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22. Juni 2012
Ostseeinsel
Durchatmen auf Hiddensee
Fallada, Ringelnatz oder Hauptmann: Viele deutsche Dichter und Denker haben sich auf der Ostseeinsel Hiddensee inspirieren lassen.
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Beliebtes Ziel im Norden von Hiddensee: Der Leuchtturm, dessen Licht nachts rund 45 Kilometer weit über die Ostsee strahlt, wurde 1888 erbaut und ist 72 Meter hoch. Foto: dpa
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Insel-Attraktion: Das Sommerhaus von Gerhart Hauptmann ist heute ein Museum. Foto: dpa-tmn
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Zum Nachdenken: Gerhart Hauptmann fand hier Inspiration. Foto: dpa-tmn
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Gesunde Luft: Benzingeruch gibt es auf Hiddensee nicht – die kleine Ostseeinsel ist autofrei und schon deshalb familien- und radfahrerfreundlich. Foto: dpa
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Es riecht nach Pferdeäpfeln im Hafen von Vitte. Benzingeruch gibt es auf Hiddensee nicht, Autos sind auf der kleinen Insel in der Ostsee verboten, dafür sind Kutschen im Einsatz.
Gerade hat die "Sundevit" aus Zingst angelegt, ein Schwung Touristen geht von Bord. Einige Gäste reisen vom Hafen aus mit der Ein-PS-Kutsche weiter. Der Rest geht zu Fuß in den Ort, vorbei an der Insel-Drogerie und dem Fisch-Bistro. Die Wege hier sind kurz.
Wer auf Hiddensee angekommen ist, schaltet automatisch einen Gang runter. Die Insel ist viel kleiner als der Nachbar Rügen, viel ruhiger und nach fester Überzeugung der Stammgäste auch viel schöner. Nicht einmal 17 Kilometer ist sie lang und an der schmalsten Stelle nur 250 Meter breit. Fast überall wächst Sanddorn, über den Wiesen flattern Zitronenfalter, auf den Weiden stehen Pferde. Fahrradfahren ist das reinste Vergnügen. Auf den Strecken durch den Wald riecht es intensiv nach Kiefernnadeln.
Ziele gibt es genug, der Leuchtturm im Norden der Insel gehört sicher dazu. Sein Licht strahlt nachts rund 45 Kilometer weit über die Ostsee. Erbaut wurde er 1888 und ist immerhin 72 Meter hoch. Attraktiv für Urlauber war Hiddensee schon zu Kaisers Zeiten, der Tourismus hat Tradition. Um 1900 gab es bereits mehrere Hotels. Gerade Künstler und Schriftsteller zog die kleine Insel an: Gottfried Benn und Carl Zuckmayer spazierten über den langen Strand, der Brücke-Maler Erich Heckel hatte ein Sommerhaus. Hans Fallada schrieb seinen Roman "Kleiner Mann, was nun?" auf Hiddensee zu Ende.
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Joachim Ringelnatz, Autor humorvoller Reime, fühlte sich immer wieder im Haus von Asta Nielsen wohl: Die Stummfilm-Ikone kaufte sich Ende der 1920er Jahre das noch heute als Karusel bekannte Haus in Vitte, in das die Dänin jeden Sommer Freunde und Kollegen aus der Berliner Künstlerszene einlud. Heute gehört es der Kurverwaltung und steht unter Denkmalschutz. Meist ist es verschlossen, aber regelmäßig gibt es Führungen, bei denen Touristen auch ins Innere kommen. Dort erinnert eine kleine Ausstellung an das Leben der Schauspielerin. Fotos zeigen sie zum Beispiel zusammen mit Ringelnatz am Kaffeetisch vor dem Haus – mit Kühen neben sich.
In Vitte steht auch die blaue Scheune: Das Reetdachhaus in kräftigem Blau gehörte einst einem Bäcker, wurde später zum Atelier und zeigt auch heute wieder Kunst. In der blauen Scheune gab es etliche Ausstellungen des 1922 gegründeten Hiddenseer Künstlerinnenbundes. Clara Arnheim gehörte dazu, sie verbrachte viele Sommer in Vitte, bevor sie, von den Nazis verfolgt, 1942 in Theresienstadt starb. Etliche ihrer Bilder sind inzwischen wieder aufgetaucht.
Der Künstler, für den Hiddensee die Insel schlechthin wurde, war Gerhart Hauptmann. Sein Geburtstag jährt sich 2012 zum 150. Mal, genau 100 Jahre ist es her, dass er den Literaturnobelpreis bekam. Hauptmann kam 1885 das erste Mal, im Gasthof Schlieker trug er sich ins Gästebuch ein. Und schwärmte gleich in einem seiner Gedichte von seinen Ostseeerlebnissen: "Unaufhörlich bläst das Meer/eherne Posaunen;/Roggenfelder, segenschwer,/leise wogend raunen."
Bald kam er regelmäßig, begeisterte sich für das perlmuttglänzende Meer, die ewig donnernde Flut und das Schauspiel der Sonne. Das Einzige, was er fürchtete, war, zu viele andere könnten die Vorzüge der Insel entdecken: "Hiddensee ist eins der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, daß es nicht etwa ein Weltbad werde." Seit 1926 wohnte er immer wieder im Haus Seedorn in Kloster, das er 1930 kaufte. "Bis 1943 hat er dann so gut wie jeden Sommer hier verbracht", sagt Franziska Ploetz, Leiterin der Gerhart-Hauptmann-Stiftung, die ihren Sitz auf Hiddensee hat. "Hier ist auch ein Großteil seines Alterswerks entstanden."
