Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. April 2012

Finnischer Rebell

M.A. Numminen kommt ins Freiburger Vorderhaus .

Vergleiche müssen manchmal einfach sein. Auch dann, wenn sie nicht ganz gerecht sind. Menschen erkennen die Welt, in dem sie Dinge miteinander in Beziehung setzen. Und manche Vergleiche drängen sich einfach auf. Zum Beispiel der: Mauri Antero Numminen ist der Helge Schneider Finnlands.

Eine gewisse Ähnlichkeit gibt es tatsächlich. Die Haare. Aber nicht nur. Beide sind Musiker, beide haben eine Vorliebe für Jazz, beide haben Filme gedreht und Bücher geschrieben. Und beide sind klüger, als ihre offensichtliche Vorliebe für Klamauk es erahnen lässt. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Mauri Antero, kurz M.A. Numminen, ist 15 Jahre älter. Schneider ist Schulabbrecher, Numminen studierte Volkswirtschaftslehre, Soziologie, Philosophie und Finnougristik, die Wissenschaft der Finnisch-Ungarischen Sprachen. Deutsch lernte er auch – um Karl Marx im Original lesen zu können.

Der 72-jährige Numminen ist definitiv der größere Rebell, der größere Formensprenger: Er schrieb ein Lied mit komplett gerülpstem Text und einen Roman im Passiv. Der Song "Mit meiner Braut im Parlamentspark" durfte jahrelang nicht im finnischen Radio gespielt werden, da er das Parlament verunglimpfe und zu Alkoholmissbrauch aufrufe. Ein "Handbuch des Geschlechtslebens" schrieb er auch, ebenso eine Oper über den Enzyklopädisten Denis Diderot.

Werbung


Und er vertonte den Tractatus Logico-Philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Das nüchternste Buch der Philosophiegeschichte – Numminen schmettert den Text, als ob er Poesie wäre. "Ich habe die Platte überall hingeschickt, aber niemand hat sie verstanden", sagt er. Nach über 20 Jahren stellte er das Stück bei einem Philosophenkongress in Stockholm vor, heute gehört es zu seinen bekanntesten Werken. "Wittgenstein hätte seine Lieder zu meinen Texten nicht gemocht", sagt Numminen. "Seiner Meinung nach gab es außer Brahms keine gute Musik."

Numminen wollte sich nie festlegen. Er wildert im Jazz, im finnischen Tango, in der Klassik, in der Avantgarde. Kinderlieder hat er auch schon gemacht. Im Jahr 1970 gründete er das Neorustikale Jazzorchester, gemeinsam mit dem Pianisten Pedro Hietanen tourt er zur Zeit als Musikkabarettist durch Europa. Als Botschafter für ein kreatives, eigenwilliges, skurriles Finnland. Wie Regisseur Aki Kaurismäki. Manchmal müssen Vergleiche einfach sein.
–  Donnerstag, 26. April; Vorderhaus.

Autor: Patrik Müller