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05. März 2010
Der Eiserne Vorhang per Velo
7000 Kilometer zwischen Norwegen und Bulgarien: eine Reise in die jüngste Geschichte Europas.
Es ist ein kühnes Projekt, das an dieser Stelle vorgeschlagen wird. Es ist eine Art politischer Jakobsweg. Er führt aber nicht nach Santiago de Compostela, und er wird die Seele auch nicht läutern. Ganz sicher schärft er aber das Gespür für den Wahnwitz militärischer Konfrontation und dafür, wie sinnlos Hass zwischen Völkern ist. Der Weg, von dem hier die Rede ist, führt von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer, also von Nord nach Süd in Europa. Er ist an die 7000 Kilometer lang. Er führt entlang jener waffenstarrenden Grenzlinie zwischen den beiden großen politischen Blöcken, die sich im Kalten Krieg am Ende Gott sei Dank nur politisch bekämpften.
Der "Eiserne Vorhang", wie ihn der einstige britische Premier Winston Churchill unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg vorhergesagt hatte, reichte bis 1989 von Finnland über das Baltikum, Polen und Deutschland nach Österreich, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und Bulgarien. Heute handelt es sich dabei um eine spektakuläre, an Naturwundern reiche, bisweilen aber auch langweilige, nicht immer landschaftlich schöne, nicht überall einladende Route.
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Sie strotzt vor historischen Dokumenten und Orten der Zeitgeschichte, die bei uns im Südwesten Deutschlands aber kaum einer kennt, weil wir in den vergangenen Jahrzehnten auch als Folge der Spaltung Europas lieber nach Italien und Spanien reisten als nach Lettland, Rügen oder ins Gebirge Mazedoniens. Die Geschichte ist vielerorts noch so schmerzhaft und frisch, dass sie lieber unterdrückt als aufgearbeitet wird. Noch immer weiß man zum Beispiel fast nichts über Tausende von DDR-Flüchtlingen, die vor der Wende 1989 nach Bulgarien reisten, um dort offiziell Urlaub zu machen, in Wahrheit aber versuchten, dem Machtbereich des Kommunismus zu entkommen und über die schwer bewachten Grenzen zu fliehen. Hunderte wurden erschossen, ihre Leichen verscharrt. Dabei wollten sie nur eins: frei sein.
Politikern wie dem EU-Abgeordneten Michael Cramer war schon früh klar, dass der Eiserne Vorhang in Europa nicht in Vergessenheit geraten durfte, nicht schamhaft verdrängt, nicht verwischt. Es ist maßgeblich ihm zu verdanken, dass der Esterbauer-Verlag den Eisernen Vorhang nun in drei Bänden dokumentiert. Im Rahmen seiner Bikeline-Serie hat Esterbauer eine Radroute ausgearbeitet, die im norwegischen Kirkenes an der Barentssee beginnt und im bulgarischen Carevo am Schwarzen Meer endet. Der Verlag beschreibt nicht nur eine möglichst autofreie oder verkehrsarme Route quer durch Europa. Autor Michael Cramer erinnert auch immer wieder an historische Ereignisse. Die Grenzzonen zwischen den Blöcken waren vielerorts zugleich Refugien, an denen Pflanzen und Tiere ungestört blieben. Der Eiserne Vorhang bildet so mittlerweile ein "Grünes Band" von Biotopen, Reservaten und Schutzgebieten, das unbedingt erhaltenswert ist. Die Europäische Union versucht die Gebiete zu schützen. Die Rettung des "Grünen Bandes" steht unter der Schirmherrschaft von Michael Gorbatschow, dem ehemaligen Präsidenten der UdSSR.
Der Eiserne Vorhang wird sich in zwei bis vier Monaten per Velo bereisen lassen, die meisten werden ihn natürlich eher in Etappen bewältigen. Wer einigermaßen fit ist, bei Regen und Kälte nicht gleich jammert, wer sich auch einmal mit einfachen Unterkünften zufrieden gibt und beim Essen improvisieren kann, findet in der Langstreckenroute einen Fahrradweg, der weltweit seinesgleichen sucht. Das Schönste am Reisen, die Bekanntschaft mit Menschen fremder Länder und Kulturen, wird an vielen Orten der größte Gewinn sein, der sich hier erzielen lässt.
Teil 2: Von Usedom über den Deutsch-Deutschen Radweg zur tschechischen Grenze; Teil 3: Von der deutsch-tschechischen Grenze zum Schwarzen Meer. Esterbauer-Verlag, 13,90 bzw. 15,90 Euro
Autor: Andreas Strepenick
