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28. Januar 2012

Es lebe JFK!

Der Wunsch, die Geschichte umzuschreiben: Stephen Kings Roman "Der Anschlag".

  1. Ein Attentat, das die USA veränderte: Präsident John F. Kennedy bricht tödlich getroffen zusammen. Foto: dpa/afp

  2. Vom Horror zur Historie: Stephen King Foto: AFP ImageForum

M an stelle sich folgendes Szenario vor: Durch einen Zufall entdeckt jemand, ein Deutscher der Gegenwart, eine Möglichkeit, ins Jahr 1939 zurückzureisen. Und er käme auf die Idee, die Geschichte zu verändern. Wäre sie nicht ganz anders verlaufen, wäre Adolf Hitler in diesem Jahr bei dem Attentat im Münchner Bürgerbräukeller tödlich verwundet worden? Nach der Beseitigung des "Führers" hätte es doch den Zweiten Weltkrieg niemals gegeben, hätte der Holocaust niemals stattgefunden, hätte es nicht Millionen von Toten gegeben. Der Zeitreisende beschließt also, einem gewissen Georg Elser eine entscheidende Information zu geben: Er solle den Zeitzünder seiner Bombe im Bürgerbräukeller auf eine Viertelstunde früher einstellen. Dann fände die Explosion nicht erst statt, kurz nachdem Hitler den Keller verlassen hat.

Stephen King hat sich ein ähnliches Szenario ausgedacht, für die US-amerikanische Geschichte, in seinem neuen Roman "Der Anschlag", der im Original "11/22/63" heißt. Ein Datum, das jeder Amerikaner kennt: Der 22. November 1963 war der Tag, an dem Präsident John F. Kennedy erschossen wurde. Eine historische Katastrophe. Wäre das nicht passiert, so spekuliert Jake Epping, der Held in Kings Roman, hätte der junge, liberale Präsident die Eskalation des Vietnamkriegs verhindert, hätten nicht drei Millionen Menschen ihr Leben verloren. Also will Jake verhindern, dass der Attentäter Lee Harvey Oswald in Dallas zum Schuss kommt.

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Jake Epping ist Englischlehrer in einer kleinen amerikanischen Stadt. Ein Bekannter von ihm, Besitzer eines Diner, hat dort im Vorratsraum ein Zeitloch entdeckt. Es führt ins Jahr 1958, genauer gesagt ist es auf der anderen Seite der 9. September 1958, 11.58 Uhr vormittags.

Zeitreisen, ihre möglichen Gesetzmäßigkeiten und vor allem ihre Paradoxien sind schon immer ein faszinierendes Thema von Science-Fiction-Literatur. Stephen King denkt sich eigene Regeln dafür aus: Durch das Zeitloch in seinem Roman kann man jederzeit zurückkommen, und egal, wie viele Stunden, Tage oder Jahre man auf der anderen Seite war, es sind in der Gegenwart immer nur zwei Minuten vergangen. Und geht man dann wieder hinein, ist es auf der anderen Seite wieder 11.58 Uhr am 9. September 1958. Und die ganze Geschichte dort beginnt von vorn.

Sich ein solches eigenes Regelwerk auszudenken, ist die Grundlage von Kings Literatur. In seinen Romanen können Autos lebendig sein, Pseudonyme zu echten Personen werden, kann das Böse schlechthin aus der Kanalisation kommen. "Der Anschlag" ist allerdings kein Horrorroman wie die Bücher, für die King weltberühmt geworden ist; es ist kein Buch über individuelle Ängste. Wie schon "Die Arena", sein vorletzter Roman von 2009, ist es ein Buch mit einer gesellschaftlichen Dimension. Wie "Die Arena" die globale Klima- katastophe thematisierte, stellt "Der Anschlag" die Frage nach der Geschichte und ihrer Veränderbarkeit.

