Die Bären sind los

Privates Bärenmuseum in Gersbach

Anita Fertl

Von Anita Fertl

Fr, 11. September 2015

Schopfheim

Privat, aber bärenstark: ein kleines Museum in Gersbach.

Gewöhnlich bleiben Schatzkästchen verschlossen. Nur hin und wieder öffnet es der Besitzer, freut sich an seinen Kostbarkeiten und schließt sie dann wie Dagobert Duck nach dem morgendlichen Goldbad schnell wieder zu. Anders Carola Sutter. Sie hat ein ganz besonderes Schatzkästchen, eines, das schon von außen schmuck aussieht. Im Inneren beherbergt es mit mehr als 500 Teddys die sicherlich größte Bären-WG der Region – und heute auch uns, die wir uns nach Gersbach aufgemacht haben: zwei Schwestern samt ihren vier Kindern und deren Oma.

Allein schon das Anwesen in der Rauschenbachstraße 9 ist ein Hingucker: Die Holzfassade des alten Schwarzwaldhauses ist blumenbehangen, die Treppe mit bunten Gewächsen in Pflanzenkübeln gesäumt. Drinnen tut sich dann eine ganz besondere Welt auf, eine, in der es für eine der erwachsenen Schwestern nach Kindheit und kuschlig warmen Erinnerungen riecht – oder ein bisschen modrig und nach Teddy, wie eines der Kinder nüchtern meint.

Der Holzboden knarzt unter unseren Schritten, der Blick geht erwartungsvoll in einen der Räume, das Wohnzimmer. Da sind sie endlich, die Teddys aus allen Ländern und Epochen. Sie sitzen in einem der vielen liebevoll restaurierten Puppenwägen – die zweite Sammelleidenschaft Sutters – bärenfamilienweise wie auf Logenplätzen. Sie thronen auf der Ofenbank, hocken aufgereiht in Regalfächern, dicht an dicht, die größeren haben ihre kleinen Kollegen auf dem Schoß. Sie füllen Fach um Fach, Regal um Regal, Wagen um Wagen, so viele, dass sie aussehen wie Zuschauer in einem ausverkauften Fußballstadion.

Angefangen hat alles mit einer Ausmistaktion. Die Kinder waren aus dem Haus, da sollte das ganze Spielzeug eingesammelt und verschenkt werden. Dabei fiel Sutter ihr alter Steiff-Bär Petzi in die Hände. "Der war schon 60 Jahre alt, den mochte ich nicht in die Tüte stecken." Sie suchte im Dorf den ersten alten Kinderwagen, restaurierte ihn, setzte ihren Liebling hinein. "Und dann wohnte er mit uns im Wohnzimmer", erzählt Sutter. Mehr und mehr sammelten sich an. "Wir haben lange mit den Bären gelebt." Die Teddys nahmen ein ganzes Zimmer und den Flur ein. Schließlich bauten die Sutters extra nochmal ein Zimmer aus, um selbst wieder ein Wohnzimmer zu haben. Dann wurde der untere Stock frei und die platzraubenden Kuscheltiere konnten umziehen.

Seither sind die Bären aus allen Ländern und Epochen im ersten Stock zu Hause, haben eine ganze Etage für sich. Wie viele es wohl sein mögen? "Bei 500 Bären habe ich aufgehört zu zählen, und das ist mittlerweile schon zehn Jahre her", sagt die Bärenmutter lachend. Zuerst führt sie uns unter vielen Uuuiiis und Ooohs der Oma samt Enkeln in das Sperrmüllzimmer – so genannt, weil Sutter sämtliche Teddys dort entweder selbst vor der Deponie gerettet hat oder von einem Fahrer des Sperrmülllasters bekam, der sie einsammelte und in Sutters Obhut gab. Im Raum stehen zig Kinderwägen mit darin liegenden oder sitzenden Teddys. Ein roter Teufelsbär mit Hörnchen hockt auf dem Sofa neben einem mit Baseballmütze, ein dunkelbrauner hat ein Lätzchen um – selbst einen Seemannsteddy gibt’s – und noch viele, viele mehr. Mit großen Augen gucken die Kinder, die Mädchen gurren, die Jungs finden den Teufelteddy cool, die Zweieinhalbjährige will grabschen, Mama hält sie zurück. Wir wandern ins Bärenschlafzimmer. Blickfang ist dort ein großrädriger Kinderwagen von 1828, gestiftet von einem alten Korbmacher im Dorf. Darin sitzen die ältesten Bären, die noch Holzsohlen haben, zwei Amerikaner in weißen Strickkleidchen. Die Kinderwagen bekommt Sutter aus dem Dorf, richtet sie wieder her, bis sie aussehen wie neu, das ist ihr Hobby.

"Guck mal, da liegt Winnie Puuh!" "Ja, drückt ihm mal auf die Nase", fordert Sutter die Kinder auf. "Dum dum dum", trällert Winnie, und auch Elvis-Bär singt und tanzt, wenn man ihn stupst. Doch der wohl größte Blickfang in der Bärenstube ist ein riesiger, mannshoher Sigikid-Teddy, der aus Mannheim kommt und vorher in der Kinderklinik stand. Aus hygienischen Gründen musste er dort weg. Sutter sammelte im ganzen Dorf für die Kinderkrebshilfe und holte den 80 Kilo-Koloss ab – seither steht ein Spendenkässchen in der Bärenstube und statt Eintritt wandern Spendenmünzen in die Kasse, die an die Kinderkrebshilfe gehen.

Im Grunde ist das Museum auch ein riesiges Sammelsurium an Geschichten, mit Sutter als Geschichtenerzählerin, die es versteht, die Kinder zu begeistern. Mit großen Augen hängen die Mädchen und Jungs an ihren Lippen, wenn sie vom uralten Teddy ihres jung verstorbenen Schulkameraden erzählt, den ihr dessen Schwester damals schenkte. Oder vom winzigen Berliner Bären samt Krönchen, den ihr Besucher aus Berlin mitbrachten und der noch nicht einmal so groß ist wie ein Finger. Und da ist der Feuerwehrmannbär mit original Uniform, gestiftet von befreundeten Feuerwehrleuten. "Viele geben ihre alten Bären auch bei mir ab, damit sie sie hin und wieder besuchen können", sagt die Bärenmama, die sich gut um ihre kuschligen Haustiere kümmert: Einmal im Jahr werden die Fussels in einem enormen Kraftakt komplett durchgewaschen, der Große dampfgestrahlt.

Seit knapp 20 Jahren ist die Bärenstube zugänglich. Bärenbegeisterte kommen nach Anmeldung, hin und wieder gibt es spontane Besucher. Sutters privates Museum hat jedoch keine festen Öffnungstermine, deshalb ist es ratsam, sich erst telefonisch anzumelden.

Infos: Privates Bärenmuseum von Carola Sutter, Rauschenbachstraße 9, 79650 Schopfheim-Gersbach; Eintritt frei, Spende für die Krebshilfe erbeten. Weitere Infos

unter http://mehr.bz/baerenmuseum

Anmeldung unter Tel. 07620/285