Nach seinem Tod 1946 in Schlesien, im Süden des heutigen Polen, wurde sein Leichnam nach Hiddensee gebracht und dort beigesetzt. Er hatte sich das ausdrücklich gewünscht: "So möchte ich auf diesem schlichten Friedhof von Hiddensee meinen ewigen Schlaf schlafen."
"Schon seit Ende der 40er Jahre kamen Besucher, um zu sehen, wo er gelebt hat", sagt Ploetz. Sein Haus Seedorn steht leicht erhöht und hat noch immer einen lauschigen Garten.
Reich war Gerhart Hauptmann damals nicht, schon weil er nach der Trennung von seiner ersten Frau zwei Familien zu versorgen hatte. Trotzdem ließ er die alte Villa um einen Anbau ergänzen. Beide Teile verbindet ein Gang mit gotisch anmutendem Deckengewölbe, in dem der Dichter auf und ab spazierte, beim Nachdenken und beim Diktieren seiner Texte. Damit hatte er sich ein Stück italienisches Kloster nach Hiddensee geholt.
"In seinem Haus sind die Dinge wie in einer Zeitblase erhalten geblieben", sagt Ploetz. Sie werden dort nicht ausgestellt, sie sind an ihrem angestammten Platz. Darunter ist auch eine beachtliche Zahl an Kunstwerken. "Er war mit vielen Künstlern befreundet und blieb ein Leben lang Kunstsammler."
Sein Arbeitszimmer beeindruckt: Der Flügel steht am alten Platz, ein Globus, das Pult, an dem Hauptmann oft gearbeitet hat – und die riesige Bücherwand mit Hunderten von Titeln. Sein Schlafzimmer ist eher bescheiden eingerichtet. Bei Schlafstörungen nutzte Hauptmann die Wand neben dem Bett für Notizen, einzelne Worte, Satzfetzen – "Schweigen ist die größte Kunst" zum Beispiel.
Wer ein bisschen Zeit mitbringt, sollte es sich nicht nehmen lassen, in den Weinkeller hinabzusteigen: Kühl ist es dort selbst im Sommer. Seine guten Tropfen lagerte Hauptmann in Tonröhren in der Kellerwand. Er schätzte Spätburgunder aus Südbaden und trank ihn in Mengen, die nicht jeder Hausarzt gut fände. Solange er auf Hiddensee war, fand er jedenfalls immer einen Grund, eine Flasche zu entkorken. Der Sommer beginnt, wenn die jährliche Weinlieferung für Hauptmann kommt, hieß es auf der Insel. Und er geht zu Ende, wenn der Weinkeller leer ist.
Eine Bestellung an seinen Weinhändler vom Februar 1944 ist dort ausgestellt: "Dass ich sehr lange noch Wein trinken werde, ist mit einundachtzig nicht durchaus anzunehmen, aber ich bitte Sie, mich gelegentlich wieder zu protegieren", schrieb der Dichter.
Rechtzeitig zum Jubiläumsjahr erinnert das Gerhart-Hauptmann-Haus in Kloster in einem neuen Ausstellungspavillon mit der Sonderausstellung "Spurensuche" an den berühmten Mitbürger. Thema der Ausstellung: Hauptmanns Verhältnis zur bildenden Kunst.
Außerdem wird ab Ende September im Hauptmann-Haus eine neue Dauerausstellung zu sehen sein. Sie heißt "Literaturlandschaft Hiddensee" und stellt Autoren und Bücher vor, die mit der kleinen Insel in der Ostsee in Zusammenhang stehen.
Hauptmann ist natürlich auch da präsent: "Alte Liebe rostet nicht", schrieb er über sein Sommerhaus, "Hiddensee hat sich mir, neu und jung, im hohen Alter geschenkt, und sein Zauber verjüngt mich jedesmal, wenn meine Sohle seinen geliebten Boden berührt."
Hiddensee / Ostsee
Lage: Hiddensee in Mecklenburg-
Vorpommern liegt westlich von Rügen in der Ostsee. Die Insel ist rund
19 Quadratkilometer groß, etwa 1000 Menschen leben dauerhaft dort.
Anreise: Mit dem Auto über Lübeck und weiter auf der A 20 Richtung Rostock und Stralsund. Mit der Bahn über Hamburg, Rostock und Bergen auf Rügen. Von dort aus weiter mit Bus und Schiff. Ankunftshäfen der Fahrgastschiffe sind Vitte, Kloster und Neuendorf. Auch möglich: mit der Bahn nach Stralsund und dann weiter mit dem Schiff. Der nächste Linien-Flughafen ist Rostock-Laage.
Internet: http://www.seebad-hiddensee.de www.hauptmannhaus.de,
http://www.hiddensee.de
http://www.heimatmuseum-hiddensee.de
Auskunft: Insel-Information,
Tel. 038300/6420, E-Mail
info@seebad-hiddensee.de
Autor: bz
Autor: Andreas Heimann





