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09. April 2011
Hauptzeile
Michel Houellebecqs grandioser Roman "Karte und Gebiet".
Michel Houellebecq ist am Ende tot. Tot? Auf die denkbar grausamste Art ist der "Autor der Elementarteilchen" hingemetzelt worden – mit einem chirurgischen Laserschneider: Die auf dem Boden verstreuten Fleischfetzen sehen aus wie ein Gemälde des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock. Nur der Kopf des Schriftstellers thront unbeschädigt auf einem Stuhl. Selbst die beinharten Jungs vom polizeilichen Erkennungsdienst strecken bei diesem Anblick die Waffen, nachdem sich die Dorfgendarmen schon ausgiebig übergeben haben. Michel Houellebecq, der Autor des mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman "Karte und Gebiet", hat sich mit masochistischer Lust seinen gewaltsamen Abschied von der Erde ausgemalt – um damit allen seinen Kritikern zu verkünden: Hurra, ich lebe noch. Auch der Hund, der seinem in klösterlicher Abgeschiedenheit lebenden Herrn – der sich im Klappentext des Romans mit einem Hund auf der Schulter zeigt – einzig Gesellschaft geleistet hat, ist brutal enthauptet worden: ein veritabler Doppelmord. Und das alles nur wegen eines Porträts von Houellebecq, das auf dem ausgeflippten Kunstmarkt binnen kurzer Zeit für zwölf Millionen Euro verkauft werden kann – an einen indischen Magnaten. Es hätte auch ein Chinese oder Russe sein können.
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Houellebecq ist die kühn gewählte Nebenfigur des Protagonisten von Michel Houellebecqs neuem Roman: einem Maler namens Jed Martin, der auf abenteuerliche Weise aus der Nullposition zum Star der internationalen Kunstszene aufsteigt – ausgerechnet mit Fotografien von Michelin-Departementalkarten, deren präzise Schönheit jeder fotografischen Abbildung weit überlegen ist. In Martins erster Ausstellung trägt die Karte den Sieg über das fotografierte Gebiet davon: zur deutlichen Freude des Michelin-Konzerns, dessen junge, blonde, atemberaubend attraktive russische Mitarbeiterin Olga sich unweigerlich in den unscheinbaren und schmächtigen Künstler – eine Statur wie der Autor Houellebecq – verliebt. Ein Märchen? Eine beißende Satire?
Bei Michel Houellebecq weiß man nie. Die in vierzig Sprachen übersetzten Romane des weltberühmten französischen Autors stellen mit einer desillusionierten Schärfe, die in der Literatur der Gegenwart ihresgleichen sucht, dem Spätkapitalismus seine Verfallsdiagnose – ohne Kritik, ohne Anklage, ohne Bitterkeit, ohne Aussicht auf Änderung. "Ich habe kein Interesse daran, die Uhr zurückzudrehen, weil ich es schlicht für unmöglich halte. Man kann nur beobachten und beschreiben. (…) Ich schildere die Katastrophe, die durch die Liberalisierung der Werte über uns hereinbricht", hat er in einem Interview gesagt. Vielleicht ist Michel Houellebecq einer der größten Melancholiker unter den Gesellschaftsanalytikern unserer Tage: sein Alter Ego in "Karte und Gebiet" jedenfalls weist, als ihn der Künstler zum ersten Mal in Irland aufsucht (wo Houellebecq tatsächlich lebt), die Symptome einer fortgeschrittenen Depression auf: Alkoholismus, Vernachlässigung von Hygiene, Kleidung und Wohnung, weitgehender Rückzug von menschlicher Kommunikation. Die Handyabfrage des Ermordeten wird 93 Anrufe in drei Jahren ergeben.
Es muss Michel Houellebecq einen finsteren Spaß bereitet haben, den berühmten Autor Michel Houellebecq als ein dermaßen heruntergekommenes Wrack darzustellen. Wer weiß schon, ob die Schilderung den Tatsachen entspricht oder nicht? Vier Päckchen Zigaretten am Tag sind verbürgt, doch einen Hang zur Depression bezweifelt der zarte, schüchterne Mann, der sich gern in einem Parka verschanzt. Das Spiel, das Houellebecq mit Houellebecq betreibt, ist in jedem Fall defätistisch und selbstironisch: eine radikale Absage an den perversen Promikult der Medien, die ihren opportunistischen Part spielen in der glatten, langweiligen, leeren, hohlen, aber auch durchaus angenehmen Luxuswelt der Profiteure des ökonomischen Weltsystems – in dem Frankreich zum Gesamtdisneyland für Romantiker der Haute Cuisine und des ländlichen Idylls mutiert ist, zum touristischen Eldorado für die Superreichen aus der ehemaligen Dritten Welt.
Houellebecq zeigt in dem ihm eigenen nüchtern-schwermütigen, faktisch-sanften, unromantisch-zarten Ton, der betört und zugleich zutiefst verstört, wie eine in ihrer Produktivität stagnierende westliche Gesellschaft in der fortgeschrittenen Globalisierung funktioniert – das heißt: wie die unter ihren vom Geld diktierten Bedingungen produzierte Kunst von den Rändern aus aufgesogen und kapitalistisch infiziert wird. Jed Martin, ein spröder, wortkarger Einzelgänger wie sein um einige Jahre älteres Alter Ego Michel Houellebecq, arbeitet jahrelang im Verborgenen. Als er dann vorsichtig an die Öffentlichkeit tritt, wird er, gepusht von einer mit allen Tricks vertrauten PR-Agentin, vom Markt mit schwindelerregender Geschwindigkeit "entdeckt" und "gemacht".
Jed Martin kommt durch den wie Aktien in die Höhe schießenden Marktwert seiner Bilder – er scheitert schließlich an dem Gemälde "Damien Hurst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf" – zu erheblichem Reichtum. Doch das vorübergehend nahezu perfekte Glück einer Liebe mit angenehmen Wochenenden in altehrwürdigen französischen Landhotels ist mit der karrierebedingten Versetzung Olgas nach Russland für immer zerstört. Als Jed, der sich von der Frau seines Lebens am Flughafen mit erstaunlicher Teilnahmslosigkeit verabschiedet hat, Wochen später Worte aus einem sentimentalen Chanson ins Gemüt schleichen, kommen ihm die Tränen der Verzweiflung.
Michel Houellebecq wird in Gesprächen nicht müde, sich als Romantiker zu bezeichnen: ein Romantiker, der an der Welt, wie sie sich unter seinem unbestechlichen Auge offenbart, leidet und der an die "unbegrenzte Glückseligkeit" nicht im Jenseits, sondern im Hier und Jetzt, an die Liebe und die Seele glaubt: Soll man ihm das abnehmen?
Unbestreitbar ist, dass Michel Houellebecq mit "Karte und Gebiet" seinen bisher besten Roman geschrieben hat – einen so abgeklärten wie sanften Abgesang auf die Zivilisation und die Menschengattung: "zurück bleiben nur sich im Wind wiegende Gräser".
– Michel Houellebecq: Karte und Gebiet. Roman., Aus dem Französischen von Uli Wittmann. DuMont Verlag, Köln 2011. 416 Seiten, 22,99 Euro .
Autor: Bettina Schulte



