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09. Februar 2012
Hineinkriechen in die Gedichte
Die Rezitationsgruppe "Laut & Lyrik" hat ein neues Programm.
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" tönt Paul Celans "Todesfuge" durch den Hörsaal Fahnenbergplatz, und die Probenbesucherin bekommt leichte Gänsehaut, auch wenn das jetzt nur "maximal 60 Prozent" von dem waren, wie es vor großem Publikum klingen soll. Das finden jedenfalls die 14 Frauen und Männer der Gruppe "Laut & Lyrik", deren neues Programm "Tut das Unnütze – Lyrik von 1945 bis zur Gegenwart" morgen im Freiburger E-Werk Premiere hat.
Seit 13 Jahren leitet Wilfried Vogel die Gruppe, er ist Logopäde und Lehrbeauftragter für Sprechgestaltung und Theater an der Universität Freiburg. Vom Studententheater ist "Laut & Lyrik" allerdings meilenweit entfernt, denn es werden keine Szenen gespielt. Ebenso weit entfernt ist die Gruppe aber auch von trockener Rezitation. "Wir sprechen Gedichte: Das klingt total langweilig, man kann das nicht erklären", sagt Maria Kröger, eine der Akteurinnen. Nein, das muss man hören: Sie brüllen, flüstern, flöten, säuseln, klagen oder spotten, einzeln, in Gruppen oder alle zusammen, wie es der jeweilige Text erfordert.
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Die Bühne ist sparsam dekoriert, möglichst wenig soll von den Texten ablenken, sie höchstens ergänzen: Musik etwa. Diesmal werden es ganz besondere Schlaginstrumente sein: Große schwarze wassergefüllte Plastikwannen stehen im Halbkreis auf der Probebühne, darin getrocknete Kürbisse, die Vogel aus Ghana mitgebracht hat. "Uns ist wichtig, dass das keine multimediale Veranstaltung ist", betont er. Die Sprecherinnen und Sprecher sollen in die Gedichte "hineinkriechen" und für die Zuhörer lebendig werden lassen. Daher gibt es in jedem Jahr ein Casting – Vogel spricht lieber vom "Club der toten Dichter" – für diejenigen, die mitmachen möchten. Und das sind viele, bis zu 40 Bewerbungen hat es schon gegeben. Inzwischen kommen etliche über Empfehlungen von "Laut & Lyrik"-Mitgliedern, auch Spontanbewerbungen nach Vorstellungen kommen vor. So wie die von Helena Barop, die zum wiederholten Mal auf der Bühne steht.
Steht die Besetzung, wird gelesen, gelesen, gelesen, bis die Gruppe eine Anzahl geeigneter Gedichte gefunden hat. "Das ist keine literaturwissenschaftliche Diskussion", betont Maria Kröger, und Michael Helten erzählt von einem Gedicht, das ihm erst gar nicht gefiel: "Jetzt finde ich es toll." Wie sehr die Sprecher mit den Texten leben, wird deutlich, als es hinten im Probensaal klappert. "Das ist wohl der Hausmeister", kommentiert Vogel. "Der Hausmeier, ach, ist gestorben", bricht spontan fast die Hälfte der Gruppe in eine klagende Gedichtzeile aus – aus Karl Mickels Gedicht "Das Colloquium über die Europäische Aufklärung".
Die Abende verlangen den Sprecherinnen und Sprechern viel ab. "Man kann sich nicht hinter einer Rolle verstecken", bringt es Michael Helten auf den Punkt. Zumal die Gruppe auch gezielt Gedichte auswählt, bei denen ein Sprecher herauszuhören ist. Das Publikum honoriert diese Intensität. Was mit 50 Zuschauern an der Uni begann, findet nun regelmäßig als Gastspiel im Freiburger Theater statt. Auch im E-Werk gastiert "Laut & Lyrik" nicht zum ersten Mal.
– Termine: E-Werk Freiburg: 10. und 12. Februar; Theater Freiburg: 1. und 8. März, jeweils 20 Uhr.
Autor: Claudia Renk
