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27. Januar 2012
Leben im Flickenteppich
Brandenburger Tor, Reichstag, Alex: Touristen lieben Berlin. Wo und wie aber verbringen Berliner ihre Freizeit?.
Bundestag mit Reichskuppel, Spree-Ufer, Alexanderplatz, Bahnhof Zoo: Pflichttermine für Touristen in der deutschen Hauptstadt. Wohin aber gehen Berliner in ihrer Freizeit? Franziska Wissemann, Praktikantin der Badischen Zeitung, kommt aus Berlin. Sie beschreibt in dieser Reportage "ihre" Stadt.
Der Himmel ist ein schmaler Streifen zwischen den Dächern. Die Sonne versteckt sich hinter schäbigen Hauswänden. Balkone mit Wellblechdach, zugestapelt mit Dingen, die in der Wohnung niemand braucht. Ein Plastikbaum verdeckt von einer Satellitenschüssel. Aussicht aus der dritten Etage einer leicht maroden Altbauwohnung in Moabit – einer von Berlins günstigen Bezirken. Auf dem Personalausweis nennt das Bürgeramt es euphemistisch Berlin-Mitte.
Durch das offene Wohnungsfenster sind Stimmen Jugendlicher zu hören. Orientalische Klänge werden lauter und langsam wieder leiser, während Autofahrer eine Parklücke suchen. Perspektivwechsel: Wir verlassen den Altbau. An der Straßenecke sitzen jeden Tag dieselben drei Männer. Schmutzig und betrunken. Zunicken und lächeln, sie sind freundliche Gesellen, gehören zur Nachbarschaft. Genauso wie Ahmed Yazici, der Späti-Besitzer. Spätis gibt es an fast jeder Ecke – kleine Läden mit Alkohol, Zigaretten und Süßigkeiten – meist sind sie die ganze Nacht geöffnet. Auf den ersten Blick wirkt Yazici einschüchternd in seiner Gruppe finsterer Zeitgenossen, er entpuppt sich aber schnell als freundlicher Tante-Emma-Laden-Verkäufer. Man grüßt sich.
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Berlin ist eine Großstadt. 3,4 Millionen Einwohner auf einer Fläche von 892 Quadratkilometern in zwölf Bezirken, eine halbe Million Ausländer, genauso viele Straßenbäume. 108 784 Hunde sind registriert, anderthalb Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen. Täglich werden durchschnittlich 480 000 Touristen Berliner auf Zeit. Einschüchternd. Klingt viel, klingt anonym. Das kann es auch sein. Will der Großstädter niemanden sehen, taucht er ab. Die vollen Gehwege werden durch einen Sitzplatz in der U-Bahn ersetzt. Aus kleinen Ohrstöpseln kommt Musik, aus dem Schmöker die andere Welt. Das ist aber nicht immer so.
Berlin hat kein Zentrum. Berlin birgt viele kleine Städte in sich, in ihnen die Kieze. Wir befinden uns im Beusselkiez. Es ist kein besonders schöner, sogar ein Problembezirk. Dennoch fühlt es sich heimelig an. Die Ladenbesitzer grüßen Vorbeigehende. Sie kennen ihre Gäste, wissen in der Regel, was sie bestellen werden. Nur der Gemüseverkäufer lernt nicht dazu. Ruft einem täglich die türkischen Gemüsenamen zusammen mit den Preisen zu, obwohl er nie Erfolg damit hat. Der Tourist wird sich nicht zu Hause fühlen. Er wird es schäbig finden, sollte sich in der Huttenstraße aber dennoch für wenig Geld den Bauch vollschlagen. Vietnamesisch, Libanesisch, Türkisch, Indisch, Italienisch. Ein kulinarischer Flickenteppich. Multikulti. Kontrastprogramm. Berlin.
Ab zum U-Bahnhof Turmstraße, alle drei Minuten kommt mal ein antiquiertes, mal ein hochmodernes gelbes Gefährt eingefahren. Zwei Stationen bis zum Bahnhof Zoo, genug Zeit für das "Berliner Fenster": Über Monitore flimmern neben Werbung, Comics und Veranstaltungstipps auch Nachrichten. "Kosten für Berliner Stadtschloss könnten steigen. Machtkampf ums Hertha-Präsidium. Angelina Jolie kommt zur Berlinale." Die Türen öffnen sich, die Menschen strömen zur nächsten Bahn, zum Shopping, zum Sightseeing, zur Uni, zur Arbeit.
