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30. April 2011

KRIMINALROMANE: Ganz schön düster

Neue Werke der Finnen Harri Nykänen und Matti Rönka.

Auf der Suche nach der Wahrheit im Klischee. Zwei finnische Kriminalromane, in denen kein Wort zuviel steht. Harri Nykänens "Ariel.Tod der Spinnenfrau" und "Russische Freunde" von Matti Rönka.

"TOD DER SPINNENFRAU"
Nach der spektakulären Premiere "Ariel. Mord vor Jom Kippur", indem sich der finnisch-jüdische Kommissar Ariel Kafka bestens profilieren konnte, zumal der Mossad, vermeintliche arabische Terroristen und die jüdische Gemeinde involviert waren, kommt heuer die Normalität zum Tragen. Nykänen inszeniert keinen jüdischen Superhelden, dumme rassistische Vorurteile müssen nicht noch in einen Roman, scheint der Autor zu denken. Soviel zum fast utopischen Moment, alles andere sieht doch ganz schön düster aus. Bruder Eli steckt in einer Ehekrise, Ariel denkt an die Sünde, zwei Tote liegen erstochen in einem Haus. Von wegen die übliche Rauferei nach einem Saufgelage, wie der Ich-Erzähler Kafka voreilig vermutet.

In "Tod der Spinnenfrau" erwischt es eine berüchtigte Seelenfängerin, mehr aber bereitet die zweite Leiche in deren Haus Kopfzerbrechen: Helsinkis einstiger Vizepolizeichef, Aimo Ikonen, Kafkas pensionierter Vorgesetzter, liegt auch dort. Akribisch und beharrlich behauen Kafka und sein Team den dicken Putz der Fassade des einstigen Vorzeigepolizisten. Eine drogenabhängige, inzwischen verstorbene Tochter kommt zum Vorschein und eine Geldkassette mit einem Vermögen. Die Ermittler graben noch tiefer: Ikonen hatte mal ein Verhältnis mit der Spinnenfrau und weitere Ereignisse scheinen mit dem Mord in Verbindung zu stehen. Ein lang zurückliegender Bankraub und ein rätselhafter Überfall in einem Hotel, bei dem der damalige Außenminister und der Direktor der Sozialversicherung angeblich drei oder vier Junkies in die Flucht schlugen. Schließlich taucht noch eine weitere sprichwörtliche Leiche im Keller jenes Hauses auf. Die Plattitüde, dass die Wahrheit viel komplizierter ist als gemeinhin angenommen, hat Nykänen in einen großartigen Polizeiroman gegossen. Der ehemalige Polizei-Reporter – in Finnland seit Jahren einer der erfolgreichsten Kriminalschriftsteller – weiß wovon er redet, aber noch besser, worüber zu schweigen ist. Man muss Kafka und sein sympathisches, zuteilen schrulliges Ermittlerteam einfach mögen.

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"RUSSISCHE FREUNDE"
Längst verehrt von Kritikern wie Publikum wird Matti Ronkä respektive sein Held Viktor Kärppä. Mittlerweile vier Romane um den ehemaligen Elite-Soldaten der Sowjetunion, der sich in Finnland eine neue Existenz aufgebaut hat, sind auf deutsch erschienen. Nun gibt es auch Band drei "Russische Freunde" als Taschenbuch. Dort geht es dem Gelegenheitsdetektiv und Bauunternehmer selber an den Kragen, er soll seine Unternehmen einer russischen Organisation überschreiben. Kärppä macht sich auf dem Weg zum Quell allen Übels: Das Ergebnis ist ein spannendes Road-Movie inklusive Show-Down: Lustig, da ihn der durchgeknallte Polizist Korhonen begleitet, beeindruckend, da der Leser Einblicke bekommt in unbekannte Parallelwelten.
– Harri Nykänen: Ariel. Tod der Spinnenfrau. Aus dem Finnischen von Regine Pirschel. Dortmund, Grafit 2011. 283 Seiten, 17,99 Euro. Matti Rönka: Russische Freunde. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara. Köln, Bastei Lübbe 2011. 189 Seiten, 8,99 Euro.

Autor: Joachim Schneider