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08. Mai 2009

"Bistari, bistari"

Dem Himmel so nah: Trekkingtour für Einsteiger in Nepal / Von Yvonne Weik (Text und Fotos)

  1. Tragfähig: Hängebrücke und Yak Foto: Yvonne Weik

  2. Foto: Yvonne Weik

  3. Rundum-Panorama in luftiger Höhe: Das Kloster Tengboche liegt auf knapp 4000 Meter. Den Menschen in Nepal macht diese Höhe nichts aus. Foto: Yvonne Weik

  4. „Sagarmatha“, die Himmelskönigin: der Mount Everest (Mitte) in der milden Abendsonne. Foto: weik

  5. Eindrucksvoll: Manimauern mit buddhistischen Gebetssteinen Foto: Yvonne Weik

Erfahrung in den Bergen haben wir keine, die Alpen kennen wir nur vom Skifahren. Wir wissen nicht, ob die Kondition reicht, um zwölf Tage bergauf und bergab zu wandern. Wir wissen nicht, wie der Körper reagiert, wenn er auf 4600 Meter hinauf soll. Wir wissen nur, dass Trekking kein Spaziergang ist – und der Himalaya nicht der Schwarzwald. Und doch wollen wir auf 4600 Meter hoch, um ihn einmal mit eigenen Augen zu sehen. 8848 Meter Eis und Granit, den höchsten Punkt der Erde: den Mount Everest. "Sagarmatha", Himmelskönigin, nennen ihn die Sherpa.

Mit der Propellermaschine geht es im April von Nepals Hauptstadt Kathmandu in die Welt der Eisriesen nach Lukla (2800 Meter). "Namaste", begrüßt uns Lalit. Zu viert werden wir in der Khumbu-Region unterwegs sein: Markus und ich, die Trekker aus dem Schwarzwald, Lalit und Tulu, die Sherpa aus dem Himalaja. Tulu trägt unser Gepäck, Lalit die Verantwortung. Seine Augen haben uns fest im Blick. Während der Tour sind wir seine Familie.

Das erste Ziel: Hinauf vom kleinen Rollfeld zur Himalaya-Lodge. 15 Steintreppen, 15 kleine Schritte. Doch auf fast 3000 Meter ist die Luft dünn. Ein, zwei Stufen, dann schnappen wir nach Sauerstoff. "Bistari, bistari", ruft Lalit. Langsam, langsam. Er weiß, dass der Körper Zeit braucht, um sich an die Höhe zu gewöhnen. Sein Körper ist bestens akklimatisiert. Lalit wurde im Himalaya geboren, er lebt dort seit 32 Jahren. Er kennt Gefahren und Risiken, Menschen und Tiere, Wege und Gipfel.

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Entlang des Dudh-Kosi, des Milchflusses, beginnt unsere Trekkingtour für Einsteiger. Auf staubigen Wegen geht es dahin, über wacklige Hängebrücken, von Dorf zu Dorf, vorbei an Steinhäusern und riesigen Rhododendronbäumen, an Gebetsfahnen und Manimauern mit buddhistischen Gebetssteinen. Rechts und links stehen die ersten schneebedeckten Sechstausender. Mit jedem Schritt fühlen wir uns wohler. Die Trainingsläufe zum Belchen, Schauinsland und Feldberg haben sich gelohnt. Ob es auch hinauf nach Namche Bazar reichen wird?

Wer zur Königin will, muss durch Namche Bazar. Die Sherpa-Hauptstadt liegt 3400 Meter über dem Meer. Staubig und steil ist der Weg, Hunderte Steinstufen muss man bezwingen. " Rampe" nennen die Trekker das Wegstück. Auch wir müssen hoch: Schritt für Schritt, Stufe für Stufe. Steigeisen braucht man nicht, aber Trekkingstöcke. Lalit beobachtet uns genau. "Ich sehe schnell, wie gut jemand in den Bergen zurechtkommt", sagt er. Sein Englisch ist gut, auch ein paar Brocken Deutsch kann er. "Geh’ ma", ist sein Lieblingssatz.

Namche Bazar gleicht einem Amphitheater. Im Halbkreis wurden die Steinhäuser an den Berg gebaut. Das Dorf wächst und wächst. In mühevoller Handarbeit entstehen neue Häuser, neue Lodges. Dort kann man übernachten, auf Pritschen, im Schlafsack. Nachts hat es Minusgrade – manchmal sogar in den Schlafräumen. Fließendes Wasser ist Luxus, das Essen wird über dem Feuer gekocht, hauptsächlich das Nationalgericht Dal Bhaat: Linsensuppe, Gemüse und Reis. Doch auch die westliche Küche hat die Berge erreicht. Wer möchte, bekommt Spaghetti, Pizza oder Rösti. Die Bevölkerung will verdienen, wenn die Touristen kommen. "Make business" ist ihr Ziel. Lalit kann als Guide seine Familie ernähren, die Frau, die beiden Kinder. Und die Eltern, die unten im Tal wohnen, wo kein Tourist hinkommt. Dort leben die Menschen von dem, was sie anbauen. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt, mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 380 US-Dollar.

