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14. Januar 2012
Das rollende Wohnzimmer
Die Deutschen, der Wohnwagen und das Reisemobil – ein Besuch im neuen Erwin-Hymer-Museum in Bad Waldsee.
Es muss an diesem Blick liegen, dass der erste deutsche Konstrukteur eines Wohnwagens, Arist Dethleffs, und der letzte noch lebende Pionier des mobilen Reisens, Erwin Hymer, aus dieser Region stammen und hier heute das bedeutendste Zentrum des Wohnmobil- und Caravanbaus liegt. Wer in Oberschwaben und im Allgäu ständig das Panorama der Alpen vor Augen hat, den muss irgendwann das Reisefieber packen. Und so war es denn Arist Dethleffs, der in Isny vor 81 Jahren den ersten deutschen Caravan baute, damals noch Wohnauto genannt. Die Alpen waren das Ziel, "Reisen und dabei gleichzeitig zu Hause bleiben" das Motto in wirtschaftlich schwierigen und politisch turbulenten Zeiten. Vor 51 Jahren konstruierte der junge Dornier-Ingenieur Erwin Hymer, der schon 1957 für Erich Bachem ("Eriba") den Ur-Troll auf die Räder gestellt hatte, in Bad Waldsee sein erstes Reisemobil – zu einer Zeit, als die Sehnsuchtsziele der Nachkriegsdeutschen Adria und Riviera hießen. Nun hat sich Hymer im Alter von 83 Jahren einen weiteren Traum erfüllt: ein Museum, das 50 Jahre der Geschichte des mobilen Reisens der Deutschen erzählt, DDR inklusive. Und an die Bastler, Tüftler und Ingenieure erinnert, die das Fernweh mit entsprechenden Fahrzeugen bedienten und bedienen. Der architektonisch markante Bau des Büros "Bauart Liebl Kies" steht unübersehbar an der Bundesstraße 30 von Friedrichshafen nach Ulm, nicht weit von Hymers Wohnmobil-Fabrik. Pate stand die gängige Form eines Caravan-Fensters, rechteckig und mit gerundeten Fenstern. Und natürlich mit viel Glas. Das eigentliche Ausstellungsgebäude bietet als stehendes Fenster von beiden Seiten einen ungehinderten Blick ins Innere auf die Exponate – besonders schön bei Dunkelheit, wenn die Dauerausstellung auf 6000 Quadratmeter Fläche und zwei Geschossen im künstlichen Licht erstrahlt. Umgekehrt reicht der Blick bei Fernsicht bis zu den schneebedeckten Alpen. Das zweite kleinere Gebäude mit Restaurant, Museumsshop und Räumen für Sonderausstellungen und Feste erinnert an ein liegendes Caravan-Fenster.
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Der Besuch des Museums mit seinen gut 80 Exponaten aus Hymers Sammlung (insgesamt rund 200 Oldtimer) sowie einigen Leihgaben beginnt wie eine Reise mit dem Caravan oder Wohnmobil: mit mehr oder weniger chaotischem Packen, an dessen Ende mit einiger Sicherheit irgendetwas vergessen wird. Und im schlimmsten Fall nach ein paar Kilometern noch zu einer Ehrenrunde zurück führt. Das kann zum Glück im multimedialen Aufbruch-Tunnel nicht passieren, da gibt’s nur eine Richtung: interessiert vorwärts. Gleich das erste Ausstellungsstück führt den Besucher zu den Anfängen des mobilen Reisen in Deutschland: zum Wohnauto von Arist Dethleffs, dem ersten deutschen Wohnwagen von 1931. Dies ist übrigens das einzige Ausstellungsstück, das kein Original, sondern eine Kopie ist – allerdings eine, die selbst schon fast Oldtimer-Status hat. Da der originale Wohnanhänger nicht mehr erhalten war, wurde er von den Azubis der Firma Dethleffs 1974 mit Hilfe der noch vorhandenen Konstruktionszeichnungen nachgebaut. Zum Wohnauto gibt es eine echte Liebesgeschichte: Weil der junge Peitschenfabrikant aus Isny im Allgäu beruflich viel unterwegs war, hatte seine Verlobte, die Landschaftsmalerin Fridel Edelmann, die Idee für "so was Ähnliches wie einen Zigeuner-Wagen", in dem sie Dethleffs begleiten und malen könnte, während er seinen Geschäften nachgeht. So romantisch fing das an mit dem mobilen Reisen in Deutschland. Und technisch durchaus fast avantgardistisch: Schon das erste Wohnauto hatte ein Hubdach!
Und es ging auch gleich steil bergauf in die Alpen, im Museum durch eine kurvige Rampe mit stolzen 15 Prozent Steigung dargestellt. Da kann der Besucher nachempfinden, was die Autos leisten mussten, wenn sie mit ihren 18 oder 23 Pferdestärken den "Tourist" von Dethleffs mit seinen 600 Kilogramm Gesamtgewicht oder die "Wanderniere" – Sportbergers Karawane S 39 – mit ihren 700 Kilo am Haken hatten. Beide Ausstellungstücke sind Originale aus dem Jahr 1939.
Die Ahnengalerie des mobilen Reisens umfasst noch mehr Pioniere: etwa den Journalisten Theo Rockenfeller, der sich 1938 mit der "Wanderniere" in die libysche Wüste wagte, Hans Seitz, der es aufs Stilfser Joch hoch schaffte, Franz Knöbel mit dem Westfalia-Anhänger für alleinreisende Ehepaare oder Max Würdig mit dem "Dübener Ei" von 1936, das nach dem Krieg und bis zur Wende in der DDR ein Erfolgsmodell war. Und nicht zuletzt Erwin Hymer, der 1961 sein erstes Wohnmobil konstruierte, aber erst zehn Jahre später die Serienfertigung aufnehmen konnte. Und dessen Name mit dem Hymermobil fast zum Synonym für das moderne Wohnmobil wurde und heute für ein Firmenimperium mit zehn Marken steht.