Am Bahnhof Zoo zeigen sich die verschiedensten Menschenarten. Der eine kauft sein Bier im billigen Supermarkt Ullrich, der andere schlendert zum Kaufhaus des Westens – kurz KaDeWe – auf der Suche nach dem besonderen Champagner. Wir gehen zur Kantstraße 148. Eigentlich eine Wohnung, hat der Besitzer sich entschieden, die Räumlichkeiten zu einem Café zu machen. Das Schwarze Café. Die Treppe nach oben führte einst in Wohnräume, jetzt fehlen die Wände. Sie haben Tischen und Stühlen Platz gemacht. Die für Altbauwohnungen typischen hohen Decken sind stuckverziert. Berliner fühlen sich hier schnell zu Hause. In der Trennwand zwischen den Toiletten lässt sich ein herzförmiges Guckloch öffnen. Beste Freundinnen gehen immer noch zusammen aufs WC. Ein bisschen schick, ein bisschen schäbig. Der Kellner ist von Hals bis Fuß tätowiert, sieht eher nach Gast aus, redet auch so. Er erinnert an ein Plakat der Berliner Morgenpost: "Berlin ist, wenn’s härter gesagt als gemeint ist", dazu das Bild einer Kellnerin mit dem T-Shirt-Aufdruck "Trinkgeld sonst Schnauze!" Vorbeilaufende nickten zustimmend.
Der Übergang von Berlin-Mitte nach Charlottenburg: fast fließend, dennoch ein Kontrast. Die Kantstraße führt zum Savignyplatz, einem der schönsten Flicken im Teppich. Das schmuddelige Moabit muss in einem anderen Land liegen. Die Lokale sind eng beieinander unter backsteinernen S-Bahnbögen. Im Sommer füllen Tische die Gassen. Unter Lampions trifft sich Charlottenburger Publikum: Musiker, Schauspieler, Schöngeister. Alle fünf Minuten rattert die Bahn über ihre Köpfe hinweg.
Die Straßen, die Läden und ihre Schaufenster vermitteln Westberliner Charme, lassen erahnen, was für Menschen hinter den pompösen Altbaufassaden sitzen. Brunchen in der Bleibtreustraße, Sushi in der Kantstraße, Jazzklängen lauschen im A-Trane, im Quasimodo oder in einer der anderen stilvollen Lokalitäten. Charlottenburg vom Feinsten.
Der S-Bahnhof Savignyplatz steht wie vieles in dieser Ecke teils unter Denkmalschutz. Fast ausschließlich von Brandmauern umgeben, entstand unter Leitung des Künstlers Ben Wagin an einer der Flächen ein Kunstwerk von 100 Meter Länge. Eine offene Dauerausstellung. Hier steigen wir ein und fahren zum nächsten Flicken.
Den Weg in der S-Bahn vom Savignyplatz durch die Stadt fahren wir ohne Schmöker in der Hand. Blick nach draußen: Uns präsentiert sich ein Querschnitt. Einblicke in Altbauwohnungen. Das Giraffengehege im Zoo. Die Hausboote am Spree-Ufer unter Trauerweiden im Tiergarten. Rechts raus der Blick entlang der Straße des 17. Juni zur Gold-Else – der Berliner Siegessäule –, rechts runter, selbe Straße, die Technische Universität und am Wochenende auch der seit 30 Jahren liebevoll betriebene Trödelmarkt. Der Tiergarten selbst. Vorbei an der S-BahnStation Bellevue sind wieder die schönen trauerweidegesäumten Ufer – im Sommer steigen wir hier aus, setzen uns ans Ufer und picknicken. Wieder in der S-Bahn geht’s weiter – das Regierungsviertel hinterm Hauptbahnhof, Hackesche Höfe, Friedrichstraße, Alexanderplatz. Bis Ostkreuz könnten wir sitzen bleiben, nur fahren und gucken.
