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03. August 2012

Man will nicht hungrig ins Paradies

Die Satire "72 Jungfrauen" von Londons Bürgermeister Boris Johnson ist auf Deutsch erschienen.

  1. Olympiabegeistert: Boris Johnson (rechts) und Fan Foto: dapd

Der amerikanische Präsident fängt sich bei Londons Bürgermeister eine Ohrfeige ein. Nicht Boris Johnson, seit 2008 Oberhaupt der Hauptstadt, watscht ihn. Johnson lässt es einen arabischen Terroristen tun – in der ehrwürdigen Westminster Hall. Dort hat der US-Präsident gerade vor versammelten englischen Abgeordneten, Diplomaten und laufenden Kameras die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus, die anglo-amerikanische Freundschaft und Zusammenarbeit im Irakkrieg gelobt. Da blamiert der Watschenattentäter namens Jones den "bösen Mann" und stellt die USA vor Gericht: "Die ganze Welt soll über Amerika urteilen."

Der terroristische Akt aus Boris Johsons turbulenter Politsatire "72 Jungfrauen" gipfelt in einem globalen, medialen Schauprozess. Seit der Ohrfeige schalten mehr und mehr Menschen aus aller Welt die Fernseher an. Chefterrorist Jones, der mit einer Handvoll Gleichgesinnter von der "Bruderschaft zweier Moscheen" den US-Präsidenten in der Gewalt hat, fordert die Zuschauer auf, bei ihren Fernsehstationen anzurufen und abzustimmen: "Finden Sie, dass Amerika die Gefangenen von Guantanamo Bay für ein faires Gerichtsverfahren in ein anderes Land schicken soll? Ja oder Nein."

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Autor Boris Johnson ist einer der beliebtesten Politiker Englands und einer der meist umstrittenen. Oft hat sich der notorische Exzentriker mit flapsigen Sprüchen und schrägen Aktionen in die Nesseln gesetzt: Nach Englands erstem olympischen Gold wollte er Fähnchen schwingend an einem Seil über die Menschenmenge im Victoria-Park schweben. In der Mitte blieb er hängen, wedelte aber unverdrossen weiter, bis Helfer ihn befreiten. "Depp des Tages" oder "Westminsters liebenswertester Clown"? Die Medien sind uneinig. Laufend kommentiert Johnson die Spiele. Für den blonden Strubbelkopf glitzern etwa die "halbnackten" Beachvolleyballerinnen "wie nasse Ottern". Offenbar nutzt er das Ereignis, um sich als Nachfolger von Premierminister David Cameron zu positionieren (BZ vom 1. August).

Da kommt ihm sicher nicht ungelegen, dass "72 Jungfrauen" – wohl kaum zufällig – erst jetzt auf Deutsch erscheint. Die Satire hat er 2004 geschrieben. Damals arbeitete der Tory als Herausgeber des konservativen Nachrichtenmagazins Spectator. In seinem Buch trägt der US-Präsident noch Züge von George W. Bush. Dennoch erscheint einiges an "72 Jungfrauen" aktuell: US-Geheimdienste verlangen schärfere Sicherheitsmaßnahmen, als die Briten sie vorsehen. New Scottland Yard fühlt sich bevormundet. Konkurrenz vergiftet die Kooperation der Sicherheitsdienste.

Daraus macht sich Johnson einen Spaß, wie aus allem. Seine stümperhaften Terroristen stellen beim Frühstück – man will ja nicht hungrig ins Paradies – den Krankenwagen, der sie zur Westminster Hall bringen soll, im Haltverbot ab. Prompt landet er auf einem Abschleppwagen. Zufall für Zufall torkeln die "Brüder zweier Moscheen" ihrem Ziel entgegen. Polizisten diskutieren, ob Rettungswagen neuerdings auch einen Koran für die letzte Ölung von Muslimen an Bord haben müssen. Depressive Scharfschützen plagen sich mit Bagdad-Flashbacks. Johnson treibt Schabernack mit trotteligen Parlamentariern, naiven Assistentinnen und wankelmütigen Fanatikern. Er wechselt zwischen Ironie, Slapstick und Sarkasmus. Selbst wenn sich nicht alle Seitenhiebe erschließen, die auf Personen des öffentlichen Lebens in England abzielen, ist sein Buch ungemein flott und witzig. Anscheinend nimmt sich Johnson auch selbst auf die Schippe. Seine Figur Roger Barlow ähnelt ihm. Der Abgeordnete ist ein Wicht ohne Meinung und Rückgrat, darf sich am Ende aber als Held profilieren. Peinlich sein, geht in Ordnung. Gänzlich selbst demontieren mag sich Johnson nicht.
– Boris Johnson: 72 Jungfrauen. Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer. Haffmanns & Tolkemitt Verlag, Berlin 2012. 416 Seiten, 19,95 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger


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