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08. Juni 2012
Ein Augenschmaus mit kritischen Untertönen
VOR DER PREMIERE: Größte Produktion des Theaters Tempus fugit in Rheinfelden und Lörrach unter freiem Himmel.
Schrilles Gelächter tönt durch den Raum, es klingt wie Vogelkreischen und Krächzen. Die Gesichter hinter Vogelmasken mit spitzen Schnäbeln verborgen, bewegen sich die Akteure mit ruckartigen Kopfbewegungen und stelzigem Gang nach vorn, umkreisen eine gefiederte Gestalt, fangen an, ihr die Federn auszurupfen: Die Schauspieler des Theaters Tempus fugit proben die phantastische Komödie "Die Vögel" von Aristophanes – mit 85 Mitwirkenden die bisher größte Produktion des freien Theaters und die erste Open-Air-Inszenierung seit den Anfängen der Gruppe. "Angefangen hat es mit dem Garagentheater in Herten, damals haben wir auf großen Garagenplätzen gespielt und hatten auch Musiker dabei. Daran knüpfen wir jetzt an", erzählt Karin Maßen, die mit Ilona Zarypow bei dem aufwändigen Freilichtstück Regie führt.
"Es ist ein richtiges burleskes Maskentheater", beschreibt das Regisseurinnen-Duo die antike Satire von 414 vor Christus. Aristophanes entlarvt die Korruption, das Denunziantentum, die Intrigen, Gier und Machenschaften im Athen jener Zeit. Zwei Athener Bürger, die genug haben von den Zuständen in der Stadt, entfliehen den Zwängen und suchen die Vögel auf, um sich in der Vogelwelt in den Wolken einzunisten. Sie schlagen vor, einen eigenen Vogelstaat zu gründen, eine "Wolkenkuckucksburg", als Barriere zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttern und Menschen, Zölle einzurichten und so die größte Macht zu gewinnen. Mehr und mehr Eindringlinge begehren Einlass in dieses Vogelreich. Die Menschen dienen sich den Vögeln an und nehmen immer mehr vogelartige Züge an. Die Gefiederten sehen sich mit menschlicher Gier und Machtlüsten konfrontiert und es kommt zu kriegerischen Konflikten zwischen Göttern und Vögeln.
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"Man wundert sich, wie aktuell das ist", sagt Karin Maßen über diese Utopie eines Vogelstaates. "Es geht um die Nähe der Vögel zu den Menschen und der Menschen zu den Vögeln. Die Vögel werden selbst so schlecht wie die Menschen." Bei allen politischen und gesellschaftskritischen Anspielungen hat der antike Stoff für Maßen vor allem "etwas Komödiantisches": "Man kann es auch einfach als Spektakel, als Augenschmaus genießen, die Buntheit der Vogelwelt, den Witz".
Gespielt wird ausschließlich mit Masken: Die fantastischen Vogellarven mit langen Schnäbeln wurden nach Anregung und Anleitung des Lörracher Künstlers Gerd Paulicke von den Tempus-fugit-Spielern aus einer Art Pappmaché gestaltet und bemalt. Um das zu lernen, gab es extra Workshops. Die Menschen-Darsteller tragen traditionelle Masken aus Barcelona, die archaisch aussehen und bei Umzügen noch verbreitet sind.
Von den 85 Spielerinnen und Spielern sind 19 Stammspieler von Tempus fugit, darunter zwei Profis. Ins Spiel eingebunden – als Vogelschar und in chorischen Szenen – sind viele Schüler der Neumatt-, Pestalozzi- und Hebelschule Lörrach sowie 14 Kinder und Jugendliche aus Asylbewerber-Familien in Rheinfelden im Alter von sechs bis 16 Jahren. Außerdem spielen vier Darsteller über 65 Jahre aus der generationenübergreifenden Gruppe von Tempus fugit mit.
Um sich die vogelartige "Körpersprache" anzueignen, haben die Spieler Studien im Basler Zoo und im Vogelpark Steinen betrieben und sich Vogelstimmen angehört. "Uns geht es nicht um Naturalismus, aber die Körperarbeit ist bei diesem Maskenspiel sehr wichtig", so Maßen. Die Vogeltypen lassen sich auf menschliche Charaktere übertragen: Da gibt es die Dohlen, die Raben, kämpferische Raubvögel, den stolzen Adler, aber auch die kleinen Spatzen und die Nachtigall, für die fantastische große Flügel gebaut wurden. Für die Farben der Kostüme ließ man sich nicht von bunten tropischen Vögeln inspirieren, sondern von heimischen. Eva Gruner hat Tanz und Choreografie einstudiert und Musiker der Maddis’son Brass Band wandeln mit durch diese Allegorie.
Schauplatz der Premiere ist das Inseli an der alten Rheinbrücke in Rheinfelden: ein lauschiger Ort zwischen Bäumen und Büschen – wie geschaffen für dieses Stück im utopischen Wolkenkuckucksheim. In der atmosphärischen Naturkulisse braucht es kein Bühnenbild: "Die Natur ersetzt das, was sonst das Bühnenbild macht", meint Karin Maßen. Bei weiteren Aufführungen auf einem Schulhof in Lörrach hat sie dann "Steinwüste" statt Natur: "Aber ich mag dieses Spiel mit wechselnden Räumen und neuen Plätzen."
– "Die Vögel", Freitag, 15. Juni, 19 Uhr (Premiere) und Sonntag, 17. Juni, 18 Uhr, Inseli an der Rheinbrücke in Rheinfelden; weitere Aufführungen am 22. und 24. Juni, 18 Uhr, Hof der Pestalozzischule Lörrach. Reservierung: Tel. 07621/1675476
Autor: ros



