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30. Juni 2012

Ein Weltwandervogel

Ein Freiherr aus Weimar erklärt den Engländern Hitler-Deutschland: René Halketts Buch "Der liebe Unhold" ist ein autobiographisches Zeitportrait.

  1. René Halkett in London Foto: Ian Fell

D er Kölner "Kleinverleger" Thomas B. Schumann, einer von denen, die das Lesen am Leben erhalten, hat ein großes Buch entdeckt, das 1939 in England erschien und dort Furore machte, "The Dear Monster". Er hat für eine vorzügliche Übertragung und einen den Zeithorizont erhellenden Kommentar gesorgt, indem er Ursula C. Klimmer engagierte. Das Werk, das in England kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erschien, hatte dort ein solches Echo, dass Sebastian Haffner, der den ihm in London begegnenden René Halkett schon aus Berlin als Albrecht von Fritsch gekannt hatte, seine eigene Arbeit an der postum zum Bestseller gewordenen "Geschichte eines Deutschen" vorerst abbrach.

"The Dear Monster" hat jetzt in der deutschen Ausgabe leider einen irreführenden Titel. "Der liebe Unhold. Ein autobiographisches Zeitportrait von 1900 bis 1939" legt nahe, der Autor meine sich selbst. Halkett meint aber Hitler-Deutschland. Er erklärt im Schlusskapitel, er habe als Kind ein Märchen von einem lieben Unhold gehört, der nacheinander Ländereien verwüste und kleine Kinder fresse. Dem Ritter, der ihm entgegen zieht, erklärt der Riese, immer wieder überzeugend, dass seine Expansion als herzensgute Wohltat zu verstehen sei. Größe verlangt Opfer. Halketts "The Dear Monster" will im Sommer 1939 den Engländern, vielleicht auch sich selbst, das Gewehr bei Fuß stehende Hitler-Deutschland erklären. Seine Lebensgeschichte und persönlichen Anlagen sind dafür hervorragend geeignet.

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Albrecht Georg Friedrich Freiherr von Fritsch, 1900 in Weimar geboren, wächst in standesgemäßer konservativer Umgebung auf. Aber dann stößt er, erstmals mit zehn Jahren, zu den "Wandervögeln" der Jugendbewegung, wird von den beunruhigten Eltern nach Borkum ins Internat verpflanzt, darauf in eine Kadettenanstalt gesteckt und nimmt siebzehnjährig während des letzten Jahrs am Weltkrieg teil. Dann beginnt, nach einer kurzen, unstandesgemäßen Wandervogelhochzeit und Verstoßung aus dem Elternhaus, eine Kette von Stationen, die sich ihm anbieten oder die er aufsucht: Es ist ein Fächer, ein Panorama der verschiedensten Lebensbereiche, in die er eintritt und die er wieder verlässt. Er ist Verlader am Frankfurter Hafen, Arbeiter unter Arbeitern, Redakteur ihres sozialistischen Organs, schließt sich einem gesetzlosen Freicorps zur Rettung baltischer Barone an, ist, bald gründlich enttäuscht, Student in Gießen und Heidelberg, wird für einige Zeit Schüler des Bauhauses in Weimar und führt Regie auf der Roten Bühne in Berlin als sei er Piscator. Was ihn zum exzeptionellen Zeitzeugen macht, ist seine enorm bewegliche Begabung, die Fähigkeit, in immer neue Bezirke osmotisch einzutauchen und auf Zeit Herr der Situation zu sein: ein Weltwandervogel. Er wird ein Segelflugpionier in Ostpreußen, lernt das große Thema der Zeit, den Tanz, als Adept der Lohelandschule kennen, lebt zurückgezogen als bestaunter Wunderarzt und Maler in der Rhön, schreibt für die Frankfurter und die berühmte Vossische, kennt Tagore und Remarque. Man fragt sich abwechselnd, ist er, frei nach Eichendorff, ein romantischer Taugenichts, dem von Zeit zu Zeit das Glück lacht, oder ein Felix Krull – wohin er kommt, ein Mann von Profession, "vom Fach im allgemeinen, dem Fach der Darstellung nämlich", um Thomas Mann zu zitieren? Dem 18-jährigen Albrecht von Fritsch gelingt es, als schneidiger Fahnenjunker seinen 1918 in Ostpreußen gefallenen Vater in einem Sonderwaggon der Reichsbahn durch das sich auflösende Kaiserreich zur Familiengrabstätte in Weimar zu dirigieren. Aber er ist kein Hochstapler, sondern ein suchend hierhin und dorthin Verschlagener, dem es nicht gelingt, sich einzuwurzeln, den es nirgends hält, weil nicht haltbar scheint, was sich ihm anbietet. Aus der Zeit gefallen, aus allen Zusammenhängen, ist er eher ein Ahasver, der seine Straße zieht und dabei eine ins Elend taumelnde Epoche und ihre Verrücktheiten spiegelt. Dreimal kurz verheiratet, findet er 1932 Hildegard Geißler, die seine Lebensgefährtin wird und mit der er nach letzten Versuchen, doch noch im NS-Deutschland Fuß zu fassen, nach England auswandert, wo er den Namen des schottischen Zweigs seiner Familie annimmt: Halkett. "The Dear Monster" ist ein verzweifeltes Buch, keineswegs düster, sondern hell. Die Fähigkeit, in die unterschiedlichsten Welten einzutauchen, verbindet sich mit einer schritthaltenden, teils begeisterungsfähigen, teils ironischen Wahrnehmungsbereitschaft, einem Sinn für die humoristische Groteske und das Absurde eines erstarrten oder aus den Fugen geratenen Alltags. Halkett erzählt das Abenteuer seines Lebens in farbigen Szenen und konkreter, genauer Sprache. England hat abgefärbt. Distanziert vermitteln Geschichten Geschichte.

