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24. Januar 2012
Wo die Prekären und die Hartzer leben
Annett Gröschners Roman "Walpurgistag" stürzt sich für einen Tag in den Moloch Berlin.
Am 5. September 2009 wurde von mehreren TV-Sendern die Dokumentation "24h Berlin" ausgestrahlt. Fernsehhistorisch betrachtet ein imposantes Ereignis. Mehrere Teams hatten Berliner Bürger durch ihren Alltag begleitet, die Reportagen wurden episodenhaft zusammengeschnitten und über 24 Stunden hinweg gesendet, auf dass sich ein Porträt der Stadt und ihrer Menschen zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ergeben sollte.
Ein bisschen ähnelt der literarische Wurf der Wahlberlinerin Annett Gröschner dieser Versuchsanordnung, nur war ihre Idee schon früher entstanden – und nicht vom öffentlich-rechtlichen Ehrgeiz getrieben, ein politisch ausgewogenes Gesellschaftsbild zu malen. Vor knapp zehn Jahren rief Gröschner in einer Radiosendung Berliner dazu auf, ihr zu schreiben, was sie am 30. April erlebt haben. Aus den Berichten entstand ein Episodenroman mit fast zwei Dutzend kuriosen Figuren, die einen "Walpurgistag" im Jahr 2002 zu überstehen haben.
Annett Gröschner hat einen sprachlich fulminanten Großstadtroman vorgelegt, der – mit Seitenblick auf den wichtigsten Hauptstadtroman, "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin – mit einem Prolog am Alex beginnt. Der Herumstreicher mit dem passenden Namen Alex, ein Mann mit Ostvergangenheit, der fast zauberische Kräfte besitzt, hat mal wieder Kontakt mit zwei Bekannten von der Polizei. Dieser Alex ist ein sanftmütiger Mephistopheles, der alle Fäden in Händen zu halten scheint und stets ausreichend informiert ist. Immer wieder wird er geheimnisvoll auf- und abtauchen.
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Vom Alexanderplatz führen alle möglichen Schleichwege hinein ins Dickicht der Stadt, in das wenig repräsentative Berlin, wo die Prekären und Hartzer ihr Dasein fristen. Jedes Kapitel wird, wieder eine Reverenz an Döblin, mit einer kurzen Zusammenfassung des Folgenden eröffnet: "Gerda Schweickert kann nicht schlafen und beschriftet ihre Umzugskisten, in denen sich die Geister ihrer Nachbarn aufhalten", lautet einer dieser Erzähler-Wegweiser. Neben Alex und Gerda Schweickert lernen wir zwei gelangweilte Ehemänner kennen, die sich mit außerehelichen blind dates bei Laune halten wollen und in einer Schwulenbar anecken. Oder eine Dramaturgin, die sich unters einfache Volk mischt und in einer RTL-2-Familie landet, die so jegliche Sozial- und Schulpolitik mit Hohn straft. Annja Kobe und ihr tiefgekühlter Vater – man kennt sie aus Gröschners erstem Roman "Moskauer Eis" – haben ebenfalls ihren Auftritt. Wie drei junge Mädchen, die wie ein upgedatetes Hexentrio eine Bande gründen wollen, dann aber doch tatenlos auseinanderdriften. Deren Pendant besteht aus drei alten Damen, die herrlich berlinernd umherziehen und für ihre Umgebung ein ähnliches Irritationspotenzial darstellen wie die Chaoten am 1. Mai.
Erlebt wird in diesem Buch viel zu viel, um es nur ansatzweise nachzuerzählen. Was zunächst unverbunden nebeneinander steht, erweist sich als komplex miteinander verstrickt. Beim Tanz in den Mai lösen sich Rätsel auf, fast alle Figuren finden zueinander, als hätte der Teufel seinen Pferdefuß im Spiel. Statt des Brockens muss der Mauerpark für die Hexennacht herhalten. Übers Feuer wird aber gesprungen, ein paar Geister der (DDR-)Vergangenheit werden auch ausgetrieben. "Was ich besitze, seh ich wie im Weiten", heißt es im "Faust", "und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten."
Ein bisschen beschreibt Goethe damit auch Gröschners literarisches Prinzip – Gewissheiten werden hinters Licht geführt und lassen ein unwirkliches Schattenspiel entstehen. Gröschner changiert elegant zwischen magischem und hartem Realismus – manches scheint traumhaft, surreal, grotesk, anderes detailgenau notiert. Sie verleiht den Kapiteln unterschiedliche Stimmungen, wechselt zwischen Tonarten und fängt die Kaltschnäuzigkeit des Berliners wunderbar ein. Sie schlüpft in die miefigen Ecken der Stadt, wo man leicht abstürzen kann. Ihren Helden wird zugemutet, sich immer von Neuem aus ihren Lebensverstrickungen zu befreien. Durchwursteln nannte man das einmal.
Fast wünschte man sich, Gröschner hätte sich von ihren vielen Ideen nicht so treiben lassen, sondern wäre tiefer in bestimmte Situationen eingestiegen. Dann aber wäre "Walpurgistag" ein anderes Buch geworden. Oder ein noch dickeres. 450 Seiten liefern schon ein ziemlich gewaltiges Panorama einer Stadt, die nur in Imagefilmen sexy ist, ansonsten ein aufregender Moloch wie jede andere Metropole auch.
– Annett Gröschner: Walpurgistag. Roman. DVA, München 2011. 445 Seiten. 21,99 Euro.
Autor: Ulrich Rüdenauer
