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18. August 2012 00:03 Uhr
Forschung
Fremdschämen – die mitgefühlte Blamage
Peinlich sind wir uns manchmal nicht nur selbst, der Mensch schämt sich auch gerne für andere. Warum? Eine eindeutige Antwort darauf hat die Wissenschaft noch nicht gefunden.
Die Eltern sind zu Besuch. Fürs Abendessen ist, es soll ja was Besonderes sein, ein Tisch in einem arabischen Restaurant reserviert. Das kritische Kräuseln der väterlichen Stirn beim Blick in die Karte kündigt es an, der freundliche Verweis des stoisch lächelnden Kellners auf das Alkoholverbot löst es aus: Der Vater zetert unüberhörbar und fordert "wenn schon nicht ein deutsches, so doch ein anständiges Bier". Man selber wünscht nur eines: Der Boden möge sich auftun und die ganze Familie geräuschlos verschlingen.
Das, was hier gerade passiert, ist ein Fremdschäm-Supergau. Man schämt sich also nicht für sich selbst, sondern stellvertretend für jemand anderen. Der irgendwie gerade zu vergessen scheint, dass er sich höchst peinlich aufführt. Und zu allem Überfluss auch noch ganz offensichtlich zu einem selber gehört.
Sich für die eigenen Eltern schämen, das ist der Klassiker. Doch das Feld des Fremdschämens erstreckt sich über viel weitere Kreise: Mal sind es Teenager, die im Privatfernsehen jenseits von Dur und Moll gruselige Tonabfolgen ins Mikro krächzen. Mal sind es Politiker, die erst reden und dann denken. Mal ist es Loriot, der nichtsahnend im Restaurant gegen eine anhängliche Nudel kämpft. Es mangelt nicht an Peinlichen und Peinlichkeiten in unserer Welt. Merkwürdigerweise ist uns das nicht einfach egal. Wir genießen die Unfähigkeiten der anderen nicht etwa mit purer Schadenfreude und beschränken das Peinlichsein auf eigene Missgeschicke. Nein, wir schämen uns auch für andere.
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Wer sich auf die Suche macht, um die Fremdscham aus wissenschaftlicher Sicht zu beleuchten, ist schnell fertig. Als die Diplompsychologen Sören Krach und Frieder Paulus von der Universität Marburg vor rund vier Jahren begannen, sich mit dieser Emotion zu beschäftigen, stießen sie auf genau zwei Arbeiten, in denen Fremdscham auch ein Thema war.
Also beschritten sie das Neuland und wurden zu einer Art Pioniere der Fremdschamforschung. In einer Online-Studie mit rund 1400 Befragten identifizierten sie zunächst Fremdscham als stellvertretende soziale Emotion. Für eine weitere Studie, die dieses Jahr im Fachmagazin PloS one erschienen ist, untersuchten sie gemeinsam mit Kollegen mittels funktionaler Magnet-Resonanz-Bildgebung (fMRT) die Gehirnströme von 32 Menschen, während diese sich Zeichnungen anschauten, auf denen Menschen in peinlichen Situationen zu sehen waren. Das Ergebnis: Beim Fremdschämen sind die gleichen Hirnareale aktiv wie beim Anblick körperlicher Schmerzen eines Mitmenschen. "Wir fanden robuste Aktivierungen der anterioren Insula und im anterioren cingulären Cortex, dem Hirnstamm und dem Kleinhirn", sagt Sören Krach. Genau dieses Netzwerk ist auch involviert, wenn man Mitgefühl für die Schmerzen eines anderen empfindet.
Die neuronale Aktivität war unabhängig davon, ob die beobachtete Person sich ihrer peinlichen Lage bewusst war. Dieses Ergebnis deckt sich mit denen einer Studie, in der Krach und Paulus 600 Versuchspersonen mit kurz beschriebenen, peinlichen Situationen konfrontierten: Menschen schämen sich fremd, ganz gleich, ob sich derjenige, dem die Fremdscham gilt, absichtlich oder unabsichtlich peinlich verhält. Es spielt auch keine Rolle, ob er sich darüber im Klaren war, dass er sich in einer beschämenden Situation befindet.
Fremdscham muss nicht nur vom Selbstschämen, sondern auch von Schadenfreude und Mitleid abgegrenzt werden. Während bei der Schadenfreude im Gegensatz zur Fremdscham unter anderem das Belohnungssystem aktiviert wird, fällt die Trennung beim Mitleid schwerer: "Nehmen Sie zum Beispiel einen stotternden Professor. Da hängt Fremdscham mit Mitleid zusammen, oft lässt sich keine scharfe Grenze ziehen", sagt Frieder Paulus.
Scham, also auch Fremdscham, kann nur dann auftreten, wenn eine Art von Identifikation stattfindet. Je mehr ich mich mit jemandem emotional identifiziere, umso größer ist im Peinlichkeitsfall die empfundene Fremdscham. Mein öffentlich tobender Vater erzeugt bei mir ein größeres Fremdschämpotential als ein despektierlich redender Politiker – weil ich ihm näher stehe.