Sie beginnt als Unwirklichkeit. Weimars Adelswelt, deren Häuser zu absurd konkurrierenden Festlichkeiten einladen und sich erregen, als Isidora Duncan auf Goethes Theaterbrettern barfuß (!) tanzt, erscheint ihm als geschichtlicher Stillstand. Die Auslagerung nach Borkum macht den Jungen mit Saufgelagen, Homosexualität und grober Judenverachtung bekannt. In seinen drei Jahren Kadettenanstalt kommt der Drill hinzu. Als er sich 1917 freiwillig zum Krieg meldet, um dem sinnlosen Spiel zu entkommen, erfährt er ihn als blutige Unwirklichkeit, die einer überholten Mechanik folgt, und beginnt in dem folgenden Macht- und Ordnungsvakuum zunächst zu taumeln.

Der entscheidende Erfahrungsraum bleibt der "Wandervogel", die vielgestaltige Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts und – in nicht allzu großer Entfernung – die unüberschaubare Reformbewegung vor und nach dem Weltkrieg. Es ist eine Aufbruchslandschaft, sie wird ihm zum Schlüssel. Dabei erscheint dem Wahlengländer die Neigung, selbst noch den Nudismus, die Nacktkultur religiös zu überhöhen und in Fanatismus umschlagen zu lassen, als deutsche Spezialität. Er bemerkt das Überangestrengte in den "Nestern", "Siedlungen" oder "Tanzschulen" und klösterlichen Rückzugsorten. Dieser Zug scheint auch dem Bauhaus nicht fremd zu sein, weder seiner das Handwerk anbetenden Seite noch seinem rationalen, der Funktionalität verpflichteten Zukunftstraum. Dass aber die fortwährend tanzende Bauhausgesellschaft vom Weimarer Bürgertum mit Erbitterung angefeindet wird, ihr der Vorwurf des "Kulturbolschewismus" gemacht wird und die Württembergische Reichswehr gegen die "Roten" anrückt, um Ordnung wiederherzustellen, ist eine Erfahrung, die dem vorübergehenden Bauhäusler bewusst macht, in welchem Grad die Anfälligkeit für irreale Feindbilder an Macht gewonnen hat. Er spricht davon mit größter Beunruhigung, der Antisemitismus ist ein fortwährendes Motiv seiner Lebensgeschichte, er ahnt das Schlimmste, auch was das "lebensunwerte Leben" betrifft.

Zeit der Retter – "Muck Lamberty", ein einstiger Drechsler und dann sich als säkularer Erlöser empfindender Wanderprediger, dem es gelingt, auf den Marktplätzen Thüringens die Einwohner, Polizisten und Beamte eingeschlossen, zum Tanzen zu verführen und von Thüringens Regierung eine Zeitlang unterstützt zu werden, dieser Lamberty wird in dem Buch zu einer Vorahnung des erfolgreichen Rattenfängers.

Der Leser wird in die
Geschichte hineingezogen

Halketts Blickwinkel lässt erkennen, wie eine idealistische Jugendbewegung und Aufbruchslandschaft umgebogen wird in eine uniforme, bösartige, starre Monokultur: "Wir werden weitermarschieren / Wenn alles in Scherben fällt..." Das ausdrückliche Ziel Halketts ist es, England darüber aufzuklären, dass das gegenwärtige Deutschland eine Gefahr für den Rest der Welt darstelle.

Man wird nicht leicht ein Beispiel finden, das auf vergleichbar breiter konkreter Erfahrung die Deformation der idealistischen sogenannten "Deutschen Bewegung" des frühen 20. Jahrhunderts nachzeichnet. Biographische Darstellung hat ihre Grenzen, aber den Vorzug, dass sie die Leser in die Erlebnisseite der Geschichte hineinzieht und dabei zugleich die subjektive Perspektive einräumt. Sie lässt dadurch anderen Perspektiven Raum, eröffnet sie vielleicht sogar, und verhindert den Eindruck der Objektivität und Zwanghaftigkeit des Geschehens, zu der die Historiographie neigt.

– René Halkett: Der liebe Unhold. Autobiographisches Zeitportrait von 1900 bis 1939. Übersetzung aus dem Englischen von Ursula C. Klimmer. Vorwort von Diethart Kerbs. Edition Memoria, Köln 2011. 488 Seiten, 36 Euro.

Autor: Uwe Pörksen


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