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22. Juni 2012
Die Hüterin der Falken
Eine deutsche Tierärztin leitet die Falkenklinik in Abu Dhabi. Ein Besuch .
Weit mehr als 40 Grad misst die glühende Luft im Schatten. Doch die Menschen, die aus dem klimatisierten Gebäude ins Freie treten, strahlen über das ganze Gesicht und sind wie immunisiert gegen die brutale Hitze. Der Zauber des Erlebten hält noch an. Sie haben Wunderbares gesehen. Baby zum Beispiel.
Der kleine Baumfalke verbringt den ganzen Tag im Behandlungs- und Operationsraum. Dreifach hatte Baby eine Schwinge gebrochen, dann wurde er zusammengeflickt. Jetzt kann er wieder fliegen, wenn auch keine langen Strecken. Baby ist in bester Gesellschaft: Ärzte und Pfleger kümmern sich um ihn, und natürlich sind da auch noch andere Patienten, die geduldig warten, mit Lederkappen auf dem Kopf: Zehn Falken sitzen paarweise auf den fünf hintereinander aufgereihten Bänken – das Ganze erinnert an eine Schule. Die Bänke sind mit einem groben Kunstrasen überzogen, der die Falkenfüße mit seinen festen Halmen massiert. Apropos Füße: Die wollen regelmäßig gepflegt sein. Werden die Krallen nämlich zu lange, leidet der Falke. Damit er die notwendige Pediküre völlig stressfrei übersteht, bekommt er vorher eine Narkose per Atemmaske.
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Frau Dr. Margit Müller leitet das Abu Dhabi Falcon Hospital. Greifvögel waren schon im Studium ihre Spezialität. Sie machte ein Praktikum in Dubai und promovierte über die Fußpflege bei Falken. Dann kam der Ruf nach Abu Dhabi, wo 1999 das erste öffentliche Falkenklinik der Welt gegründet wurde. Margit Müller, vor Ort Muller ohne die verwirrenden Pünktchen, ist eine Frau, die ihre Bestimmung gefunden hat und mit der Wüstensonne um die Wette strahlt. Sie ist offensichtlich dauerglücklich. Wegen der Falken, der Wüste und dem großen Respekt, den sie bei den Einheimischen genießt. Doktora heißt die aus Bayern stammende Beizvogel-Spezialistin bei den stolzen Besitzern der Jagdfalken einfach.
Falkner wissen um den Wert weiblichen Geschlechts. Ein Falkenmännchen gibt es bereits ab etwa 1000 Euro, ein Weibchen kostet 5000 bis 50 000 Euro. Nur die Frauen unter den Falken sind nämlich gute Jäger. Sie wiegen zwar nur ein bis eineinhalb Kilo, können aber sogar Gazellen erlegen und erreichen bis zu 300 Stundenkilometer, im Sturzflug sogar eine maximale Geschwindigkeit von 350.
Die meisten Vögel stammen von Züchtern in Deutschland oder Österreich, denn das Fangen von Wildtieren ist in den Vereinigten Arabischen Emiraten seit 2002 nicht mehr erlaubt.
Noch vor wenigen Generationen waren Falken für die damals noch bettelarmen Beduinen ein bedeutender Beitrag zum Überleben. Die Arabische Halbinsel liegt an einer wichtigen Zugvogelroute. Man fing die Tiere und zähmte sie. "Tagelang wurden die Vögel auf dem Arm herumgetragen, um sich an die Menschen zu gewöhnen. War ein Familienmitglied müde, machte ein anderes weiter, solange, bis der Falke Vertrauen gewonnen hatte. Dann ging man auf die Jagd nach Wild in der Wüste", sagt Müller. Heute dient die Falknerei vor allem der sozialen Interaktion. Falkner halten zusammen, sitzen unabhängig von ihrem Status nach wie vor bei den Ausflügen in die Wüste gemeinsam am Feuer.
"Falken sind für ihre Besitzer viel mehr als ein teures Hobby. Sie sind auch keine Haustiere, sondern Familienangehörige. Sie werden gehegt und gepflegt, und selbstverständlich geht man mit ihnen zur Vorsorgeuntersuchung wie mit den Sprösslingen", sagt die Hüterin der Falken, während einer ihrer Schützlinge gerade aus der Narkose erwacht. Der Vogel, der nach fünf Minuten wieder munter ist, wurde gerade "geshiftet". Kunstvoll wurde ihm am Großgefieder der linken Schwinge eine verlorene Feder wieder eingeklebt. Sie wird bis zur nächsten Mauser verlässlich halten.
Müller hat immer eine Kollektion von Federn parat. Denn die Besitzer legen großen Wert darauf, dass der Ersatz perfekt zum individuellen "Kleid" des Falken passt, das zwischen Tönen von Elfenbein, Goldbraun und Umbra changieren kann, immer mit den charakteristischen Flecken darauf. Müller und ihr Team kümmern sich nicht nur um Falken, sondern auch um andere Vögel sowie Hunde, Katzen und sonstige Haustiere. Das Falcon Hospital verfügt außerdem über ein kleines Museum, ein Konferenzzentrum, ein Tierheim sowie ein Tierhotel.
Die heißen Sommermonate verbringen die Emirat-Falken in klimatisierten Volieren. Oder sie fahren mit ihren Besitzern in Urlaub, den Falken-Reisepass immer dabei. Geflogen wird übrigens in der Kabine, schließlich handelt es sich um Familienmitglieder. Damit man es glaubt, zeigt Frau Doktor einen solchen Falcon Passport. Dann verabschiedet sie sich, um Gäste zu begrüßen. Kaum hat der erste Besucher einen Falken auf dem Arm und streicht mit dem Finger über das seidige Gefieder am Bauch, sieht man wieder glückliche Gesichter.
Autor: Claudia Diemar