Ein wunderbarer Gradmesser also, der zuverlässig die eigenen emotionalen Verstrickungen anzeigt. Wie weit sehe ich mich als Teil einer Familie, Gruppe, Gesellschaft oder gar der ganzen Menschheit? "Die deutschen Generationen nach 1945 identifizieren sich zum Beispiel vom Kopf her kaum mit Deutschland, sie verstehen sich gerne als Weltbürger", sagt Stephan Marks, der das Freiburger Institut für Menschenrechtspädagogik leitet. Dass auch Weltbürger ein emotionales Zuhause haben, zeigt sich im Urlaub. Dann nämlich, wenn man angesichts der deutschen Touristen, die sich – Socken in Sandalen! - ungeniert am Büfett drängeln, ein Fremdschäm-Maximum erlebt. Schlimmer kann es nur noch werden, wenn sich unter den Gierigen der eigene Partner befindet.
Wieso aber ist es uns peinlich, wenn andere peinlich sind? Welche Funktion hat die Fremdscham? Warum ist sie neuronal deutlich ablesbar, zeigt sich physiologisch aber nicht so stark wie Scham oder Peinlichkeit mit Herzklopfen, Schweißausbruch und Erröten? Eine eindeutige Antwort darauf hat die Wissenschaft noch nicht gefunden. Es wird vermutet, dass Fremdschämen eine identitätsfördernde Wirkung haben könnte: So etwas wie der, das würde ich nie tun, ich bin anders.
Die Psychologin Anne Kathrin Just aus Lübeck beschäftigte sich in ihrer Diplomarbeit bereits vor sechs Jahren mit Peinlichkeit im Allgemeinen. Dabei stellte sie unter anderem fest, dass die empathische Peinlichkeit, die sie damals als Fremdscham definierte, bei Frauen etwas häufiger vorkommt als bei Männern. Interessant ist zudem Justs Erkenntnis, dass das Fremdschämen im Alter abnimmt. Was ein Zeichen der viel zitierten Altersweisheit sein könnte: Wir werden gelassener, sind toleranter hinsichtlich der Überschreitung von Normen und Werten.
Dass es mit der Fremdscham mehr oder weniger plötzlich Begriff für ein altbekanntes Phänomen gibt, liegt auch an unserem Gesellschaftsstil. In unserer hoch kommunikativen und durchdigitalisierten Zeit trägt jeder selbst dazu bei, dass sein Leben viele Zaungäste hat. "Mit dem Internet und sozialen Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ haben wir heute ganz andere Möglichkeiten, intime Details nach außen zu tragen. So erleben wir insgesamt mehr an kleinen Peinlichkeiten", sagt Paulus.
Umso mehr stellt sich die Frage: Wie geht man nun mit Fremdscham um? Einfach ertragen? Weil das auf Dauer wohl doch zu unangenehm ist, reagieren die meisten Fremdschämer mit Vermeiden. "Viele berichten, dass sie das Gefühl einfach nicht aushalten können und wegzappen oder weggucken", sagt der Marburger Diplompsychologe Krach. Pubertierende laufen zum Beispiel bei verpflichtenden Familienausflügen gerne mit viel Abstand vor oder hinter ihren Eltern, um ja nicht mit den peinlichen Erzeugern in Zusammenhang gebracht zu werden.
Dabei gäbe es durchaus weitere Optionen. Man könnte sich als einzelner Fremdschämer mit dem- oder denjenigen, für die man sich schämt, über vorhandene Werte und Normen verständigen und diese gegebenenfalls modifizieren. Oder aber engagiert eine Veränderung bewirken, dass Fremdschämen nicht mehr nötig ist, weil der Vater dank eindringlicher Belehrungen nun auch mit internationalen Küchen kompatibel ist.
Dem persönlichen Anti-Fremdscham-Engagement sind aber natürliche Grenzen gesetzt. "Wenn Sie sich aus irgendeinem Grund für Ihre Eltern schämen, dann können Sie mit denen immerhin ein korrektives Verhalten üben. Schwieriger wird es, wenn derjenige, für den Sie sich fremdschämen, keine Bindung zu Ihnen hat. Einen Dozenten zum Beispiel, der ein Stück Rucola zwischen den Zähnen hat, machen die Wenigsten darauf aufmerksam", erklärt Krach.
sorgt für Identität
Doch statt aufs Alter zu hoffen, könnte sich die Mehrheit auch von der Minderheit inspirieren lassen. Sie tut das hin und wieder sogar. Die in den 60er und 70er Jahren zu vor allem elterlicher Fremdscham gereichende Haarlänge männlicher Teenager liefert heute kein familiäres Streitpotential mehr, kaum eine Mutter echauffiert sich beim Latte-Macchiato-Klatsch mit Freundinnen noch über die langen Locken des Sohnes. "Oder nehmen Sie die Grünen", sagt Schamforscher Marks, "die wurden lange als Spinner belächelt, inzwischen gehört Grün sein zum Mainstream."
Autor: Claudia Füßler





