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12. März 2010 19:25 Uhr
Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" in Zürich
Nenn es nicht Liebe
Wer hier zu wem gehört, lässt sich nicht entscheiden. Barabara Freys Inszenierung ist ein großer toller Wurf mit leichter Hand.
Shakespeares Narr ist hier und heute ein Clown. Wie Robert Hunger-Bühler ihn in Zürich spielt, geschmeidig-elastisch, auf lakonische Temperatur heruntergekühlt und ein melancholisches Temperament herabgestimmt, den breitkrempigen grauen Hut meist anzüglich vorm Gemächt und eine schmalrandige Brille auf der Nase, könnte er auch einem Stück von Samuel Beckett entlaufen sein. Es sind ja tief- und abgründige Weisheiten, die der elisabethanische Freigeist im Kostüm des Wortverdrehers zum Besten gibt. Der Sprachwitz von Shakespeares Narren ist so fein geschliffen, dass man Papier mit ihm schneiden könnte. Am schaurig schönsten wird es aber, wenn Hunger-Bühler mit der Stimme in den Keller geht, um zu singen, und der spillerig nervöse Graf Orsino, dem eine widerspenstige Strähne vom verwuschelten Schopf absteht, sich bei dem gar nicht so weit von Tom Waits entfernten Katerjammer die Seele fast aus dem Leib schmachtet.
Barbara Frey lässt bei ihrer Inszenierung von "Was ihr wollt" im Pfauen der Spiellust freien Lauf – ohne Scheu vor Knallchargieren und Screwballagieren. Dass Shakespeares nicht unbedingt komplexe Komödie über einen Schiffbruch auf hoher See, der nach allerlei Geschlechterwirrnis gleich doppelt in den Ehehafen mündet, dabei keineswegs als billige Klamotte verendet, ist nicht zuletzt Angela Schanelecs pulsierender Übersetzung zu verdanken: Sie bringt Shakespeares mit Wörtern fechtende Sprache in ein Deutsch von heute, das sich nicht an modische Sprechweisen anbiedert. Daraus folgt schlicht das Vergnügen, über drei kurzweilige Stunden geistreichen Dialogen zu folgen; dass die Regisseurin dabei ganz ohne postmodernen Brechungen auskommt, nimmt man – so weit ist es gekommen – fast irritiert zur Kenntnis. Es darf vorbehaltlos gelacht werden.
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Gründe genug gibt es. Einer heißt Michael Maertens. Dieser fabelhafte Schauspieler, bei dem gelegentlich nur stören mag, dass er eine sehr ausgeprägte eigene Handschrift besitzt, ist der Haushofmeister Malvolio – und die Kostümbildnerin Bettina Walter hat ihn in ein erbarmungswürdiges Verklemmtenoutfit gesteckt: Seitenscheitel, Hochwasserhose, Grobsandalen. Damit ist kein Staat zu machen, schon gar nicht bei seiner supereleganten, platinblonden Arbeitgeberin.
Dass Malvolio, so selbstverblendet wie er ist, sich, durch einen Brief getäuscht, Hoffnungen auf Caroline Peters’ auftrumpfende Gräfin Olivia macht, zeugt von mangelnder sozialer Kompetenz in einem Ausmaß, dass der Absturz ins Lächerliche nur fürchterlich sein kann. Malvolio ist der Geschädigte des Spiels – und wenn Maertens als geprügelter Hund vom Schauplatz der Schmach schleicht, hat man Mitleid mit dem Spießer.
Er ist nicht der Einzige, der in die Falle seines narzisstischen Begehrens tappt. Nicht umsonst hat Penolope Wehrli die Bühne mit einer spiegelnden Plexiglaswand geteilt. Die Raserei, in die sich Orsino hineinwirft, als gelte es Leben oder Tod, hat mit dem Gegenstand seiner Leidenschaft nicht viel zu tun: Als der Herzog nach endlosen Botengängen endlich der Gräfin gegenübersteht, bemerkt er nicht einmal, dass sie dort nicht mehr ist, wohin er sein flammendes Bekenntnis richtet. Spiegelfechtereien sind’s, was sonst?
Das ist von der Regie genau gedacht und ebenso präzise umgesetzt: Was die vier ineinander Verstrickten – Orsino, Olivia, Viola/Cesario, Sebastian – Liebe nennen, ist es nicht; es ist nicht mehr als Sehnsucht nach einem emotionalen Ausnahmezustand Bei Nina Hoss, die die Hosenrolle wunderbar in einer androgynen Jünglingsfrau aufgehen lässt, kommt das Begehren nach dem Begehren so unterkühlt daher, dass man ihr die Liebe zu Orsino ohnehin nicht glaubt. Ausgerechnet Antonio (Sean McDonagh), vom Männerfreund zum Männerliebhaber gesteigert, beglaubigt seine Liebe zu Sebastian mit Taten. Erst rettet, dann versorgt, dann kämpft er für ihn. Mehr geht ja nicht.
Gerade er soll am Ende, wenn sich die Paare finden, leer ausgehen? So kommt es nicht. So kann es nicht kommen. Während das Gefolge des Clowns, der Alkoholiker Sir Toby (Aurel Manthei), der Loser Sir Andrew (Patrick Güldenberg) und das Kammermädchen Maria (die fabelhafte Friederike Wagner), das Geschehen aus Volkes Sicht kommentiert, fragt man sich, wie Barbara Frey den Verwechslungskomödienknoten wohl lösen wird. Die Lösung: Sie tut es nicht. Die Fünf, die um der Liebe willen angetreten sind, drehen sich zum Schluss im Kreis und eine fällt bald diesem zu, bald dieser jener. Wer hier zu wem gehört: Es lässt sich nicht entscheiden. Ein großer toller Wurf mit leichter Hand. Der Premierenbeifall war entsprechend.
– Weitere Aufführungen im Zürcher Pfauen: 16.,17., 18., 20., 27. und 28. März; Tel. 0041/442587777
Autor: Bettina Schulte
