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08. März 2010

Keine Zeit zum Tanzen

Die pvc-Produktion "Sunday always comes too late" in der Freiburger Kammerbühne.

  1. Die Bergkulisse wird selbst hergestellt: Franziska Jacobsen (h.) und Monica Gilette. Foto: Lisa Stern

Man geht ja manchmal auch ins Theater, um etwas anderes zu erleben als den Alltag: Schönheit (der Bewegung), Entschleunigung (des Handelns), Kunst (der Sprache). Im Theater soll es Sonntag sein. Was aber, wenn der Sonntag immer zu spät kommt? So dass es gar keinen Sonntag mehr gibt? Dann bricht auf der Bühne (und anderswo) der Terror des zeitgenössischen Alltags aus: Hektik, Stress, Angst vor Zeitverschwendung und zwecklosem Tun. Auch die Freizeit will zweckrational und ökonomisch sinnvoll gestaltet sein. An Orten wie Freiburg kommt noch der ökologische Standortfaktor dazu. Fahrradfahren muss sein.

Und deshalb schiebt Franziska Jacobson zu gegebener Zeit das mit einem pinkfarbenen Windrad (!) geschmückte und mit diversen schrillen Hupen ausgestattete Heiligtum aller Vauban-Bewohner auf die Kammerbühne. Das Rad ist, wo denkt man hin, nicht zum Vergnügen der Fortbewegung da, sondern Quelle alternativer Energieerzeugung. Die Tänzerin und ihre Duo-Partnerin Monica Gillette strampeln sich abwechselnd selbstlos ab, um die Lichtgalerie in der Rückenwand des weißen Kastens nicht erlöschen zu lassen. Zum Tanzen bleibt da keine Zeit – zumal außerdem noch der Ampelverkehr mit Spielzeugautos, das Chillen auf der Luftmatratze, das Lesen einer überregionalen Tageszeitung und das Workout des Körpers durch Seilspringen geregelt werden müssen. Selbst wenn man mit dem Programm schon am Freitag startet, ist klar: "Sunday always comes too late".

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Das ist der Titel des "Tanzstücks", das sich Gillette (Choreographie) und Jacobsen (Bühne und Kostüme) gemeinsam mit Tom Schneider, dem schauspielerischen Leiter von pvc Tanz Freiburg Heidelberg (Regie), ausgedacht haben. Ganz zart und leise geht es los: mit Gewisper im dunklen Raum, der nur von den beiden Stirnlampen der Tänzerinnen punktuell erhellt wird. Die Amerikanerin Gillette, neu im pvc-Ensemble, malt mit betörend gesampelter Stimme und zärtlichem Vogelgurren ein Paradies am Meer aus, Blumen, Wellen, Sonne, Himmel. Ihre Partnerin markiert derweil mit Klebestreifen Punkte an der Wand, die zur Bergkulisse verbunden werden. Fast wütend angetackertes Krepppapier formt sich zur Wiesebaumblumen-Idylle, während die Sprecherin mit dem strahlendsten aller Lächeln die Arbeit am Kinderbild verweigert – um unvermittelt zur öko- fundamentalistischen Attacke überzugehen: "A new relationship to nature" soll ausbrechen, halleluja. Mit Eiern von glücklichen Hühnern und Picknick an der Dreisam.

Von dem Moment an hat man keine Ruhe mehr auf den ansteigenden Sitzkissen. Das in die akustische Endlosschleife getriebene Fahrradgehupe nervt fürchterlich, das immer atemlosere Treiben der in parodistischen Businessklamotten steckenden jungen Frauen setzt einem physisch zu. Man wünscht sich mit zunehmender Dringlichkeit, der Freizeitterror auf der Bühne möge enden. Aufhören bitte! Wenn das die Absicht des Abends ist: Sie wird erreicht. Starker Beifall der Erlösten.
– Nächste Vorstellungen: 11., 13. und 31. März, 18. und 21. April.

Autor: Bettina Schulte