Allerdings ist "Der Anschlag" nicht so konsequent wie "Die Arena". Denn auf seinen etwas mehr als tausend Seiten ist das Buch über sehr lange Strecken hin fast ausschließlich ein nostalgischer Liebesroman. Jake Epping reist eben ins Jahr 1958, um in den fünf Jahren, die ihm bis 1963 bleiben, Oswald umzubringen, ehe dieser Kennedy umbringt. Weil er in der Zwischenzeit etwas tun muss, geht er in seinen alten Beruf, wird Lehrer an der Schule einer kleinen Stadt – und verliebt sich in Sadie, die ebenfalls neu angekommene Bibliothekarin.

Diese Liebesgeschichte ist um einiges zu lang, da hätte ein konsequenteres Lektorieren helfen können. Spannend wird das Buch durch Jakes Doppelleben. In dessen zweiter Hälfte nämlich spioniert er Oswald nach, wird sein Nachbar, erlebt Szenen seiner Ehe mit Marina, die Oswald aus Russland mitgebracht hat, wo er als Roter eine Zeitlang war. Er ist eine merkwürdige Gestalt, der Fidel-Castro-Anhänger Oswald, der auf die Idee kam, Kennedy zu erschießen, weil dessen Konvoi an dem Schulbuchlager vorbeifuhr, in dem er arbeitete. Auch bei King wird diese Gestalt nicht recht fassbar, trotz oder gerade weil sich der Autor – mit kleinen Veränderungen – an die wenigen bekannten Fakten hält.

Jake Epping fühlt sich in der Vergangenheit und in der sympathischen Kleinstadt Jodie, in der im Jahr 1958 niemand seine Haustür abschließt, sehr wohl. Die Liebesgeschichte mit Sadie endet allerdings fast tragisch, ihres gewalttätigen Ex-Mannes wegen. Dann läuft sie schließlich mit der Attentatsgeschichte zusammen, eben am 22. November 1963. Jake hatte es sich einfach vorgestellt, Oswald an seinem fatalen Schuss zu hindern, doch es erweist sich als alles andere als einfach. Die Geschichte legt Jake ständig Hindernisse in den Weg. Sie wehrt sich dagegen, verändert zu werden. Jake gerät nicht nur in verwirrende, sondern auch in mehr als bedrohliche Situationen.

Zum Ende hin wird "Der Anschlag" ein echter Thriller. Außerdem ist es eine faszinierende Variante von Zeitreisen-Romanen, ein historisch gesättigtes Buch und eine Liebesgeschichte mit ganz eigenem Happy End. Aber vor allem ist es eine eigene Antwort auf die Frage, ob die Geschichte zum Guten veränderbar ist. Welche Effekte hat es, wenn ein fatales historisches Ereignis ausbleibt? Eine ganz alternative Geschichte? Vielleicht wäre ja alles sogar schlimmer gekommen.

Die Wahl Obamas gab den

Anlass für den Roman.

So wie King sein Buch konstruiert, gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Fragen. Es ist ein nicht wirklich weit getriebenes Gedankenexperiment, in dem vor allem der Wunsch zum Ausdruck kommt, eben solche Ereignisse revidieren, die Geschichte neu schreiben zu können.

Als Kennedy ermordet wurde, war Stephen King 16 Jahre alt. Er war in einer Familie strammer Republikaner aufgewachsen, die keine Sympathien für Kennedy hatte. Aber er erlebte die Folgen des Attentats mit. Und wollte schon 1972, als er selbst noch Lehrer war, diesen Roman schreiben. Es ging nicht, weil die Ereignisse noch zu nahe waren. Erst die Wahl Barak Obamas war für ihn der Anlass, das Buch zu schreiben, wie er in Interviews sagt. Weil hier wieder ein junger Präsident gewählt wurde, der ein Hoffnungsträger war. Aber Obama hat die übergroßen Erwartungen nicht erfüllt. Kennedy hätte es wohl auch nicht gekonnt.

– Stephen King: Der Anschlag. Roman. Aus dem Amerikanischen von Wulf Bergner. Heyne, München 2012. 1056 Seiten, 26,99 Euro.

Autor: Thomas Steiner