Der Weg zum nächsten Flicken lässt uns jedoch am höchsten Gebäude Berlins von der S-Bahn in die U-Bahn steigen. Der Fernsehturm thront über dem Alexanderplatz, wir steigen in die U 8 Richtung Wittenau. Lange Zeit war die Ladenpassage des U-Bahnhofs Alexanderplatz leer, in den letzten Jahren hat ein Geschäft nach dem anderen seinen Weg zurückgefunden. Der einsame Marsch von U 8 zu U 2, gefühlt unter ganz Berlin entlang, ist nun wieder bunt. Baustil: Neue Sachlichkeit. Einfach ein U-Bahnhof.
Ausstieg Bernauer Straße, ein Kiez namens Gleimviertel, tiefstes Prenzlauer Berg. Kein türkischer Gemüsehändler, kein schicker Charlottenburger Gast, nein. Hier lebt der Prenzlberger. In manchen Bezirken gilt das als Schimpfwort, die Prenzlberger blenden das aus. Einen schönen Fleck haben sie sich für ihren Mikrokosmos ausgesucht. Die Bewohner hier kaufen in Bioläden, trinken Soja-Fair-Trade-Latte-Macchiato während sie etwas in ihr MacBook hacken. Die Kinder werden von spazierenden Eltern in antiken Kinderwagen ausgefahren. Sobald sie groß genug sind, fahren sie ihren spazierenden Eltern mit antiken Laufrädern ans Bein. Schöne Fassaden säumen die Straße mit liebevoll eingerichteten Cafés im Erdgeschoss. Omas Gartenmöbel haben in quietschbunten Farben ihren Weg ins Grün neben dem Gehweg gefunden. Die Pünktchentassen hat es obendrauf gegeben. Auf Toast streut man hier Minze, die meisten Dinge sind hausgemacht. Die Preise nennt man nicht geminzt, sondern gepfeffert. Sie sind weit weg von Moabit. Sie liegen kurz vor Charlottenburg.
Unser eigentliches Ziel ist der Mauerpark. Bei verspielten Cafés mit Namen wie "Hüftengold" und "Im Nu" braucht der Berlinspaziergänger Zielstrebigkeit. Der Park ist für viele eine Institution. Sonntags ist auf dem Trödelmarkt Durchschieben angesagt, trotz der Menschenmenge hat das geübte Auge meistens Glück und das des Laien sowieso. Am selben Tag ist auch Karaoke, auf dem amphitheaterähnlichen Hang stapeln sich die Schaulustigen. Überhaupt stapelt sich hier viel. Der ganze Park wird zu einer Bühne – alle zehn Meter baut eine Band ihr Equipment auf. Ein Mittzwanziger mit Holzfällerhemd und Rauschebart stimmt sein Instrument, in Straßennähe trällert ein in Schwarz gehülltes Mädchen mit pinken Haaren das Lied zur Melodie des Kontrabassspielers mit Hut und Hosenträgern. Dass die Klänge sich nicht überlagern, ist Platzhaltern zu verdanken: Jongleuren, Fuß- und Footballspielern. Auch das Frisbee hat im Sommer seinen Weg zurück in die Luft gefunden. Verführung gibt es auf dem Flohmarkt – Falafel, Waffeln, Crêpes und Glühwein im Sommer; vom Dönermann um die Ecke oder vom eigenen Grill.
Der Qualm über den Köpfen vermischt sich mit Seifenblasen, sie kommen aus allen Richtungen geflogen. Der Clubmate-trinker stößt mit dem Biertrinker an. Umringt von bunten Häusern. Über allem thront selbst hier noch der Fernsehturm – Szenen eines allwöchentlichen Kiezfestes. Ein Flickenteppich auf dem Flicken.
Jeder Berliner wohnt auf einem dieser heimeligen Flicken. Aber der Berliner ist ein Großstädter – zum Leben braucht er den ganzen Teppich.
Berlin für Fortgeschrittene
Events: Karneval der Kulturen 25. bis 28. Mai; Fête de la Musique 21. Juni, Festival of Lights 10. bis 21. Oktober
Tipp: Bei Hektickets gibt es ab 14 Uhr reduzierte Tickets für den selben Abend: Hardenbergstr. 29d, 10623 Berlin
Kontakt: Berlin Tourist Info im Hauptbahnhof, Eingang Europaplatz; täglich von 8 bis 22 Uhr geöffnet; Infos unter Tel. 030/25002333, http://www.visitberlin.de
Autor: bz
Autor: Franziska Wissemann (Text und Fotos)
