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29. Juni 2012

Ein unberührter Koffer

BZ-INTERVIEW: Ingrid Israel sucht nach Spuren der französischen Autorin Irène Némirovsky.

  1. Ingrid Israel Foto: Mechthild Blum

Vor 70 Jahren ist die französische Schriftstellerin Irène Némirovsky in Auschwitz gestorben. Seit 2004 gilt ihr im Nachlass gefundener letzter unvollendeter Roman "Suite française" als spektakuläre literarische Entdeckung. Der Buchladen in der Rainhof Scheune in Kirchzarten ehrt Irène Némirovsky gleich mit zwei Veranstaltungen: einer Lesung aus diesem Roman und einem Feature über ihre letzten Jahre. Mit Ingrid Israel, der Autorin des Radio-Features, die Nachkommen und Zeitzeugen befragt hat, sprach Mechthild Blum.

BZ: Frau Israel, was ist für Sie das Besondere an Irène Némirovsky?
Ingrid Israel: In dieser Schriftstellerin als Person wie in ihrem Roman "Suite française" verschränkt sich auf einzigartige Weise eine erschütternde persönliche mit der unheilvollen Geschichte Frankreichs und Deutschlands.

BZ: Was für eine Person war sie?
Israel: Eine hochbegabte, jung zu literarischem Ruhm gekommene Frau. Nach ihrem Studium an der Sorbonne hatte sie in atemberaubendem Tempo ihre Erzählungen und Romane veröffentlicht und genoss das literarische Leben in Paris in vollen Zügen.

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BZ: Mitte der 1930er Jahre ist sie wegen ihrer jüdischen Herkunft in die Isolation getrieben worden. Warum ist sie nicht mitsamt ihrem Mann und den zwei Töchtern ausgereist?
Israel:
Ja, warum? Ein Verlag nach dem anderen hatte sich geweigert, weiter ihre Texte herauszugeben. Doch Némirovsky, die 1903 in Kiew als Tochter eines jüdischen Bankiers geboren wurde, war unmittelbar nach der russischen Oktoberrevolution mit ihren Eltern nach Frankreich emigriert. "Man geht nicht zweimal ins Exil", begründete sie ihr Verharren in Frankreich.

BZ: Was war der Anlass für Sie, nach Zeitzeugen der Némirovsky zu suchen?
Israel: Der Nationalsozialismus hat mich schon immer beschäftigt – erst als Schauspielerin, dann als Autorin. Und: Mein Mann und ich leben seit 30 Jahren sowohl in Deutschland wie im Burgund. Nachdem ich 2006 die "Suite française" gelesen hatte, wurde mir klar, dass wir nur wenige Kilometer von Issy-l'Évêque, dem Ort entfernt wohnen, wo Irène Némirovsky mit ihrer Familie vor den Nazis Schutz suchten.

BZ: Und dort trafen Sie zufällig auf zwei Frauen, die die Schriftstellerin und ihre Töchter noch kannten . . .?
Israel: . . . Ja. Nein. Ich war erst auf dem Bürgermeisteramt. Dort hat man mich auf die beiden Damen aufmerksam gemacht. Die eine war eine Schulfreundin von Denise, einer von Némirovskys Töchtern. Die andere ist das Kind der Amme der Némirovskys, mit deren Töchtern sie damals gespielt hatte. Und mit Denise, die heute Epstein heißt und in Toulouse lebt, sind die beiden Damen noch immer in Kontakt.

BZ: Frau Epstein haben Sie auch besucht. Was hat sie Ihnen zählt?
Israel: Eine nahezu abenteuerliche Geschichte. Sie und ihre Schwester Elisabeth hatten ein halbes Jahrhundert lang einen kleinen Koffer aufbewahrt, den ihnen ihr Vater anvertraut hatte, kurz bevor auch er deportiert wurde. Er diente ihnen lange Zeit als quasi magisches Objekt: Solange sie ihn unberührt hüteten, bestand die Chance, dass die Mutter eines Tages wieder auftauchen könnte. Und nur weil ein Wasserschaden in ihrer Wohnung in den 1980er-Jahren ihn zu zerstören drohte, öffneten sie ihn schließlich. So konnten sie die zwei des auf fünf Teile angelegten Romans, den die Mutter in winzigen Buchstaben zu Papier gebracht hatte, um Tinte zu sparen, übertragen und 60 Jahre später der Nachwelt zugänglich machen.

BZ: Was macht die "Suite française", für den Némirovsky posthum den Prix Renaudot erhalten hat, so außerordentlich?
Israel: Die mikroskopische Beobachtung einer Gesellschaft im Chaos. Wozu Menschen fähig sind, wenn ihre Welt aus den Fugen gerät. Da der Roman ja sehr stark autobiografisch geprägt ist, hat sie erstaunlicherweise vor allem die Franzosen, die sie später an die Deutschen auslieferten, genauestens im Blick. Mir hat sich dadurch eine Seite der Geschichte erschlossen, von der ich zwar wusste, deren Ausmaße ich mir bislang allerdings so nicht vor Augen geführt hatte: die französische Kollaboration.

– Ingrid Israel, 68, geboren in Tirol, war über 20 Jahre als Schauspielerin in Deutschland tätig und hat viele Stücke für das Theater geschrieben. Sie ist verheiratet mit dem Schauspieler Helmut Grieser und lebt in Freiburg und im Burgund.

– "Mein Gott! Was tut dieses Land mir an?", Radio Feature von Ingrid Israel und Gabriele Neumann. 30. Juni, 20 Uhr. Lesung: "Irène Némirovsky: Suite française" mit Renate Heuser und Ingrid Israel. 1. Juli, 11 Uhr. Beide Veranstaltungen: Buchladen in der Rainhof Scheune, Kirchzarten-Burg, Höllentalsstraße 96.

Autor: blu


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