In Namche Bazar ahnt man davon wenig. Es gibt Internet via Satellit, Weißbrot und Brezeln in der "German Bakery". Doch alle kommen nur wegen dem Everest. In Namche Bazar kann man ihn das erste Mal sehen. Die Nepalesen wissen das – und bauen die ersten luxuriösen Lodges. Wir sehen den Berg der Berge noch nicht, zu viele Wolken. "Morgen", tröstet uns Lalit.

Der Morgen kommt – und mit ihm der Kampf gegen die Höhe. Der Kopf schmerzt, die Beine sind wie Pudding, alles dreht sich. Ist das die gefürchtete Höhenkrankheit? Ist der Weg schon zu Ende? Lalit beruhigt uns: Erste Anzeichen, kein Grund zur Sorge. Er bestellt eine Knoblauchsuppe, morgens um halb acht. Knoblauch macht das Blut dünn, wissen die Sherpa. Wenn die Symptome bleiben, hilft aber nur eines: der Abstieg. Denn im Gebirge sinkt der Luftdruck, in Namche Bazar ist er schon 40 Prozent geringer als auf Höhe des Meeresspiegels. Die Organe erhalten zu wenig Sauerstoff, der Körper muss nachregulieren. Dafür braucht er Zeit. Zu schnelles Aufsteigen wäre gefährlich, schon einige haben ihr Leben verloren. AMS, Acute Mountain Sickness, kann jeden treffen. Wichtig ist, die Symptome nicht aus falschem Ehrgeiz zu ignorieren. Lalit weiß das, er riskiert nichts: "Jeder hat nur ein Leben." Mittags sind die Kopfschmerzen weg.

Weiter geht es nach Thame (3820 Meter). Auf dem Weg in das kleine Bergdorf sind wir fast alleine. Nur ab und zu treffen wir Sherpa mit einer Gruppe Yaks, den bulligen Tragetieren, selten Touristen. 25 000 kommen jährlich in die Everest-Region, doch eng wird es nur im Oktober, wenn viele Expeditionen zum Gipfel stürmen. Riesige Eiswände fesseln unseren Blick. Im Hintergrund strahlt am blauen Himmel eine weiße Spitze.
Es ist der Cho Oyu, wir sehen den ersten Achttausender unserer Tour. Weltweit gibt es 14 Gipfel, die höher als 8000 Meter sind, acht davon liegen in Nepal. Berge zum Sattsehen. So viele, dass die Sherpa ihnen keine Name mehr geben. Auf die Frage nach dem Namen eines Sechstausenders antwortet Lalit: "It’s just a Hill."

Auf fast 4000 Metern thront die Gompa von Tengboche, ein buddhistisches Kloster. 60 Mönche leben dort, die Hälfte sind Kinder. Sie werden im buddhistischen Glauben ausgebildet, lernen Tibetisch und Nepalesisch. Fast alle Sherpa sind Buddhisten, ihre Vorfahren kommen aus dem benachbarten Tibet.

Die Mönche in Tengboche sind weltoffen. Sie laden Touristen zu ihren Gebetsstunden ein. So sitzen auch wir bei einer Zeremonie auf dem Holzboden und hören meditative Gesänge und dumpfe Trommelschläge. Der Blick fällt hinaus durch die Steintür: fünf Zentimeter Neuschnee. Während die jungen Mönche Schneebälle werfen, stiefeln wir in die Everest-View-Lodge. "Der schönste Platz auf der Erde mit der besten Aussicht auf den Mount Everest", steht im Reiseführer. Doch der Himmel ist grau. Irgendwo im Schneegestöber versteckt sich der Mount Everest.

Durch den Schnee stapfen wir weiter hinauf. Die Bergluft wird immer dünner, kälter und rauer. Der Hals kratzt, die Lippen werden rissig, die Nase ist trocken, die Beine sind müde. Dann sind wir am höchsten Punkt unsere Tour: Dingboche, 4600 Meter. Sehen können wir nichts vom angeblich atemberaubenden Bergpanorama. So haben wir uns den Höhepunkt unserer Reise nicht vorgestellt.

Am Ofen wärmen wir uns auf, Stuhl an Stuhl mit echten Bergsteigern einer amerikanischen Everest-Expedition. Auch sie warten auf besseres Wetter. Eng wird es werden im Basislager einen Tagesmarsch entfernt, erzählen sie. 70 Expeditionsteams wollen diese Saison auf den Gipfel.

Am nächsten Tag steigen wir ab, es schneit und windet. Nach fünf langen Stunden kommen wir in Tengboche an. Wieder in der Everest-View-Lodge, wieder am warmen Bollerofen, und wieder kein Blick auf den höchsten Punkt der Erde, der nur acht Kilometer Luftlinie entfernt ist.

Doch dann kommt plötzlich ein Ruf von draußen: "The Everest!" Schnell raus. Ohne Jacke. Keine Handschuhe. Nur die Kamera. Und dann steht er da. Einfach so, ohne Vorwarnung. Es kribbelt im ganzen Körper. Der Berg macht einen so klein – und vergesslich. Eins allerdings werden wir nie mehr vergessen: Den Moment, als sich plötzlich die Abendsonne durch die Wolkenlücke schiebt, und ihn rot anstrahlt, den höchsten Punkt der Erde, den Mount Everest.

Autor: Yvonne Weik (Text und Fotos)