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26. Juni 2010

KRIMINALROMAN: Nichts ist, wie es war

"13 Stunden" ist ein neuer Thriller von Deon Meyer.

  1. Deon Meyer Foto: dpa

Feierabend. Nach 13 Stunden. Ein langer Arbeitstag geht zu Ende für den South African Police Service von Kapstadt. Reichlich Blut ist geflossen, gleich zwei Fälle wurden abgeschlossen, und Inspekteur Bennie Griessel ist plötzlich "Kaptein": Der Ex-Alkoholiker war lange hängen geblieben auf der Karriereleiter. "13 Stunden" hat Südafrikas großer Kriminalschriftsteller Deon Meyer seinen aktuellen Roman getauft. Die Zeitspanne der Handlung umfasst also etwas mehr als einen halben Tag und ist ähnlich vollgepackt wie eine atemlose Stadtführung, nur dass Meyer unter die Oberfläche der Attraktionen schaut – und auch mal abschweift.

Eine jugendliche Bande verfolgt eine amerikanische Rucksacktouristin, deren Freundin am frühen Morgen mit aufgeschlitztem Hals aufgefunden wurde. Im zweiten Fall liegt ein berühmter, südafrikanischer Musikproduzent erschossen in seinem Wohnzimmer. Der fast ausrangierte Griessel soll den Mentor spielen für zwei frisch gebackene Inspekteure – der eine schwarz, der andere farbig. Schnell sieht er sich konfrontiert mit dem alltäglichen Rassismus der Post-Apartheid, wo nichts selbstverständlich ist, wo alte Ressentiments und Hierarchien aufbrechen und immer wieder neue entstehen. Am prägnantesten zu sehen ist dies an einer moralisch rigiden, aufgrund ihrer Fettleibigkeit oft verspotteten, unerschrockenen schwarzen Polizistin, die ihren Einsatz – als wäre die Gesellschaft noch nicht reif für sie – fast mit dem Leben bezahlen muss.

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Schicht um Schicht, in mehrere Erzählstränge aufgedröselt, schafft es Meyer, nicht nur die südafrikanische Tourismusbranche und Musikszene zu beleuchten, wo auch ins Afrikaans übersetzte deutsche Schlager Hits werden, sondern auch unter die Haut zu blicken und Veranlagungen psychologisch auf den Grund zu gehen. Platt gesagt, hat jeder an den Verhältnissen zu knabbern, die mal mehr mal weniger gesellschaftlich bedingt sind. Die Leidenden aber haben eines gemeinsam: Sie verhalten sich extrem. Sex- und Alkoholsucht, Gier nach Anerkennung und Macht scheinen für Meyer nur menschlich.

Geschickt verbindet der Autor die hochspannende Verfolgungsjagd mit langen Verhören und Reflexionen. Statt schwarz-weiß zu malen, setzt er kleine Lichtpunkte der Erkenntnis auf die Seelen seiner Protagonisten, die beim Leser auch nach der WM oder nach einer weiteren Schreckensmeldung aus Südafrika hoffentlich weiterleuchten. Als Griessel endlich Feierabend hat, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht: Für ihn wird nichts wieder so, wie es einmal war. Doch das bisschen Fortschritt der Gesellschaft hilft über die eigene Misere hinweg.
– Deon Meyer: 13 Stunden. Deutsch von Stefanie Schäfer. Rütten und Loening, Berlin 2010. 470 S., 19,90 Euro.

Autor: Joachim Schneider