auf Schnee und Wind und stieg in seligem Schweben auf zu Tengger, auf zum Sirius, auf ins freie All, auf zu jenem Ort, an dem sich seit Jahrtausenden die Seelen all der mongolischen Wölfe versammelten, die in der Schlacht gefallen waren. In diesem Augenblick – davon war er überzeugt – erblickte Chen Zhen sein ureigenes, inneres Wolftotem."

Ein großer Autor, der das Bild der immer wichtiger werdenden zentralasiatischen Literatur bedeutend erweitert, wie es der Osttibeter Alai in seinem Roman "Roter Mohn" oder Galsan Tschinag getan haben, wandelt im großen Grasland der Mongolei auf einem ziemlich schmalen Grat.

– Jiang Rong: Der Zorn der Wölfe. Aus dem Chinesischen von Karin Hasselblatt. Unter Mitarbeit von Marc Hermann und Zhang Rui. Goldmann Verlag, München 2009, 704 S., 24,95 Euro.

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