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06. April 2009

Theatrales Infotainment

Psychopolit-Potpourri mit Expertenrunde: "Karadžic. Guru" auf der Kammerbühne Freiburg

  1. Radovan Karadzic (Frank Albrecht) alias Dr. Dragan Dabic und seine reizende Assistentin (Vanessa Falk) Foto: kanik

Auf der in dieser Spielzeit zur Festung Europa heranwuchernden Kammerbühne des Theaters Freiburg begnügt sich die Premiere von "Karadžic. Guru" mit einem die Rückwand abteilenden Fahnenvorhang in den Farben der Serbischen Republik und ein paar gerahmten Bildchen historischer Serben auf den von den vorhergehenden Inszenierungen bepinselten und beschrifteten Wänden. Aus dem Off verkündet eine weibliche Stimme die "Kultur der Lüge" im ehemaligen Jugoslawien, klagt die "Großen Manipulatoren und ihre Teams (Schriftsteller, Journalisten, Soziologen, Psychiater, Philosophen, Generale)" an, das multikulturelle Land demontiert, nationalisiert und ethnisch gereinigt zu haben.

Einer dieser Manipulatoren, Radovan Karadžic, erhebt aus den Reihen des Publikums seine Stimme und erzählt vom Tag seiner Verhaftung. Da ist er schon nicht mehr Präsident der Republika Srpska, sondern Dr. Dragan Dabic, ausgestattet mit den Insignien des Wellness-Gurus: langes Haar und langer Bart. Bei Schauspieler Frank Albrecht ist das lange Haar zum Pferdeschwanz gebunden, und der Bart hängt sichtbar falsch am Hängegummi. Er schäkert mit der Sitznachbarin, kommt runter auf die Bühne und führt wie ein humorfreier Latenight-Talker durch die Show seines Lebens. Hauptsächlich gymnastisch unterstützt wird er dabei von einer reizenden Assistentin (Vanessa Valk), die vor allem reizend lächeln muss.

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Gemeinsam lassen sie dann sein Leben und das der Serbischen Republik mit ihrer auf Kosten von zigtausend Toten imaginierten Historie collagenartig Revue passieren: die Amselfeld-Schlacht, Dabic’ Wellbeing-Methode, Autobiographisches, ein paar Gedichte, ein Dialog mit der Mutter, Kriegsbilanzen, Tribunal, Puppenspiel und ein serbisches Volkslied. Gäbe es nur dieses Stück, hinterließe der Abend lediglich den Eindruck eines etwas willkürlichen, oberflächlichen und belanglosen Psychopolit-Potpourris. Aber mit dieser Beurteilung täte man Regisseurin Katrin Hentschel Unrecht. Mit zwölf Probetagen lässt sich wahrscheinlich kaum etwas Profunderes auf die Beine stellen.

Plädoyer für das Festhalten am Low-Budget-Konzept


Aber das Theater will mit der Kammerbühne in dieser Spielzeit auch etwas anderes: theatrales Infotainment. So etwas wie ein Arte-Themenabend, bei dem die Diskussionsrunde statt mit Filmeinspielern durch Schauspielszenen eingeleitet wird. Im Theater Freiburg heißt dieses Format "Brandherd". Erst ein bisschen schaugespielerte Informationen, dann die Expertenrunde. So auch an diesem Abend. Nach einer Pause folgt der längere Diskussionsteil mit Marie-Janine Calic als wissenschaftlicher, Ute Becker als Nichtregierungs-Expertin auf der Bühne und den per Skype zugeschalteten Vorort-Spezialisten Erich Rathfelder (taz-Korrespondent), Jasmina Redzepagic (Sozialarbeiterin aus Tusla) und Nihad Mess, Organisator des Sarajevo-Theaterfestivals.

Das alles ist im Prinzip nicht uninteressant. Gerade auch der Versuch, ob das Theater mit seinen Mitteln der omnipräsenten Konfliktverarbeitung in Funk und Fernsehen nicht etwas Eigenes entgegensetzen kann. Allerdings müsste es sich dazu einerseits mehr auf seine Stärke konzentrieren und andererseits nicht die Fehler des öffentlich-rechtlichen Häppchen-Infotainments wiederholen. Ersteres, eine konzentriertere Inszenierung, könnte schwierig werden, weil das mehr Zeit und mehr Geld erfordern würde. Vielleicht ist da das Festhalten am Low-Budget-Experiment kein schlechtes Rezept. Die Fehlervermeidung ist dagegen relativ einfach: Wenn man fünf Experten hat, die alle sehr spannende Sachen zu erzählen haben, braucht man entweder fünf Stunden Zeit, weniger Experten oder man verteilt sie auf die Aufführungstermine.
– Weitere Aufführungen: 13.4., 30.4., 6.5., 17.5. Tel. 01805/556656

Autor: Jürgen Reuß