Die unmittelbaren Nachkriegsjahre repräsentiert der Sportberger G 2 aus dem Jahr 1946, der der Not der Zeit gehorchend teils Wohn-, teils Nutzanhänger war und seinem Besitzer auf Reisen vor allem die Suche nach einem Nachtquartier in den zerbombten Städte ersparte. Doch schon bald trieben es die "Wohnzigeuner" bunt, giftgrün oder knallrot, passend zur Borgward Isabella oder zum Haifisch-Flossen-Opel vorneweg. Innen drin ging's bieder zu – wie zu Hause eben: gediegenes oder edles Holzfurnier, Melitta-Porzellan-Filter, gehäkelte Tischdecke, Blümchentapete und Blümchenmuster wie vom heimischen Sofa auf den Polstern der Sitzgruppen. Für Musik sorgte das Grundig-Tonbandgerät oder die Quetschkommode. Plüsch und Ruhr-Barock lebten in den Mobilen länger als in den Immobilien – und sind gelegentlich heute noch zu finden. Die frühen Bezeichnungen waren mal Kosenamen wie Troll, Puck, Kleiner Strolch, Schwalbennest und Student, mal standen sie für die Sehnsucht nach der großen, weiten Welt: Yacht, Nomad oder "Fahti Luxus" – und natürlich Globetrotter, seit 1953 der Name für Caravans und Wohnmobile aus Isny.
Italien war das Sehnsuchtsziel der Nachkriegsjahre, das mit Chianti und Ravioli seine Spuren nicht nur in der deutschen Küche hinterließ. Auch der bunt gestreifte Stoffvorhang des Fahti konnte seine Verwandtschaft zu einem italienischen Badetuch nicht leugnen.
Ein ganz anderes Sehnsuchtsziel als ihre Eltern hatten die Blumenkinder in den 60er- und 70er-Jahren: Indien, auf den Spuren der Beatles – und das nicht mit dem spießigen Wohnwagen von der Stange, sondern mit dem selbst ausgebauten VW-Bus. Ein weitaus bescheideneres, aber nicht minder heiß erträumtes Ziel hatten die DDR-Bürger: die Ostsee. Und die Not machte erfinderisch: gewagt das Klappzelt auf dem Trabi-Dach, plaste-bunt der Nagetusch Brillant, geradezu futuristisch der windschnittige Eigenbau von Matthias Bogasch. Während die Brüder und Schwestern im Osten am Ostseestrand ihre kleinen Fluchten lebten und Urlaub vom Sozialismus nahmen, zog's die Urlaubs-Weltmeister im Westen längst auf andere Kontinente: nach Marokko und vor allem nach Nordamerika ins nahezu grenzenlose Wohnmobil- und Camperparadies.
Ein Airstream Riesencaravan mit glänzender Metallhaut und Sitzbadewanne vertritt zusammen mit einem Edsel Ranger von 1959 das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, neben einem englischen Car Cruiser von 1932 übrigens das einzige nicht-deutsche Urlaubsgefährt. Das mit dem frühen Exemplar einer Campingtoilette daran erinnert, dass die Engländer schon Camping machten, als die Deutschen das Wort noch nicht einmal kannten – vor dem Ersten Weltkrieg.
Für das Fernweh der Deutschen stehen im Hymer-Museum nicht nur die Fahrzeuge, sondern auch die Inszenierungen der Zeit und der Ziele, von der Stuttgarter Agentur Milla & Partner liebevoll realisiert: vom Alpenpanorama über die italienische Strandmuschel, den indischen Tempel, dem marokkanischen Wüstenzelt bis zum Wigwam, in dem der Besucher auf dem Pferdesattel im Film über den Grand Canyon fliegt. Besser kann kein Reisebüro Sehnsüchte wecken.
Noch vor Hymers erstem Wohnmobil entstanden in der Mindener Karosseriefabrik exklusive Reisemobile. Das älteste Mobil im Museum ist ein Luxusexemplar von 1960 mit Dachterrasse samt Liegestuhl und Sonnenschirm statt den heute üblichen Solarpanels und drehbaren Sat-Schüsseln: eine Leihgabe, die von ihrem Besitzer heute noch gelegentlich genutzt wird! Während Hymers erstes Serien-Mobil noch wie das Produkt einer Mesalliance zwischen einem Transporter und einem Caravan wirkt, baute Ferdinand Schäfer mit dem Orion bereits ein Fahrzeug mit Monocoque-Kunststoff-Karosserie. Auch Dethleffs rollte 1981 mit dem Globetrotter 550 ziemlich futuristisch und mit sagenhaftem Luftwiderstand an.
Mitte der 80er Jahre und mit den Reisezielen Schnee in Skandinavien – dank inzwischen wintertauglicher Fahrzeuge – und Sommer am Atlantik mit dem Surfbrett endet der Rundgang durch die Geschichte des mobilen Reisens. Von den mehr oder weniger modernen Caravans und Wohnmobilen, die danach die Camping- und Wohnmobilstellplätze bevölkerten, sind noch – oder wieder – genügend unterwegs.
Fritz B. Busch nach Wolfegg
Autor: Rolf Müller
