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21. Januar 2012
"Wamm bing-bong ba-dumm!"
Im sauberen Paradies der Pornografie: Nicholson Bakers unschuldig enthemmter Roman "Haus der Löcher".
Nicholson Baker ist ein introvertierter, hochsensibler Autor, der mit seinem Rauschebart wie ein Pilgervater aussieht, aber alles andere als naiv oder weltfremd. Seine Romane und Essays kreisen um Alltagsobjekte, unscheinbare Dinge, Empfindungen unterhalb der Bewusstseinsschwelle: Ohrstöpsel, Nagelknipser, Rolltreppen, die Eselsohren eines alten Buchs oder die Kunst, eine Serviette in den Papierkorb zu werfen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Dass Bakers detailverliebte Alltagsmeditationen keine Botschaft haben, macht sie nur um so verstörender. Er steht einfach nur staunend vor der Schönheit und Zweckmäßigkeit der kleinen Dinge und lässt sich sein kindliches Vertrauen in das Gute im Menschen nicht nehmen; nicht einmal durch die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs, die er in seinem letzten Buch ("Menschenrauch" ) von der Warte des Pazifisten aus betrachtete.
Dass er außerdem pornografische Romane wie "Vox" und "Die Fermate" geschrieben hat, ist kein Widerspruch. Literatur, wie Baker sie begreift, soll nachhaltig wirken, Autor und Leser in jeder Hinsicht bewegen und erregen. "Haus der Löcher" ist unzweifelhaft ein Porno: Frauen wie Männer sind allzeit willig und maßlos geil und kommen ohne Umschweife und Hemmungen zur Sache. Ficken, Lecken, Blasen, mit Dildos, Bergzebras oder auch Schraubenziehern: Im Schlaraffenland der Triebe ist alles erlaubt und der kosmische Orgasmus am Ende jedes Kapitels so sicher wie das Amen in der Kirche. "Wamm bing-bong ba-dumm! Dann blip. Schnorf!"
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die Prüderie
Sein "Haus der Löcher" ist eine Ohrfeige für die amerikanische Prüderie – aber auch ein Buch, das er für seine Frau schrieb und seinem siebzehnjährigen Sohn vertrauensvoll zum Lesen gab. Nicht, dass es ganz jugendfrei wäre; aber Baker erzählt von abenteuerlichen Sexpraktiken so heiter und kindlich-unschuldig wie Adam und Eva, bevor sie sich ihrer Nacktheit, ihrer Körperflüssigkeiten und schlimmen Wörter zu schämen begannen. Das liegt nicht nur an der "neuen, runden, weichen Sprache" (und der meisterhaften Übersetzung Eike Schönfelds), die das Obszöne wie übermütiges Geblödel erscheinen lässt. Hieronymus Boschs Garten der Lüste feiert fröhliche Urständ als "Garten der gesunden, herrlichen Ficker", und am Ende schlüpfen wie in Platons Mythos vom Kugelmenschen Mann und Frau aus einem silbernen Ei. Die Trennung der Geschlechter, die Geburt des Individuums ist der Anfang der Liebe und das Ende der grenzenlosen sexuellen Freiheit.
Bakers Versuchsanordnungen unterscheiden sich nicht nur durch die variantenreichere Sprache von "normaler" polymorph-perverser Pornografie, sondern auch durch eine Reihe von bizarren Regeln und technischen Komplikationen. Das System von aberwitzigen Ge- und Verboten, Spiegeln und Resonanzböden ist keine kafkaeske Strafkolonie, sondern nur Bedingung höchster Lust. Pornografie ist für Baker keine asoziale Ersatzbefriedigung, beschwert mit Schuld- und Schamgefühlen, hierarchischen Machtstrukturen und Neurosen, sondern gemeinsam genossene Wonne, die selbstverständlichste Sache der Welt. Im Haus der Löcher werden selbst ausgefallene Wünsche einvernehmlich erfüllt. Ob sie sich am Penisbaum reibt, er sich auf der Internationalen Couch vergnügt oder beide im Tandemsitz des "Pornodekaeders" Platz nehmen: Alle geben und nehmen wie im Kommunismus nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten, mit höflichen Worten und freundlichem Entgegenkommen.
Das Haus der Löcher ist kein schmuddeliger Swingerclub, sondern ein sauberer, heilsamer Ort, irgendwo zwischen Disney- und Alices Wunderland, Wellnessoase und Sexklinik. Die Gäste betreten das Haus durch Löcher in der wirklichen Welt. Wäschetrockner, Strohhalm, Tunnel, Anus, die Holes auf dem Golfplatz: Alles was rund und durchlässig ist, kann als Eintrittspforte dienen. Der Eintritt – so viel kapitalistischer Realismus muss sein – ist zwar sündhaft teuer, aber man kann durch Praktika, Stipendien und ehrenamtliche Arbeit im Stöhnzimmer viel Geld sparen. Lisa, die Direktorin, kümmert sich rührend um die Defekte und Anliegen der Gäste: Dave etwa hat seine Hand für einen großen Schwanz hergegeben und will sein amputiertes Glied wieder zurück, Henriette ihre ertaubte Klitoris auf dem "Muschiboard" neu sensibilisieren.
"Arschkneifen"
Natürlich sind Bakers freundliche Ficker eher surreale Comicfiguren als Menschen. Im Haus der Löcher gibt es keine Missverständnisse und Konflikte, weder Liebe noch Tod. Schlechter Sex und böse "Pornodämpfe" werden abgesaugt und an Fickbert, das unglückliche Pornomonster, verfüttert. Zurück bleibt eine keimfreie Ejakulatsoße, in der man herrlich plantschen und ohne Scham und Reue untergehen kann.
– Nicholson Baker: Haus der Löcher. Roman. Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 317 Seiten,19,95 Euro.
Autor: Martin Halter
