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03. Februar 2012
Hölle und geliebte Heimat
FAMILIENPORTRÄT: Diana Nasher liest aus ihrem Drei-Generationen-Buch "Töchterland".
Drei Frauen, drei Generationen, drei ungewöhnliche Leben zwischen Afghanistan und Deutschland. Am unglaublichsten ist sicherlich das von Großmutter Elisabeth, einer Frau aus bürgerlichem Hause in Worms, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen jungen afghanischen Studenten beim Tennisspielen kennenlernt und ihm trotz des Widerstands ihrer Eltern nach Afghanistan folgt. So abenteuerlich und märchenhaft sie sich das Leben im fernen Afghanistan vorgestellt hat, so schockiert ist sie, als sie dort nach einer langen Reise eintrifft. Trocken, steinig und arm ist dieses Land. Und doch beginnt sie es zu lieben.
Diana Nasher, ihre Enkelin, hat Elisabeth in ihrem Buch "Töchterland. Die Geschichte meiner deutsch-afghanischen Familie" ein liebevolles Denkmal gesetzt. Sie erzählt, wie diese Großmutter sich zunächst willig den für sie schockierenden Traditionen anpasst, sich in ein weites Gewand hüllt, das ihr nur ermöglicht, durch ein kleines Gitterfenster vor dem Gesicht die unbekannte Welt zu entdecken. Und wie sie sich schließlich davon befreit. Zunächst gegen den Widerstand ihres Mannes, der Angst hat, seine deutsche Frau könnte ihm Schande bereiten.
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Doch nicht nur Persönliches zwischen diesem so ungleichen Paar erzählt Diana Nasher in schlichter, eingängiger Sprache. Ihr Buch gibt einen guten Einblick in die wechselvolle und schmerzhafte Geschichte dieses Landes. Nach der Ermordung Nadir Schahs, der sich für eine Modernisierung des Landes stark gemacht hatte, wird Elisabeths Mann verhaftet. Jahrelang steht sie unter Hausarrest und kann schließlich mit Tochter ins vom Krieg zerstörte Deutschland flüchten. Als sie nach Afghanistan zurückkehrt, findet sie einen gebrochenen Ehemann vor. Folter, Hunger und Haft haben ihn so sehr verändert, dass sie ihn kaum wieder erkennt. Sie lässt sich schließlich scheiden.
Diana Nasher gewährt am Beispiel ihrer Mutter Mariam auch einen ungewöhnlichen Blick auf die Traditionen dieses Landes. Bereits mit 15 Jahren heiratet die Mutter einen Mann aus einer angesehenen Paschtunen-Familie. Sie wird die Zweitfrau. Was in Deutschland schockieren mag, erscheint in der Erzählung Diana Nashers in einem ganz anderen Licht. Fast wie ein Paradies schildert sie ihre Kindheit im Schoße der reichen Großfamilie. Die beiden Ehefrauen kommen gut miteinander aus. Die Kinder genießen es, immer Spielkameraden um sich zu haben. Der Vater ist zwar ein Patriarch, aber auch ein Modernisierer. So darf Tochter Diana in Prag Medizin studieren.
Doch dann beginnt der Niedergang des Landes und auch die Familie wird in den Strudel gerissen. Der angesehene Vater wird nach einem Putsch verhaftet. Nach seiner Freilassung flüchtet die ganze Familie, einschließlich Großmutter Elisabeth, nach Deutschland – immer in der Hoffnung, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Dann aber marschiert die Sowjetunion in Afghanistan ein und auch diese Hoffnung zerplatzt.
2003, zwei Jahre nach Ende der Taliban-Herrschaft, kehrt Diana erstmals nach Afghanistan zurück – und findet ein Land vor, das sie kaum noch wiedererkennt. Die meisten ihrer Besitztümer sind zerstört, dort, wo einmal blühende Gärten und Felder lagen, wächst nichts mehr. Die Bauern sind geflüchtet, ihre Felder nach den langen Jahren des Kriegs vermint und unbrauchbar. Auch Diana Nasher zeigt sich ratlos, wie diesem geschundenen Land geholfen werden kann. Sie plädiert dafür, den freiheitsliebenden Afghanen das Schicksal selbst in die Hand zu geben, allerdings schrittweise, damit nicht wieder ein Machtvakuum entsteht und neue Kriegsherren versuchen, die Herrschaft an sich zu reißen. Ihr Buch ist ein mitreißendes und verzweifeltes Plädoyer, diesem Afghanistan, dem sie sich so verbunden fühlt, die Würde wiederzugeben.
– Diana Nasher: Töchterland. Heyne Verlag, München 2011. 304 Seiten, 19,90 Euro.
– Die Autorin liest heute, Freitag, 20 Uhr, im Buchladen in der Rainhof Scheune in Kirchzarten-Burg, Höllentalstraße 96. Der Erlös geht an die Deutsch-Afghanische Initiative in Freiburg.
Autor: Annemarie Rösch
