Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

01. August 2009

KRIMINALROMANE: Etwas läuft schief

Wenn Identität zerbröselt: James Sallis, Teresa Schwegel .

Manchmal kennt man sich selber nicht mehr. Zwei preisgekrönte amerikanische Autoren beschäftigen sich damit, wie es ist, die Kontrolle zu verlieren: James Sallis in "Dunkle Schuld" und Theresa Schwegel mit "Das Gesetz der Spinne".

"DUNKLE SCHULD"
EINES TAGES WAR ER EINFACH WEG: DER BODEN UNTER DEN FÜßEN. "ICH WUSSTE, DASS ICH NICHTS UND NIEMANDEM MEHR VERTRAUTE." EINE ERKENNTNIS, DIE TURNER ZUM EREMITEN WERDEN LIEß. ABER SO EINFACH IST ES NICHT, DEM ALTEN LEBEN ZU ENTFLIEHEN. JAMES SALLIS, DER FÜR "DRIVER" 2008 DEN DEUTSCHEN KRIMIPREIS BEKOMMEN HAT, BEGANN 2003 DIE TRILOGIE UM DEN EX-COP TURNER, DEREN ERSTER TEIL "CYPRESS GROVE" JETZT AUF DEUTSCH ERSCHIENEN IST. IM SÜDEN DER USA, IN CYPRESS GROVE UNWEIT VON MEMPHIS, IST DIE WELT GERADE MAL IN ORDNUNG: SHERIFF LONNIE BATES, EINE ART ÜBERVATER DER GEMEINDE, DREHT SEINE RUNDEN, BIS EIN LANDSTREICHER TOT AUFGEFUNDEN WIRD. ER HÄNGT MIT GEKREUZTEN ARMEN WIE EINE VOGELSCHEUCHE AN EINER HÜTTE IM WALD. TURNER, DER SICH IN DER NÄHE DES ORTES IN EIN HÄUSCHEN AM SEE VERKROCHEN HAT, SOLL HELFEN, DEN MYSTERIÖSEN FALL AUFZUKLÄREN. UND TURNER ERZÄHLT. WAS FÜR EIN ICH-ERZÄHLER, DEN SALLIS EINMAL MEHR INSTALLIERT HAT: ELF JAHRE SAß ER IM GEFÄNGNIS, VIETNAM WARF DEN LIEBHABER ALTER ENGLISCHER LITERATUR AUS DER BAHN, TURNER WURDE POLIZIST, BIS ETWAS SCHIEFLIEF. SEINE ENTHÜLLUNGEN IM KREIS DER ZU TEILEN SCHÖN SCHRULLIGEN BETEILIGTEN, DIE IHR SCHERFLEIN DAZU BEITRAGEN, SIND MINDESTENS SO SPANNEND WIE DIE ERMITTLUNGEN (DESHALB WIRD NICHT MEHR VERRATEN). INKLUSIVE LEKTIONEN IN COUNTRY MUSIC, PHILOSOPHISCHEN BETRACHTUNGEN ÜBERS STADT- UND LAND-LEBEN, DAS ALTERN, DAS ANDERE ICH UND WAS VOM LEBEN ÜBRIGBLEIBT. DER DEUTSCHE TITEL "DUNKLE SCHULD" SOLL SICH WOHL AUF TURNERS VERGANGENHEIT BEZIEHEN, DOCH HIER GEHT ES NICHT UM VERBORGENES, SONDERN DARUM, LICHT ZU LASSEN IN DIE SEELE. BEI DIESEM GROßARTIGEN EINSTIEG DARF MAN GESPANNT SEIN, WIE SALLIS DIE TRILOGIE FORTSCHREIBT. "DAS GESETZ DER SPINNE"

Werbung

Auch Detective Craig McHugh hat sämtliches Vertrauen verloren. Das schmerzt: Niemanden kann er mehr trauen, weder seinen Kollegen noch seiner Familie, der renitenten, 17-jährigen Ivy und seiner Angetrauten Leslie. Dass er daran mindestens genauso Schuld trägt wie seine vermeintlichen neuen Gegner, durchschaut der Leser, aber nicht er. Das gilt auch für die Blumenverkäuferin Leslie, die an der Geheimnistuerei ihres Gatten leidet und eigene Schlüsse daraus zieht.

Der sammelt als verdeckter Ermittler Beweise gegen einen chinesischen Drogenring und gerät immer tiefer in den Strudel seines Erfolgszwangs, während die Gattin fatalerweise eigene Nachforschungen anstellt. Theresa Schwegel, die als eine Art Wunderkind des amerikanischen Kriminalromans gilt, schildert in ihrem dritten in Chicago spielenden Polizeiroman beängstigend plausibel, wie Identitäten zerbröseln – umso schmerzhafter wirken die brutalen Szenen. Man kann "Das Gesetz der Spinne", im Original sarkastisch"Person of Interest", als zusätzliche Fallstudie zu Sallis lesen.
– James Sallis: Dunkle Schuld. Deutsch von Jürgen Bürger. Heyne Verlag, München 2009. 302 Seiten, 8,95 Euro. – Theresa Schwegel: Das Gesetz der Spinne. Deutsch von Thomas Bertram. Knaur Verlag, München 2009. 476 Seiten, 8, 95 Euro.

Autor: Joachim Schneider