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21. März 2009
KRIMINALROMANE: Seltsame Entführung
Thriller von Andrea Maria Schenkel und Ryu Murakami
Nach "Tannöd", dem großen Wurf, und "Kalteis", dessen lauwarmem Nachfolger, hat Andrea Maria Schenkel mit "Bunker" einen Roman veröffentlicht, der den vorhergehenden in nichts gleicht, von der knappen Sprache abgesehen. "Bunker" spielt in der Gegenwart und erzählt aus der Sicht der Protagonisten von einer seltsamen Entführung. Ein Mann überfällt eine Autovermietung und verschleppt die Angestellte in eine vergessene Mühle. Die Geschichte lebt davon, dass der Leser über die Motive nichts erfährt. Auch nicht vom Opfer, das fadenscheinig den "Dorfidioten" aus der Kindheit in den Unbekannten projiziert. Die Monologe der Beteiligten, eine Mischung aus Bewusstseinsstrom und Handlungsschilderung, sind durch unterschiedliche Schrifttypen gekennzeichnet, ein dritter Strang beschreibt, wie jemand durch Sanitäter und Operation gerettet wird.
Mag die Konstruktion gewieft sein, die inneren Monologe sind es nicht. Zwar gibt es falsche Fährten, um den Leser bei Laune zu halten. Sie verlieren auf dem schmalen Grat der Authentizität aber an Glaubwürdigkeit. Wie die Wandlung des Entführers vom brutalen Peiniger zum fast barmherzigen Samariter oder die kaum nachvollziehbaren Halluzinationen des Opfers. Solche Ungereimtheiten nimmt man in Kauf, wenn literarisch aus dem Vollen geschöpft wird. Die nah an der Alltagssprache gehaltenen Monologe lesen sich flott, aber sie funktionieren nicht, weil sich Handeln und Denken so nicht verschränken. Das dritte Werk der Bestsellerautorin wirkt unausgegoren.
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Ebenfalls eine Tour de Force zwischen zwei Personen hat der skandalumwitterte japanische Schriftsteller und Filmemacher Ryu Murakami in seinem Psychothriller "Piercing" inszeniert. Tatsächlich inszeniert, denn die Komposition erinnert in ihren prägnanten Szenen an eine filmische Umsetzung. Schreiben kann Murakami auch, und seine Detailgenauigkeit bekommt nicht nur in den Gewaltszenen etwas Groteskes, wenn er haarklein berichtet, wie akribisch der junge Grafikdesigner seine grauenvolle Tat plant. Der in seiner Kindheit Misshandelte verspürt am Bett seiner Tochter den Wunsch, ihr einen Eispickel ins Bäuchlein zu rammen. Damit das nicht passiert, engagiert er eine S/M-Prostituierte. Die aber ist genauso gespalten in ihrer Persönlichkeit wie ihr Peiniger, dem spätestens dann die Lust zu töten vergeht, als sie sich den Oberschenkel mit der Schere ihres Schweizer Taschenmessers malträtiert. Harte Kost, aber in sich stimmig, und Gott sei Dank nur gute Literatur.
– Andrea Maria Schenkel: Bunker. Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2009. 128 Seiten, 12,90 Euro.
– Ryu Murakami: Piercing. Roman. Aus dem Japanischen von Sabine Mangold. Liebeskind Verlag, München 2009. 173 Seiten, 16,90 Euro.
Autor: Joachim Schneider
