Freude am genauen Hinsehen

Ernst Hubert Bilke

Von Ernst Hubert Bilke

Do, 19. März 2015

Waldkirch

Neue Ausstellung im Georg-Scholz-Haus: Bett-Ornamentik, die zum Träumen einlädt und Früchte zum Anbeißen schön.

WALDKIRCH. Am kommenden Sonntag, 22. März, wird im Georg-Scholz-Haus die zweite Ausstellung in diesem Jahr eröffnet. Sie steht unter dem Titel "Stille Leben" und zeigt Ölgemälde von Chris Popovic und Almut Quaas.

Die Darstellung regloser, nicht unbedingt toter Gegenstände, die unter ästhetischen Gesichtspunkten zusammengestellt werden, hat in der europäischen Malerei Tradition und so kann es gerade für den kunsthistorisch gebildeten Betrachter schwierig sein, die ausgestellten Werke so zu erfassen, wie sie die Künstlerinnen gemeint haben: entstanden aus einem Lebens-Stil, der Freude am genauen Hinsehen vermittelt.

Es ist sinnvoll, zuerst die Bilder von Chris Popovic anzuschauen, bei denen weniger die Gefahr besteht, auf traditionelle Sichtweisen hereinzufallen. Gewiss, das Bett als Ort, in dem Menschen viele Stunden verbringen, liebend, ruhend, schlafend und sterbend, ist geradezu eine Metapher für den Spannungsbogen zwischen Leben und Tod, aber Popovic zeigt nur Ausschnitte davon, und das darf man wörtlich nehmen. Sie schlitzt Bezugsstoffe von Matratzen auf, die sie in Haushaltsauflösungen und auf dem Sperrmüll findet und entnimmt ein Stück Bezugstoff. Mit der akkuraten Regelmäßigkeit eines Tapetenmusters wiederholen sich florale Motive auf meist blauem oder rotem Leinen.

Faszinierende Matratzen

Im Leben der ehemaligen Lehrerin für die Bildende Kunst und Mathematik gab es Zeiten, da hat sie das Leinen von Matratzen als Malgrund benutzt. Eines Tages hat ihr geschulter Blick für Geometrie die mit Rosshaar gefüllten Quader mit ihren Bezügen als selbstständiges Motiv entdeckt. Mit dreien davon wurde zu Omas Zeiten ein Bettenrost belegt, und um 1970 nutzten junge Leute diese Teile als Sitz- und Liegegelegenheit auf dem Boden. Viele Bezüge von Kissen und Decken zeigen Muster, deren Regelmäßigkeit manchmal nicht,wie zum Beispiel Parallelen auf den ersten Blick zu erkennen sind. Die Schatten der Zwischenräume aufeinandergestapelter Matratzen, die Ritzen zwischen Bettzeug, finden in jüngster Zeit ihr zunehmendes Interesse. So beschäftigt sie Bett-Ornamentik seit rund 15 Jahren immer wieder neu.

Auch Almut Quaas kann sich längere Zeit einem Thema widmen. Serien faszinieren sie solange bis sie sich "sattgemalt" hat. Welche Frucht war das Vorbild für den Paradiesapfel? Diese Frage war der Ausgangspunkt für eine solche Bilderserie. Bei den alten Meistern kroch da und dort ein Würmchen aus einem Apfel hervor, um unerbittlich auf die Vergänglichkeit des Daseins hinzuweisen. In ihren Stillleben ist nicht der Wurm drin. Im Gegenteil, realistisch mit braunen Dellen im annähernden Maßstab 1:1 gemalte Quitten laden dazu ein, in die Hand genommen zu werden, die braunen Stellen wegzuschneiden, um dann in einem Entsafter verarbeitet zu werden, und mit Gelierzucker aus dem Saft Quittengelee zu machen.

Früchte und Puppen

Zum Anbeißen schön sind die Äpfel und Granatäpfel. Überdimensioniert gemalte blaurote Trauben, weiße Erdbeerblüten, glänzende Erdbeeren und gelbe Zitronen, strahlen Lebensfreude aus.

Strampelnde Babys als Sinnbild heranwachsenden Lebens, erstarrt zu nackten Gliederpuppen, haben Rudolf Dischinger (1904-1988) lange fasziniert. Almut Quaas kennt die Tochter Dischingers und den Nachlass dieses Vertreters für Neue Sachlichkeit. Aus ihren Kindertagen hat Almut Quaas Gliederpuppen aufbewahrt. Paula, Emilie oder Anna hießen sie, und als Kind erlebte sie diese Puppen als lebendig, spielte und sprach mit ihnen. Heute fehlt ihnen mal ein Arm, mal ein Bein, und mit Kleidchen, gemalt in Öl, wirken sie reglos bis melancholisch. Und wie bei Popovic verselbständigt sich ein Detail eines Motivs, wenn sie die Muster der Kleidchen einer Puppe an sich malt.

Info: Ausstellungseröffnung im Georg-Scholz-Haus ist am Sonntag, 22. März, um 11 Uhr. Öffnungszeiten: Do 17 bis 20 Uhr, Fr/Sa 15 bis 18 Uhr, So 10 bis 13 Uhr (Karfreitag und Ostersonntag 10 bis 13 Uhr). Kunstgespräch mit den Künstlerinnen am 27. März, 19.30 Uhr; Schreibnacht am 28. März; Filosofisches Forum am 17. April; Lesung mit Evelyn Grill am 24. April; Finissage am 26. April.

Mehr Infos, auch zum Begleitprogramm unter http://www.georg-scholz-haus.de