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18. Januar 2012

In der schönen Schwebe

Jochen Schimmangs utopischer Roman "Neue Mitte" träumt von einer kleinen herrschaftsfreien Gelehrtenrepublik.

  1. Liebhaber der happy few: Jochen Schimmang Foto: teja sauer

Von den "happy few" schrieb Jochen Schimmang 1998 in "Vertrautes Gelände, besetzte Stadt", den "archaischen Existenzen", die "durch die Literatur gerettet" werden. Entsprechend bevorzugt der 1948 geborene Erzähler Figuren, die jener erlesenen Kultur angehören: ausgewiesene Ästheten, Connaisseure des Kinos, der Kulinarik, der Liebe, einer Utopie verpflichtet, die nicht von dieser durchökonomisierten Welt ist.

Ungewohnt am neuen Roman ist der Umstand, dass sich Schimmang nicht als Archivar einer entschwindenden Welt betätigt, sondern einen im Winter 2029/30 spielenden Zukunftsroman vorlegt, vertraut hingegen, dass in dessen Mittelpunkt eine "happy few"-Szene steht: In der "neuen Mitte" einer unschwer mit Berlin identifizierbaren Stadt hat sich im verwaisten Regierungsviertel eine Gruppe "wilder Siedler" – Handwerker, Historiker, Anarchisten – zusammengefunden, in den architektonischen und politischen Trümmern einer Diktatur, die neun Jahre lang herrschte, bevor sie vor vier Jahren von einer "Internationalen Befriedungstruppe" gestürzt wurde. Analogien mit der "Stunde Null" 1945 sind unvermeidbar, wären aber zu simpel. Denn Schimmang geht es weniger darum, eine konkrete politische Konstellation zu zeichnen. Seine Versuchsanordnung gilt grundsätzlichen Fragen von Macht, Freiheit und der Positionierung des Einzelnen zum gesellschaftlichen Geschehen.

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Der Ich-Erzähler Ulrich Anders (!) hat die Diktatur in einer Art innerem Exil im Westen der Republik verlebt, als Angestellter einer Delikatessenhandlung in Aachen. Nun wird er von seinem Freund Sander in die Metropole gerufen, um dort am Aufbau einer Bibliothek mitzuwirken. In dieser Funktion kann er, was auch so eine Utopie wäre, im Stillen arbeiten und zugleich das Geschehen um ihn herum beobachten. Er flaniert durch die Stadt, nimmt wahr, wie sich Anhänger des alten Regimes neu formieren, verfolgt die Gruppenprozesse in der "Neuen Mitte", erlebt eine Liebesgeschichte.

Ein flüchtiger "Zustand der schönen Schwebe", eine kleine herrschaftsfreie Gelehrtenrepublik ist dieser Zirkel von Menschen mit "ausgeprägtem Sonderbewusstsein", die etwas aufbauen, von dem klar ist, dass es vergehen wird. Allein dass ihre "transitorische" Lebensweise existieren kann und Möglichkeiten beinhaltet, macht ihren Sinn und so etwas wie die "Botschaft" des Romans aus: Musils von Schimmang zitierte These "Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben" liest sich wie ein Kommentar zu aktuellen Entwicklungen.

Der Roman ist allerdings mehr als eine melancholische Hommage an jene Geisteswesen, die stets wenige, aber nicht immer happy sind. Vielmehr schafft sich Schimmang eine Bühne, die an die gute alte Postmoderne erinnert: Wenn man schon den Aufbau einer Bibliothek als Thema wählt, muss man deren Sinn illustrieren, indem man das Erzählen feiert. So gibt Schimmang der schieren Lust an der Literatur die Zügel, nutzt die Möglichkeiten des Zukunftsromans und entfesselt ein Feuerwerk an Anspielungen, von Profanem wie dem Fußball (indem er den Aachener Idolen Münzenberg und Del’Haye ein Denkmal setzt) bis zu zahllosen Spielen mit dem Fundus der Literatur von Borges über Beckett zu Foucault – ein heiteres Rätselraten, nicht nur für Spezialisten: Dass jeder glücklich wird, der Schimmang liest, bestätigt dessen "Neue Mitte" erwartungsgemäß.
– Jochen Schimmang: Neue Mitte. Roman. Hamburg, Edition Nautilus, Hamburg 2011. 255 Seiten, 19,90 Euro.

Autor: Thomas Schaefer