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03. Februar 2012
Probleme machen – nicht lösen
VOR DER PREMIERE: Gespräch über die Inszenierung von "Nichts – was im Leben wichtig ist" im Freiburger Theater im Marienbad.
Nach der Auslastung des Theaters im Marienbad zu fragen, erübrigt sich. Wer das Freiburger Kinder- und Jugendtheater des öfteren besucht, weiß, dass man Karten besser vorbestellt. Höchste Zeit, meinen die Theaterleute, die Inszenierungsmöglichkeiten räumlich, personell und also auch inhaltlich zu erweitern. Einen ersten Schritt zu der gewünschten Öffnung bedeutet die Inszenierung von "Nichts – was im Leben wichtig ist" nach dem Roman der dänischen Autorin Janne Teller. Regie führt Nadine Werner, sonst Schauspielerin im Marienbad-Ensemble, es spielen ausschließlich junge, freischaffende Schauspieler, die meisten von ihnen Absolventen der Freiburger Schauspielschule Kiew.
Zum ersten Mal sind statt der acht Schauspieler des Ensembles, von denen die meisten seit 22 Jahren konstant auf hohem Niveau zusammenarbeiten, weitgehend unbekannte Gesichter auf der Bühne des Marienbades zu sehen. Ein Experiment und eine doppelte Premiere also, die am Samstag bevorstehen.
Unser Gespräch (mit der Regisseurin, der Dramaturgin Sonja Karadza, dem Schauspieler Ives Pancera und dem künstlerischen Leiter Hubertus Fehrenbacher) findet im Keller statt, weil im Besprechungszimmer die Schultheaterwoche vorbereitet wird – permanente Raumnot ist eines der Symptome von Überlastung des Theaters. Wir sitzen im Bühnenbild. Der Geruch von frischem Holz führt mitten ins Stück. Denn Tellers Roman, der seit seinem Erscheinen im Jahr 2000 immer wieder heftige Kontroversen ausgelöst hat, spielt größtenteils in einem stillgelegten Sägewerk.
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Siebtklässler errichten dort einen "Berg aus Bedeutung", mit dem sie ihren Klassenkameraden Pierre Anthon davon überzeugen wollen, dass das Leben sinnvoll ist. Der nämlich meint herausgefunden zu haben, dass nichts im Leben irgendetwas bedeutet und will den Rest seiner Tage untätig auf einem Pflaumenbaum zubringen. Die Opfer, die die Schüler einander als Beweis der Existenz von Bedeutung abverlangen, werden immer radikaler. Die Suche nach Sinn entgleitet ihnen in ein grausames Ritual. Nadine Werner zog der Roman sofort in Bann, weil sie bis dahin noch kein Jugendbuch gelesen hatte, das so furchtlos philosophisch die Grundlagen unserer Existenz behandelt. "Das Buch lässt einen nicht in Ruhe", sagt sie.
Und am Ende bleibe einem gar nichts anderes übrig, als selbst darüber nachzudenken, warum wir auf der Welt sind. Die Lektüre gab auch den Anlass zum Wunsch, Regie zu führen und sich dem Text von der Außenperspektive der Regisseurin aus zu nähern. Zudem reizte es die Schauspielerin, mit 33 Jahren die jüngste im Ensemble, seit langem, eine Inszenierung mit Gleichaltrigen zu bestreiten. Als Vorbereitung diente im April vergangenen Jahres ein Abend mit Lesung und Gespräch, zu dem Janne Teller persönlich angereist war. Schon damals sprach Nadine Werner mit ihr über Inszenierungsmöglichkeiten und war erfreut darüber, wie viel Interesse und Offenheit die Autorin dem kreativen Umgang mit ihrem Text entgegenbrachte. Zum Beispiel der Idee gegenüber, die Geschichte fünfzehn Jahre später einsetzen zu lassen und aus der Rückschau ehemaliger Schüler zu erzählen.
Auch eine achte Klasse des Rotteck-Gymnasiums ist an der Inszenierung beteiligt. Die Schüler haben das Stück gelesen, damit im Unterricht gearbeitet, haben Proben erlebt und werden über Video-Aufzeichnungen in der Aufführung präsent sein. Die Dramaturgin Sonja Karadza hatte es nicht leicht, eine geeignete Klasse zu finden, weil viele Lehrer Zweifel daran hegten, ob die Lektüre für junge Jugendliche geeignet sei. Für Karadza jedoch ist die Geschichte wie ein modernes Märchen, ein Traum mit seiner eigenen Logik, seinem eigenen Realismus. Hubertus Fehrenbacher sagt es blumiger. Es gehe darin, wie eigentlich in allen Stücken des Kinder- und Jugendtheaters, nicht darum, sich "räuberisch der Realität zu bedienen, den Alltag zu paraphrasieren", sondern um archaische, grundsätzliche Lebenseinstellungen und Gefühle. Ein Blick auf die Spielpläne der vielen vergangenen Jahre genügt. Die Sorgfalt der Suche nach geeigneten Stoffen dient dem Ensemble nicht dazu, Stücke zu finden, die Probleme behandeln, sondern die, wenn schon, "Probleme machen". Der Intendant zitiert in diesem Zusammenhang am liebsten den Dramatiker Tankred Dorst: "Wir sind nicht die Ärzte, wir sind der Schmerz."
Solchen Grundsätzen wird das Theater im Marienbad bei allem Bestreben nach Öffnung für neue Generationen und andere Denkweisen treu bleiben. Der Erfolg gibt ihm im voraus recht. Die Premiere von "Nichts – was im Leben wichtig ist" jedenfalls ist schon seit einem Monat ausverkauft.
– Weitere Aufführungen: 7. 2., 10 Uhr, 8. 2., 10 Uhr, 9. 2., 19 Uhr, 10. 2., 19 Uhr, 14. 2., 10 Uhr. Für Jugendliche ab 12 und Erwachsene. Karten Tel. 0761/31470.
Autor: Kathrin Kramer
