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18. August 2012
Schiffspassage in ein neues Leben
In seinem Roman "Katzentisch" schildert Michael Ondaatje die abenteuerliche Reise eines Jungen von Ceylon nach Großbritannien und ins Erwachsenwerden.
Eine Schiffsreise kann einfach ein schöner Urlaub sein. Eine Schiffsreise kann aber auch ein ganzes Leben verändern. Der elfjährige Michael in Michael Ondaatjes jüngstem Roman "Katzentisch" unternimmt eine solche: Auf dem Passagierdampfer Oronsay ist er, in den 50er Jahren, drei Wochen lang von Ceylon nach Großbritannien unterwegs. Aus einer britischen Kolonie ins Mutterland. Von seinem Vater zu seiner Mutter. Aus dem Paradies ins Unbekannte.
In Ceylon war Michaels Vertrauter der Koch der Familie, der ihn schon mal anwies, sein Ohr an einen Fladen Ochsenmist zu halten, der seit Stunden in der Einfahrt lag, um den Insekten darin zuzuhören. Was ihn in England erwartet, weiß er nicht. Ob die Mutter ihn erwartet, weiß er auch nicht. Wird sie, die die Familie vor Jahren verlassen hat, ihn am Pier überhaupt erkennen?
Auf dem Schiff befindet sich Michael zwischen zwei Leben. Er sitzt im Speisesaal des großen Schiffes am Katzentisch, dem am weitesten von er Kapitänstafel entfernten. An seinem Tisch lernt er zwei andere Jungen kennen, den stillen Ramadhin und den überschwänglichen Cassius. Die drei tun sich zusammen und erkunden das Schiff: vom Deck der ersten Klasse, wo sie morgens vor allen anderen Passagieren auftauchen und Leckeres vom Büfett klauen, um es in einem Rettungsboot zu verspeisen, bis zu dem Raum im Schiffsinneren, in dem die Fische ausgenommen werden, und in den sie gelangen, indem sie durch einen Ausgang für die Servierwagen kriechen.
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Und sie lernen einige der Passagiere kennen, die mit ihnen am Katzentisch sitzen. Den Bordpianisten Mr. Mazappa, der ihnen schlüpfrige Songs beibringt. Den Botaniker Mr. Daniels, der Pflanzen, darunter auch einige sehr giftige, nach England bringt und sie tief unten im Schiff unter speziellen Lampen stehen hat. Und den philosophischen Schiffsabwracker Mr. Nevill, unter dessen Leitung schon viele stolze Ozeandampfer in Tausende unidentifizierbare Einzelteile zerlegt wurden.
Wie ein Abenteurroman liest sich Ondaatjes Buch in einigen Passagen. Bei einem Sturm lassen sich Michael und Cassius von Ramadhin auf dem Deck festbinden und verlieren in den Wassermassen fast ihr Leben. Im Hafen von Aden bekommen sie einen Hund geschenkt, der, an Bord geschmuggelt, den Fluch, der über einem mitreisenden Millionär liegt, erfüllt. Angedeutete Geschichten und nie ganz aufgeklärte Geheimnisse machen das Buch geheimnisvoll. Es gibt großartige Szenen wie die nächtliche Durchfahrt der Oronsay durch den Suezkanal: Wie da ein Mann am Ufer unter einer schaukelnde Kette elektrischen Lichts sitzt und Formulare ausfüllt, die er einem Läufer übergibt, der wiederum dem Dampfer nachrennt und sie an Bord wirft.
Aber dann erzählt Ondaatje doch einige seiner Geschichten zu Ende: Das Schicksal des Gefangenen, der immer in den frühen Morgenstunden kurz auf Deck darf, die Lebensgeschichte der Miss Lasqueti, die am Katzentisch als alte Jungfer gilt, aber eine Art Spionin ist. Und vor allem spinnt der Autor die Lebensgeschichte seiner Jungs weiter. In Vorblenden erfährt man, wie es ihnen in England ergehen wird, als Einwanderer aus einer fremden Welt. Die Reise ist für sie eine Passage ins Leben, sie bleibt ein Lebensthema für alle drei. Weil sie alle drei nie ganz ankommen im neuen Land. Michael heiratet nach dessen frühem Tod Ramadhins Schwester, im vergeblichen Bemühen, dem Freund noch einmal näherzukommen.
Michael Ondaatje weiß, wovon er hier schreibt: Der Autor hat selbst diese Reise gemacht. Oder besser gesagt: eine solche Reise. An die er sich aber kaum noch erinnert. Weil seine Kinder ihn immer danach wieder fragten, hat er sie neu erfunden. Und dabei seine späteren, eigenen Lebenserfahrungen zurückprojiziert, als einer, der immer zwischen zwei Kulturen lebte, der von Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, als Junge nach Großbritannien kam und später nach Kanada weiterwanderte. Die Reise in seinem Buch hat er so beschrieben, wie man sie sich wünschen würde, wenn man sie schon unternehmen muss.
– Michael Ondaatje: Katzentisch. Aus dem Englischen von Melanie Walz. Hanser, München 2012. 304 S., 19,90 Euro.
Autor: Thomas Steiner



