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28. Januar 2012

Nur eine Welt der Geister und Ahnen

V.S. Naipauls Reisebuch "Afrikanisches Maskenspiel" bietet Einblicke in die Religionen des Kontinents.

  1. Weltreisender der Literatur: V. S. Naipaul in seinem Haus Foto: dpa

Wenn man an die traditionelle afrikanische Religion glaubte, war man in der Defensive. Es gab keine Doktrin, an die man sich halten konnte; es gab nur ein Gefühl der Richtigkeit der überlieferten Sitten und Gebräuche, der Heiligkeit des heimischen Bodens. (…) Die Doktrin des Islam und des Christentums, beides Weltreligionen, hatte ein philosophisches Fundament und konnte ausgelegt werden. Die traditionelle afrikanische Religion kannte keine Doktrin; sie brachte sich am besten über Rituale und Dinge zum Ausdruck".

V. S. Naipaul, Literatur-Nobelpreisträger des Jahres 2001, einer der großen Weltreisenden der Literatur, arrangiert sein "Afrikanisches Maskenspiel" als Expedition in unbekanntes Gelände, eine Sondierung in Tiefenschichten der Psyche, eine Kartographierung von Fremdheit, getragen und beseelt von dem Bemühen, zum Kern afrikanischer "Glaubensvorstellungen" vorzustoßen – und damit zu einer spezifischen Realität des Kontinents. Naipauls Prämisse, dass Religion oder vielmehr: Glauben in Afrika tiefer empfunden und entschiedener gelebt wird als in den Industriestaaten des Westens, dass afrikanische Glaubenswelten mit Magie und geheimnisvoller Bedeutung aufgeladen sind und sich besonders "über Rituale und Dinge" erschließen – diese Prämisse hat ein komplexes, aus Reportage und Analyse, Beschreibung und Essay gefügtes Buch entfesselt.

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Naipaul, 1932 in Trinidad geboren, hat Afrika seit Mitte der 1960er Jahre immer wieder intensiv bereist; Teile seines gewaltigen Romanwerks sind von dieser über Jahrzehnte gewachsenen Erfahrung grundiert oder bauen, wie der Roman "An der Biegung des großen Flusses", auf ihr auf. Als Autor und Nomade westindischer Herkunft mit englischem Wohnsitz, als Citoyen der Weltliteratur, hat gerade Naipaul ein hochentwickeltes Sensorium für die diffizilen Beziehungen zwischen Eigenem und Fremdem, Mutterland und Kolonie, Zentrale und Peripherie. Unter der porösen Oberfläche von Christentum und Islam, die er im Kontext der Missionierung in Afrika als Ideologie-Importe durchschaut, hat sich offenbar unauslöschlich ein fester Bestand an Kulten, Zeremonien, Ritualen, Initiationen, Mythen, Beschwörungen, Riten und magischen Praktiken erhalten, "die in Ehren gehalten werden mussten und die vielleicht unerlässlicher waren als die offizielle Religion."

In sechs nach Umfang und Dichte unterschiedlichen Kapiteln, die Reisen aus den Jahren 2008 und 2009 nach Uganda, Nigeria, Ghana, in die Elfenbeinküste, nach Gabun und Südafrika protokollieren, wird das Thema entfaltet, mit Liebe zum empirischen Detail wie zur erzählerischen Konkretion. Naipaul ist sowohl Romancier als auch Essayist von hohen Graden, und so enthält sein "Afrikanisches Maskenspiel" beides: Beweisführung und Beispiel, poetisches Tableau und treffendes Bild, alles gewürzt mit einem gelegentlich ins Sarkastische spielenden Humor von guter angelsächsischer Tradition.

Der Autor trifft in Afrika Fetischpriester, Medizinmänner, "Hexenmeister", Stammesfürsten und politische Prominenz (wie Jerry Rawlings oder Winnie Mandela), er besucht heilige Haine, ein "Initiationsdorf", Ahnengräber, kultische Stätten und Denkmäler. Die immer wieder gestellte Frage, warum gerade Christentum und Islam als fremde Religionen einen stürmischen Siegeszug durch den Kontinent antreten konnten, vermag auch Naipaul nicht zu beantworten, aber die von ihm aufgerufenen Kronzeugen tragen verblüffende Erklärungen vor. Anders als die traditionellen afrikanischen (Natur-)Religionen haben Christentum und Islam eine Vision von Auferstehung und ein Konzept von Vergebung entwickelt. "Sowohl das Christentum als auch der Islam hatten aus einem schlichten Grund große Anziehungskraft für afrikanische Völker. Beide boten den Menschen die Vision eines Lebens nach dem Tod. Afrikanische Religionen dagegen waren flüchtiger und hatten nur eine Welt der Geister und Ahnen zu bieten." "Der durchschnittliche Afrikaner hat große Angst vor dem Heidnischen, und das Heidnische existiert. Muslime und Christen praktizieren Vergebung und können ihnen nicht schaden. In der heidnischen Religion gibt es keine Vergebung. Es ist eine Religion, die nur Auge um Auge, Zahn um Zahn kennt."

In der heidnischen Religion

gibt es keine Vergebung.

"Afrikanisches Maskenspiel" wirkt in etlichen Passagen wie die Vorstudie zu einem Buch, das Naipaul schreiben wollte, aber noch nicht geschrieben hat: eine erfahrungsgesättigte Studie zu den Religionen Afrikas. Wie vorläufig das Arrangement des Materials und die Form der Präsentation noch sind, zeigt sich besonders in den seitenlangen, kaum kommentierten Zitaten und O-Tönen, in jenen afrikanischen Stimmen, mit denen der Autor, als wäre er ein Radioreporter, seine Gewährsleute zu Wort kommen lässt. Naipaul hat, etwa über den politischen Islam oder über Indien, brillante große Essays geschrieben; gerade angesichts der Maßstäbe, die er selbst gesetzt hat, ist sein "Afrikanisches Maskenspiel" kein grandioses, sondern nur ein anregendes Buch geworden. Freilich sind Anregungen von Naipaul immer noch fesselnder als das Meiste, was die Zunft der Fachwissenschaftler zum Thema beizutragen hat.
– V.S. Naipaul: Afrikanisches Maskenspiel. Einblicke in die Religionen Afrikas. Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011. 350 Seiten, 22,95 Euro.

Autor: Hartmut Buchholz