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25. Mai 2009

Weißtanne und Schwarzwald

Der charakteristische Baum der Region ist bedroht – eine kenntnisreiche Liebeserklärung

  1. Der Stammbaum des Schwarzwaldes hat sich dünn gemacht. Foto: dpa

Ausgerechnet der Weißtanne verdankt der Schwarzwald seinen Namen. Ein Widerspruch? Jedenfalls um so mehr, als die heimische Baumart bedroht ist, wie Wolf Hockenjos in seinem neuen Buch feststellt. Es ist eine einzige Liebeserklärung.

Vielleicht ist Hockenjos’ Begeisterung für den Stammbaum des Schwarzwaldes genetisch bedingt. Schon seinem Vater wurde eine fast erotische Beziehung zur Weißtanne nachgesagt. Sicher aber wurzelt sie in frühkindlicher Prägung: Der Autor, 1940 geboren, ist im von Tannen umstellten St. Märgen aufgewachsen. Wie sein Vater wurde er Förster, die Tanne sah er als zentrale berufliche Herausforderung. Heute ist der Schwarzwald zwar noch immer das Hauptverbreitungsgebiet der Tanne in Deutschland, doch sind vier von fünf Bäumen andere Arten (meist Fichten), mancherorts gibt es schon keine mehr. Ähnlich wie der Bestand ist das Wissen in der Bevölkerung geschwunden, bemängelt Hockenjos: Obwohl die meisten Deutsche n jedes Weihnachten eine Tanne ins Wohnzimmer stellen, können viele sie (stehende Zapfen, heller Stamm, stumpfe, oben dunkelgrüne und auf der Unterseite weiß gestreifte Nadeln) nicht von einer gemeinen Fichte (hängende Zapfen, rötlicher Stamm, spitze, einfarbige Nadeln) unterscheiden. Ob’s mit daran liegt, dass selbst eine Schwarzwälder Brauerei ihr "Tannenzäpfle" mit Fichtenzapfen schmückt?

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Wolf Hockenjos macht auf 230 schön bebilderten Seiten klar: Die Weißtanne hat diese Ignoranz nicht verdient. Er legt ihre Bedeutung dar – zum Beispiel die wirtschaftliche (etwa für die Flößerei), oder die kulturelle (etwa in der Dichtung, wobei er auch kritische Stimmen zu Wort kommen lässt, wie Bert Brecht mit seiner bitteren Erinnerung an "Die schwarzen Wälder", die Heimat seines Vaters).

Mit seiner Besorgnis steht Hockenjos nicht allein auf weiter Flur. Das "Kuratorium Baum des Jahres" hat die Weißtanne 2004 gekürt, weil sie schon damals in vielen Bundesländern auf der Roten Liste der aussterbenden Arten oder kurz davor stand. Der Tannenschwund hat mehrere Ursachen, angefangen vom Siegeszug der Fichte, die im Anbau unproblematischer ist, bis hin zu den Rehen, die besonders gern die weichen, duftenden Tannenspitzen fressen. Heute bedecken Weißtannen nicht einmal acht Prozent der baden-württembergischen Landesfläche, schreibt Hockenjos, der auch einen detaillierten Überblick über die Verbreitung in Deutschland und anderen europäischen Staaten liefert.

Mag die Weißtanne im Anbau sensibel sein, mit ihren tiefen Wurzeln ist sie robuster als die Fichte gegen Trockenheit und Stürme – was sie interessant in Zeiten des Klimawandels macht. Die Aussichten für Hockenjos’ Anliegen sind nicht ganz finster. In Baden-Württemberg sei nun sogar der fast 200 Jahre währende Rückgang der Tanne gestoppt. Doch der Tannenliebhaber will mehr: Er fordert, den Anteil von "Albies alba", deren Nadelkleid von weitem so dunkel aussieht, im Schwarzwald auf 30 Prozent zu erhöhen. Damit dieser seinem Namen wieder Ehre machen kann.
– Wolf Hockenjos: Tannenbäume. Eine Zukunft für Abies alba, DRW-Verlag, Leinfelden-Echterdingen, 232 S., 29,90 Euro.

Autor: Simone Höhl