Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
19. Juni 2008
Fernsehprogramm der Vergangenheit
Die Fricktalisch-Badische Vereinigung arbeitet an einem Buch über die Sagen der Nachbarn am Hochrhein beiderseits der Grenze
Zahllose Sagenbücher, alemannische Taschenwörterbücher, Landkarten, Zeitschriften und Akten, zum Teil lose Blätter stapeln sich auf dem Schreibtisch von Werner Fasolin; der Schweizer aus der Gemeinde Frick-Obergipf steckt mitten in einem Mammutprojekt. Seit den 80er Jahren sammelt der Lehrer Sagen, mittlerweile drei Jahre arbeitet Fasolin intensiv am Sagenbuch der Fricktalisch-Badischen Vereinigung, einem grenzüberschreitenden Verein, der sich für die Erhaltung kultureller Heimatgeschichte einsetzt. Im Oktober soll das Buch erscheinen.
Sie heißen Pfaffenmattjoggele, Maisenhardt, Ludi und Leelifotzel, die kleinen Erdmännchen und stets hilfsbereiten Zwerge, Kruzifixe, die auf wundersame Weise wieder auftauchen, Glocken, die nicht mehr läuten wollen, und natürlich Hexen, Teufel – der Stoff aus dem die Sagen sind, ähnelt sich nicht selten. Werner Fasolin weist auf den Tisch vor sich, es gibt schon einige Veröffentlichungen, die Grundlage für seine jetzige Arbeit.
Auch die Fricktalisch-Badische Vereinigung hat sich bereits mit dem Thema beschäftigt. 1957 erschien eine kleine Jahresschrift mit Sagen und 1987 mit "Sagen aus dem Fricktal" ein mit 350 Sagen recht umfassendes Werk. Beide Bücher sind längst vergriffen. Im neuen Buch soll auch der Hotzenwald einbezogen werden. "Der Rhein ist für uns keine Grenze, kulturell und sprachlich sind wir uns sehr nahe, gehörten alle mal zu Vorderösterreich; diese Parallelen zeigen unsere Sagen; sie sind das Fernsehprogramm der Vergangenheit", erklärt Fasolin. Ursprünglich habe man mit etwa 50 Texten aus dem Hotzenwald gerechnet, jetzt liegen schon mehr als 180 vor, für das Fricktal sind es rund 350.
Werbung
Viele Sagen sind zum Teil noch nie schriftlich erfasst worden, beschreibt Fasolin seine ehrenamtliche Arbeit. Die rund 500 Sagen sollen einen detaillierten Überblick über die mystischen Geschichten der Region beiderseits des Rheins geben. "Das Interesse ist viel größer als etwa an Landeschroniken oder Geschichte, Sagen sind populär und identifikationsstiftend; es hat schon etwas von einer Sisyphusarbeit." Früher seien echte Sagen oft mit Versen, Gedichten oder eben "nur" Schwänken vermischt worden. Die Geschichte um die Entstehung des Dorfnamens Ibach sei ein klassisches Beispiel, hier handele es sich um eine Verschleifung des Ausrufes "Ich backe! – I bach!", der in einem Streit um den einzigen Backtrog im Dorf gebraucht worden sein soll. Nicht, dass dies uninteressant wäre, wehrt Fasolin ab, aber es sei eben keine Sage. "In einer Sage gibt es immer etwas Mystisches, scheinbar Übernatürliches, ein übersinnliches Wesen etwa."
ans Tageslicht
Um das Buch noch interessanter zu machen, wird es für jede Sage einen Quellennachweis und im Anhang ein ausführliches Sachregister geben. Dies, so Werner Fasolin, sei die langwierigste und schwierigste Arbeit gewesen. So soll dem Leser ein möglichst auch sprachlich einheitliches Bild geboten werden und einige Begriffe in den Texten mussten korrigiert und angeglichen werden. Wenn die hochdeutsche Ortsbezeichnung "Wiese" in Sagen erwähnt wurde, dann sollte dies, wie im Alemannischen üblich eben eine "Matte" sein. Einige Sagen mussten fast neu geschrieben werden. Irgendwann im steifen Amtsdeutsch aufgesetzt, sollen sie im Buch auch wirklich erzählt werden, so wie Sagen früher eben immer von Generation zu Generation weitergegeben wurden.
Als Illustratoren für das Sagenbuch konnte der Verein regionale Maler und Künstler wie die Bad Säckingerin Andrea Ferraro und die Schweizer Timo Rager, Armin Haltiner und Ruedi Pfirter gewonnen werden. Parallel zum Buch entsteht eine CD mit einer kleinen Auswahl, ausschließlich von Mundart-Sprechern aus den verschiedenen Orten erzählten Sagen. Neben ganz normalen Fricktalern und Hotzenwäldern stehen auch über die Region hinaus bekannte Künstler im Studio. Zu ihnen gehört die auch aus Rundfunksendungen bekannte Schriftstellerin Heidi Knoblich aus Zell im Wiesental. Ob Werner Fasolin diese Arbeit nochmals übernehmen würde, beantwortet der Lehrer mit einem lachenden "Auf jeden Fall, das ist kein Muss, sondern eine reine Lustarbeit."
Autor: Susan Bersem


