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16. August 2013

Tiefes Frankreich – ganz nah

Beliebt bei Südbadenern: Kanu und Camping in Villersexel.

  1. Einsteigen: Eine Bootsfahrt auf dem Ognon kann je nach Wassersituation ein Abenteuer sein. Oder eine gemütliche Tour, so wie sie Uwe aus Freiburg (links) hinter sich gebracht hat. Foto: Rolf Müller

  2. Foto: Rolf Müller

Geschafft: Uwe strahlt und wird gebührend bewundert, wie er stolz auf seinem Ferrari-roten Trecker thront. Zwei Tage, genauer, knapp zwölf Stunden, hat er mit seinem McCormick für die 150 Kilometer von Freiburg nach Villersexel in der Franche-Comté gebraucht. 20 Stundenkilometer schafft der kleine Traktor, der mit seinen knapp 50 Jahren nicht ganz so alt ist wie sein Fahrer und immerhin noch einen hölzernen Bauwagen ziehen muss.

"Bergab bringt er 21", sagt Uwe, dessen zweitägige Fahrt in ein langes Wochenende auf dem Campingplatz am Fluss Ognon nicht ganz ohne kleinere Probleme verlief. Erst war es nicht ganz sicher, ob es der Bauwagen mit seinem Ofenrohr unter einer Unterführung in Freiburg hindurch schafft. Dann fanden zwei um die Sicherheit der Atomkraft besorgte französische Flics, dass eine vermeintlich Parkbucht gegenüber dem KKW Fessenheim keine passende Stelle für eine Pinkelpause war. Und schließlich verlor Uwe unterwegs auch noch seine Michelin-Karte. Zum Glück hatte er die wichtigsten Stationen seiner Reise vorab notiert und fand den Weg vom Elsass durchs Territoire de Belfort in die Franche-Comté. Was allen Widrigkeiten und Wetterkapriolen zum Trotz so viel Spaß gemacht hat, dass Uwe demnächst französisch lernen und ganz Frankreich mit Tempo 20 bereisen will. "Da sieht man einfach mehr."

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Französische Sprachkenntnisse braucht er auf dem Campingplatz Le Chapeau Chinois erst mal nicht. Dort dominieren die Autokennzeichen aus Baden, vor allem Freiburg und das Umland sind stark vertreten. Der Platz erfreut sich bei Cliquen, Vereinen und Betriebsgruppen großer Beliebtheit. Und bei Schulklassen aus Schönau, denn das ist die Partnerstadt von Villersexel. Dann sind da noch die Jakobs-Pilger, für die Villersexel direkt auf dem Weg nach Compostela liegt. Die Pilger konkurrieren mit den Schülern um die 34 Betten im Herbergshaus. Neben den rund 80 Plätzen für Zelte, Caravans und Wohnmobile gibt es noch die heute auf Campingplätzen üblichen Bungalows und Mobilhomes für Familien.

Michel Eckendoerffer, Pächter und Betreiber des kommunalen Platzes, war mit dem Start ins Campingjahr 2013 ganz und gar nicht zufrieden. Das Frühjahrswetter war nicht gerade einladend, klagt der gebürtige Elsässer, der gut deutsch spricht.

Eckendoerffers Deutschkenntnisse ist nicht der Grund für die Beliebtheit des Platzes, der von Mitte März bis zum Wochenende nach dem deutschen Nationalfeiertag am 3. Oktober geöffnet ist. Es ist der Fluss Ognon, der aus den Vogesen kommt und nach 214 Kilometern in die Sâone mündet. Er umschließt den Platz in einem eleganten Bogen und bietet dabei mehrere Stellen zum Einstieg mit Kajak, Kanu oder Schlauchboot.

Die Boote bestimmen entsprechend das Bild auf dem Platz, sie warten auf Anhängern, auf Auto- und auf Wohnmobildächern auf ihren Einsatz. Es gibt mehrere Möglichkeiten für bis zu zehn Kilometer lange, drei Stunden dauernde Touren. Entweder man organisiert den Transport mit dem Auto flussaufwärts und paddelt bis zum Campingplatz oder wählt die etwas schwierige Routen flussabwärts, die über ein paar Rutschen und Schwellen, manchmal auch unter umgestürzten Bäumen hindurchführt, und lässt sich abholen.

Ein paar hundert Meter vom Campingplatz entfernt ist nicht nur ein Bootsverleih, der auch den Rücktransport übernimmt, sondern die Ecole Française de Canoë-Kajak, in der der Umgang mit den Booten erlernt werden kann. Geführte mehrtägige Touren vom Campingplatz aus lassen sich bereits von Deutschland aus buchen. Wer an der Kanuschule vorbei über die Ognon-Brücke geht, ist nach wenigen Schritten in dem 1500-Einwohner-Städtchen Villersexel, dessen Namen man übrigens genauso ausspricht, wie er sich schreibt. Der "Clocher Comtois", das glockenförmige Kirchturmdach, verkündet weithin die Zugehörigkeit zur Region Franche-Comté. Am Ende der etwas verwunschenen Grande Rue Basse mit ihren alten Häusern führen Treppenstufen ins kleine Zentrum. Dort versteht der deutsche Besucher, was Michel Eckendoerffer vom Campingplatz meinte, als er den Reiz der Region damit erklärte, dass das nicht Elsass, sondern tiefes Frankreich sei – keine zwei Stunden von Freiburg entfernt.

Dieser Reiz lässt sich auch mit dem Rad erspüren – bei einer Tour auf schmalen Sträßchen durch die kleinen Dörfer der Communauté Communes du Pays de Villersexel, der Verwaltungsgemeinschaft von Villersexel. Etwa sieben Kilometer nordwestlich in Oricourt: Während die wichtigste Sehenswürdigkeit von Villersexel, das nach einer Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wieder aufgebaute Schloss mit seiner stolzen Fassade ein Hotel mit nicht minder stolzen Preisen ist und seine Gartenpforte nur für zahlende Gäste öffnet, kann man das Château fort, die Burg von Oricourt mit ihren beiden wuchtigen Türmen im Sommerhalbjahr nachmittags (außer dienstags) besichtigen. Täglich geöffnet ist die eindrucksvolle romanische Abteikirche von Marast, die vor 900 Jahren gegründet wurde und etwa drei Kilometer westlich von Villersexel liegt. Typisch ist der "rheinische Stützenwechsel", bei dem abwechselnd Pfeiler und Säulen die Mauern des Mittelschiffs mit seinen kleinen Fenstern tragen. Doch nicht nur die "Monuments historiques", die historischen Sehenswürdigkeiten, versetzen den Besucher der beiden Dörfer in die Vergangenheit. Dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, und selbst der Border Collie, der Hund, der Oricourt und sein Schloss zu bewachen scheint und die Fremden beschnuppert, macht dies fast in Zeitlupe.

Infos: Office de tourisme du Pays de

Villersexel, Tel. 0033/384/205959; Internet http://www.cc-pays-villersexel.fr Camping Le

Chapeau Chinois. Tel. 0033/384/634060, Internet http://www.camping-villersexel.com

Autor: Rolf Müller