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19. April 2011

Eine Sinalco in der Dorfkneipe

"Stachelbeerjahre": Inge Barth-Grözinger knüpft an ihre Schwarzwälder Saga "Beerensommer" an.

Inge Barth-Grözinger hat es mit den Beeren: Nach ihrem Erfolg mit "Beerensommer", einer "Familiensaga aus dem Schwarzwald", folgen jetzt "Stachelbeerjahre". Auch sie sind im Schwarzwald angesiedelt, in einem Dorf bei Bad Wildbad. Die Marmelade aus den pieksigen sauren Früchten gehört zu den verhassten Grundnahrungsmitteln während der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre in Mariannes Familie.

Auch diesmal hat es die Autorin, Lehrerin für Deutsch und Geschichte in einem Gymnasium in Ellwangen, darauf angelegt, Zeitgeschichte für Jugendliche in Geschichten erlebbar werden zu lassen. Nicht auszuschließen, dass die Großelterngeneration, wenn sie das Buch mit den Enkeln zusammen liest, in die eigene Jugend während der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzt wird und deckungsgleiche eigene Geschichten zu erzählen beginnt: Vom sensationellen ersten Fernseher des Dorfes, von den Sonntagnachmittagen mit "Fury" auf dem Bildschirm und einer Sinalco in der Dorfwirtschaft, von der Begeisterung für Elvis Presley und seine Musik. Mariannes familiäre Welt ist eng. Zwar zeichnet sich der Fortschritt am Horizont ab. Dennoch liegt über allem eine kaum fassbare Bedrückung. Schließlich ist das Gemetzel des Krieges noch nicht lange vorbei. Niemand will daran erinnert werden oder gar darüber reden. Die Menschen sind hungrig nach Leben.

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Aber wie eine Krake streckt die jüngste Vergangenheit ihre Fangarme in die Gegenwart der dörflichen Gesellschaft aus, angefangen bei den Flüchtlingen, die sich im Dorf ansiedeln, bis zur öffentlich als "Wunder" gefeierten Rückkehr aus der Gefangenschaft von Karins tot geglaubtem Vater. Für Mariannes beste Freundin ist sie in Wirklichkeit eine Katastrophe: Der an Leib und Seele zerstörte Mann findet seinen Platz besetzt und ist für seine Familie eine kaum erträgliche Belastung. Schließlich Marianne selbst: Erst als die Siebenjährige in der Schule als uneheliches Franzosenkind verhöhnt wird, versteht sie, was das Geflüster von dem "Kuckuck" bedeutet und warum sie, anders als ihre ältere Schwester Sieglinde, von ihrer Großmutter als Aschenputtel der Familie behandelt wird. Walter Holzer, der im Krieg gefallene Sohn und Ehemann von Mariannes Mutter, ist nicht ihr Vater. Von Frieden kann in der aus Großeltern, Schwiegertochter und zwei Töchtern bestehenden Restfamilie keine Rede sein.

Es sind exemplarische Schicksale dieser Zeit, die die Autorin erzählt, manche Figuren ein wenig holzschnittartig gezeichnet, die Handlung zuweilen erwartbar. Von Mädchen wie Marianne mit ihrem Bücher- und Bildungshunger hat man etwa bei Ulla Hahn schon auf anderem literarischen Niveau gelesen. Aber die "Stachelbeerjahre" bieten Jugendlichen viele Lese- und vor allem auch Diskussionsanreize. Der Roman ist handwerklich gut gemacht – bis auf das makabre Ende des umschwärmten Gastarbeiters Enzo. Das erscheint arg weit hergeholt und dramaturgisch wenig schlüssig.
– Inge Barth-Grözinger: Stachelbeerjahre. Roman. Thienemann Verlag, Stuttgart/Wien 2011. 352 Seiten, 16,90 Euro. Ab 13.

Autor: Anita Rüffer