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14. April 2012

"Ich bin glücklich über die Erfahrung"

BZ-INTERVIEW mit Andreas Hensler, der ein Jahr lang an einer Schule in Bosnien-Herzegowina gearbeitet hat.

  1. Andreas Hensler in Bosnien und Herzegowina auf der ehemaligen Olympia-Bobbahn in Sarajevo. Foto: Privat

RÖTENBACH. Andreas Hensler aus Rötenbach war ein Jahr in Bosnien und Herzegowina. BZ-Mitarbeiterin Sarah Beha sprach mit ihm über seinen Zivildienst.

BZ: Andreas wie kam es dazu, dass du ein Jahr in Bosnien und Herzegowina gelebt und gearbeitet hast?
Hensler: Ich habe mich für das Programm Kulturweit der Deutschen Unesco-Kommission beworben. Ich interessiere mich schon länger für die Länder Osteuropas und GUS-Staaten. Mit einem Angebot aus Bosnien und Herzegowina hatte ich nicht gerechnet, aber nach der Erfahrung bin ich sehr glücklich, dass es mich in dieses Land verschlagen hat.
BZ: Beim Zivildienst im Ausland fällt mir gleich Entwicklungsarbeit ein, war das auch deine Aufgabe?
Hensler: Nein, Kulturweit ist ein Programm der auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik und meine Aufgabe war es, die deutsche Kultur und Sprache im Ausland zu repräsentieren und zu fördern. Die Arbeit grenzt sich klar von entwicklungspolitischer Zusammenarbeit ab.

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BZ: Was für eine Vorstellung hattest du von Bosnien und Herzegowina, bevor du deine Reise angetreten hast?
Hensler: Ich hatte keine klare Vorstellung. In der Schule erfährt man fast gar nichts über die Balkanländer. Ich war aber gespannt, wie es sich anfühlen würde, in einem Land zu arbeiten, welches noch mit den Folgen eines Krieges kämpft.
BZ: Wie waren dann deine ersten Eindrücke von dem Land und seinen Bewohnern?
Hensler: Das Land ist Schnittstelle zwischen West- und Osteuropa und dem Orient. Man merkt die Einflüsse der verschiedenen Kulturen in der Architektur aber auch in der Mentalität. Es ist seit dem Krieg häufig entscheidend, welcher Religion man angehört, was das politische und wirtschaftliche Fortkommen dieses Landes lähmt. Es verändert einem, wenn Gleichaltrige von ihren Kriegserlebnissen erzählen.
BZ: Wie sah deine Arbeit aus?
Hensler: Das Gymnasium, an dem ich gearbeitet habe, wurde als PASCH-Schule ausgewählt. Das ist eine Initiative des Auswärtigen Amtes, um das Interesse an Deutschland und der deutschen Kultur und Sprache zu fördern. Neben vielen Projekten und technischer Ausstattung sind die Kulturweit-Freiwilligen Bestandteil dieser Initiative. An der Schule haben wir Zusatzangebote zum Deutschunterricht gemacht und die Schüler für Sprachkurse in Deutschland vorbereitet. Den größten Erfolg hatten wir, als ein Schüler von uns, als Einziger in Bosnien und Herzegowina, vom DAAD ein Vollstipendium für einen Studienplatz in Deutschland bekam. Mich hat es sehr beeindruckt, wie engagiert die Schule war, es gab etliche AGs und das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern war sehr eng.
"Die meisten Bosnier
bezeichnen einen
Deutschen als

Schwaben."
BZ: Was für ein Bild haben die Bosnier von den Deutschen?
Hensler: Ein überraschend positives. Die Verbindungen zu Deutschland sind sehr eng. Etliche Flüchtlinge waren während des Krieges in Deutschland oder arbeiten als Gastarbeiter. Und die Bundesliga ist durch Spieler wie Edin Džeko oder Vedad Ibisevicć sehr populär. Ich hatte mich nie groß für Fußball interessiert aber das hat sich in dem Jahr auf jeden Fall geändert.
BZ: Gab es hin und wieder interkulturelle Missverständnisse oder Ähnliches?
Hensler: Nicht unbedingt, aber die meisten Bosnier bezeichnen einen Deutschen als Schwabe, das hört man als eingefleischter Badener natürlich nicht so gerne. Klar haben die Bosnier in manchen Dingen andere Ansichten. Fahrradfahren ist zum Beispiel eher was für Menschen, die sich kein Auto leisten können. In Sarajevo waren im Sommer nie mehrere Fenster in der Straßenbahn auf, weil Durchzug als Todesursache Nummer eins gilt, das hat mich hin und wieder im wahrsten Sinne des Wortes zum Schwitzen gebracht.
BZ: Von Juni bis August warst du dann in Sarajevo, wie lebte es sich in der Hauptstadt?
Hensler: Sarajevo ist zwar die Hauptstadt aber mit 400 000 Einwohnern überschaubar. Sie ist wirklich schön und hat kulturell viel zu bieten. Die Moscheen, Synagogen, orthodoxen und katholischen Kirchen prägen das Stadtbild genauso wie die Altstadt mit ihren vielen Cafés. Die Stadt ist nur ein paar Stunden weg vom Meer und im Winter liegen die Skigebiete der Olympischen Winterspiele von 1984 vor der Haustür, da fühlt man sich als Schwarzwälder sehr wohl.
BZ: Du hast in Sarajevo für den DAAD gearbeitet, was genau ist das?
Hensler: Der Deutsche Akademische Austauschdienst, er fördert unter anderem die deutsche Sprache im Ausland und vergibt Stipendien für Deutsche und Ausländer. Ich habe an der Germanistischen Fakultät Deutsch unterrichtet und Studenten beraten, die in Deutschland studieren möchten.
BZ: Außerdem hast du ein Buchprojekt mit zwei Germanistikstudenten ins Leben gerufen.
Hensler: Genau wir hatten die Idee mit einem literarischen Reiseführer über Sarajevo. Es ist kein klassischer Reiseführer, aber die Lektüre soll einfach einen Einblick in die Kultur und das Leben in der Stadt bieten. Klischees werden auf die Schippe genommen und persönliche Erlebnisse erzählt.
BZ: Das klingt nach einem sehr aufregenden Jahr, vermisst du die Zeit?
Hensler: Ich will sie auf jeden Fall nicht missen. Ich habe noch viel Kontakt mit Kollegen und Freunden aus Bosnien. Jetzt studiere ich in Heidelberg Politikwissenschaft und Slavistik. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass ich nochmal eine Weile dort sein kann.
BZ: Fürs Erste hat auch eine Woche gereicht, nicht wahr?
Hensler: Ja genau, vor Ostern bin ich für eine Woche nach Sarajevo geflogen.

Autor: bz