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21. Januar 2012
Ein träges Herz
Julian Barnes’ meisterhafter Roman "Vom Ende einer Geschichte".
Nun hat Julian Barnes endlich – im dritten Anlauf – den Bookerpreis erhalten: Und vielleicht ist es ja am Ende gut, dass es gerade dieses Buch des britischen Autors getroffen hat. "Vom Ende einer Geschichte" ist ein meisterhaftes, ein makelloses Werk. Man liest es in dem zunehmend sicheren Gefühl, dass hier kein Wort überflüssig ist: Ökonomischer lässt sich nicht erzählen. Dass dieser kleine Roman auch ein Wunderwerk an Konstruktion ist, teilt sich dabei fast unmerklich mit: Und darin besteht ja das höchste Können, das Gemachte an der Kunst unsichtbar werden zu lassen.
Man muss das Buch im Grunde zweimal lesen. Erst dann erschließt es sich in seiner Tragweite. Und man wird beim zweiten Durchgang manches ganz anders verstehen als beim ersten. Das liegt an der Erzählperspektive. Der Ich-Erzähler Anthony Webster, genannt Tony, blickt auf sein Leben zurück. Das begann so richtig in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als Tony ein junger Mann mit Ambitionen war. In den letzten Jahren an einer Eliteschule schließt er sich mit zwei Freunden zu einem intellektuell elitären Bund zusammen: Ziemliche Schnösel das, die einen fragwürdigen Distinktionsgewinn dadurch erzielen, alles und jedes mit dem feinen Gift der Ironie zu durchtränken. Selbst der Selbstmord eines Mitschülers, der seine Freundin geschwängert hatte – im puritanisch verklemmten England der Sixties eine Todsünde – entkommt ihren ätzenden Kommentaren nicht. Bis Adrian Finn zu dem Trio stößt.
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Adrian ist anders. Adrian nimmt alles ernst. Adrian hasst das Englische an den Engländern: Diese Flucht ins uneigentliche Sprechen. Dieses sich Verschanzen hinter dem Lächerlichmachen des anderen. Diese Haltung wird im Lauf der Geschehnisse fürchterliche Folgen haben. Doch da dem Leser nicht Adrians, sondern nur Tonys Perspektive zur Verfügung steht, ist er allzu bereit, die Vergangenheit des Protagonisten allein durch seine Brille zu sehen. Tony hat es im Leben zwar zu nichts Besonderem gebracht: nach dem Studium war er Beamter in der kommunalen Kulturadministration, er hat geheiratet und ist friedfertig geschieden, seine Tochter ist gutbürgerlich verheiratet. Aber er ist mit sich im Reinen.
Ein Brief, der den Pensionär eines Tages erreicht, rüttelt ihn aus seiner gleichmütigen Lebensroutine: Die Mutter seiner damaligen Freundin hat ihm Adrians Tagebuch vermacht – Adrian, der sich damals das Leben genommen hat, ohne dass die Freunde je den Grund für diesen Schritt erfahren hätten: Sie haben seinen Suizid heroisch-pubertär zum existenzialistischen Akt der Freiheit verklärt.
Nun holt Tony die Vergangenheit wieder ein – und der erneut einsetzende Erinnerungsprozess wirft das, was dieser Ich-Erzähler bisher für die Geschichte seines Lebens gehalten hat, komplett über den Haufen. Diesen Prozess vollzieht der Roman Scheibchen für Scheibchen nach. Und lange noch – eigentlich bis zum Schluss – verbirgt sich für Tony (und damit auch für den Leser, insofern er bereit ist, sich mit dem Protagonisten zu identifizieren) die bittere Erkenntnis, dass er, der sich zeit seines Lebens gern für das Opfer seiner Mitmenschen gehalten hat, zum Täter geworden ist: aus Mangel an Empathie, aus Ressentiment, aus Engstirnigkeit, aus Feigheit, aus Gefühlskälte und Indolenz.
Im Mittelpunkt der (Selbst-)Entlarvung steht ein Brief, den Tony damals an seinen Freund Adrian geschrieben hatte, nachdem dieser ihn gefragt hatte, ob er etwas dagegen habe, wenn er mit dessen verflossener Freundin "gehe". Dieser Brief ist ein Ausbund an Bösartigkeit und Gemeinheit: So viel Hässliches und Verachtendes war lange nicht mehr auf so wenig Romanseiten zu lesen. Kein Wunder, dass Tony diesen Brief offenbar komplett vergessen hatte. Und auch jetzt, nachdem er wieder Kontakt mit seiner Jugendfreundin Veronica aufgenommen hat – die seine Ex-Frau despektierlich "Zimtschnecke" nennt –, ist er immer noch weit entfernt davon, die Folgen seines Handelns zu erfassen, wie Veronica bitter erkennt: "Du kapierst wohl gar nichts, was? Hast du nie wirst du auch nie."
Auch der Leser, der gemeinsam mit dem verblendeten Ich-Erzähler der Rekonstruktion einer verdrängten Wahrheit unterworfen wird – wie Ödipus, aber anders als der tragische Held der Antike macht Tony sich schuldig durch Herzensträgheit –, versteht lange nicht. Wenn zuletzt klar wird, in welchem Ausmaß dieser Durchschnittsmensch mit dem Allerweltsnamen und dem Stolz auf seinen "Selbsterhaltungstrieb" nicht kapiert hat, worum es in seinem Leben hätte gehen können und was er zerstört hat, könnte man beinahe Mitleid für diese klägliche Existenz aufbringen. Doch davor steht dieser gedankenlos infame Brief, der vielleicht nicht ernst gemeint war, aber doch sehr ernst genommen wurde. So wie umgekehrt Tony damals, als er zum ersten (und letzten) Mal in Veronicas Elternhaus eingeladen war, alles leichthin und liebevoll ironisch Dahergesagte für bare Münze genommen – und als allzu bereitwillig beleidigter vermeintlicher Underdog aus weniger strahlenden Verhältnissen nicht kapiert hat, dass es Veronica durchaus sehr ernst mit ihm meinte. Spätestens dann, als sie sich in einem Akt äußerster Hingabe bereitfand, mit ihm zu schlafen – ein schwerer Verstoß gegen die weibliche Keuschheitsetikette –, hätte er es endlich kapieren können. Müssen! Doch er wischt dieses Geschenk mit Achselzucken beseite. Erbärmlich.
Julian Barnes wirft mit diesem Charakterporträt eines Schnösels als Biedermann auch einen sarkastischen Blick auf die Prüderie der englischen Gesellschaft und ihre mitgefühlsarme Mentalität. Wenn die Geschichte, die ein ganzes Leben gestützt hat, sich als einzige Selbsttäuschung erweist: Was bleibt dann von diesem Leben übrig? Man möchte diese Frage nicht zu Ende denken.
– Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 192 S., 18,90 Euro.
Autor: Bettina Schulte
