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04. Februar 2012

KRIMINALROMANE: Das Beste für die Brut

Rob Alef sucht und findet "Kleine Biester" in Berlin.

Der Moloch Großstadt verlangt seine Opfer. Gnadenlos verschlingt er alles, was sich nicht wehren kann. Zumal Krieg herrscht in der großen Stadt. ",Kinder haben ist wie Krieg‘, dachte Corinna Velbisch, ,… und beim Putzen geht jedes mal ein Küchenschwamm drauf.‘" So sieht er aus, der Krieg in Berlin: Kinder kämpfen um ihr Territorium auf dem überfüllten Kreuzberger Spielplatz, die Mütter sinnieren und entwickeln Strategien. Ein paar Augenblicke später schlägt der Moloch zu: Anna, beste Freundin von Tochter Fred, wird verschluckt von einem riesigen Loch im Sandkasten und verschwindet in einer unterirdischen Parallelwelt.

Noch mehr Abgründe tun sich auf: Ein Serienkiller hat es auf Sechstklässler der James-Hobrecht-Grundschule abgesehen. Das vermutete Motiv übersteigt alles je Dagewesene. Wie sich herausstellt, haben die Halbwüchsigen eins gemeinsam: Sie stehen oben auf der Warteliste für das angesagte Rosenhof-Gymnasium. In Berlin beginnt die höhere Schule nach der 6. Klasse – nicht nach der fünften wie hierzulande. Doch ist so ein Fall nicht auch an der Dreisam vorstellbar? Mensch will doch nur das Beste für seine Kleinen.

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Die Kleinen aber sind auch nicht gerade Unschuldsengel, sondern "Kleine Biester", wie der Name des Romans es sagt. Der Berliner Rob Alef – in seinem anderen Leben als Rechtshistoriker tätig – hat in seiner dritten Kriminalposse ein gärendes Soziotop ätzend karikiert, getreu dem Motto: Auch der Öko-Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Und am harten Ego-Holz der Eltern nagt der Ehrgeiz. Ähnlichkeiten mit Lebenden aus Alternativ-Spießertum, Ökohölle und Ich-AGs sind durchaus gewollt.

Doch gemach. Jeder kriegt sein Fett weg. Auch die schrullige Polizistentruppe oder das Schulpersonal zeichnet Alef mit liebenswerter Boshaftigkeit. Pachulke verkörpert den gemütlichsten dicken Kommissar seit Gedenken, Kollegin Zabriskie verschlingt Männer wie Whiskey, manchmal ist ihr schlecht danach. Beim ungehindert frivol pädophilen Stadtteilpfarrer bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Am komischsten wirkt Polizist Dorfner, der sein Dasein in der Sondereinheit "S.W.A.T." fristet statt in einer Elite-Truppe – von wegen spezielle Waffen und Taktiken. "S.W.A.T." heißt: "Sechstklässler wechseln die Adresse zur Täuschung der Behörden".

Bei einem Unterrichtsbesuch zur Gewaltprävention ist die Rache sein, als er das Klassenzimmer zerlegt und die Halbwüchsigen in Geiselhaft nimmt. Später entpuppt sich der Möchtegern-Rambo als Held der kruden Nebenstory, in der Insekten wie in einem Horrortrash-Film der 50er zu riesigen Monstern mutieren. Jugend hat geforscht.

Realität ist, wenn man trotzdem lacht. Alef kumuliert den Wahnsinn und die Hilflosigkeit einer entfesselten Mittelschicht in einem veritablen Thriller. Nur regieren statt Bitterkeit und Depression Humor und Sprachkunst. Trotzdem lässt einen das Gefühl nicht los, dass "Kleine Biester" mehr mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit zu tun hat als das meiste Gutgemeinte auf dem Krimi-markt. Alef ist der heimliche Krimipreisträger 2011.
– Rob Alef: Kleine Biester. Roman. Rotbuch Verlag, Berlin 2011. 349 Seiten € 14,95 Euro.

Autor: Joachim Schneider