Fotografie

Friesenheimer Künstler macht aus seiner Depression Kunst

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

So, 21. Oktober 2018 um 13:45 Uhr

Friesenheim

Für Holger Dankel mann ist Leben eine Herausforderung geworden. Vor fünf Jahren hat man bei ihm eine Depression diagnostiziert. In der Therapie hat er die Fotografie für sich entdeckt.

Es ist ein guter Tag für Holger Dankelmann. Im Büro des CVJM hat er seine Bilder aufgestellt. "Schutterlindenberg", "Als der letzte Engel seine Flügel ablegte" oder "Einsamkeit" hat er sie genannt. Es sind Motive, die er mit seiner Systemkamera aufgenommen hat, einer Olympus. Seine Allzweckkamera. Anschließend hat er sie über Stunden hinweg am Computer bearbeitet, besondere Farben gegeben. Er hat sie auf unterschiedliche Materialien drucken lassen und auf der Friesenheimer Nova erstmals ausgestellt, eines sogar verkauft.

Seit fünf Jahren kämpft Dankelmann mit der Depression

Dankelmann hat sich zurückgelehnt, die Beine weit von sich gestreckt. Die Arme liegen auf den Stuhllehnen. Er wirkt entspannt. Sein Blick ist aufgeschlossen, sucht Kontakt, beobachtet. Er schätzt diese guten Tage. Dass auch wieder andere kommen können, weiß er. Tage, an denen er das Haus nicht verlässt, seinen Computer ausgeschaltet, das Telefon unbeantwortet lässt. An denen er sich isoliert. "Man sieht mir meine Krankheit nicht an. Es gibt kein Röntgenbild, das beweisen könnte, dass ich krank bin", sagt er. Seit fünf Jahren kämpft Dankelmann mit einer Depression. Er bezieht Berufsunfähigkeitsrente, war mehrmals stationär in Behandlung. Immer wieder hat er depressive Episoden. So heißen die Phasen, in denen gar nichts mehr geht. Mit seiner Kunst hat er ein Medium gefunden, seine Gefühle auszudrücken. Im Internet betreibt er einen Blog, eine Mischung aus Künstler-Porträt und Depressionstagebuch.

Eintrag vom 9. April 2017: "Ich habe lange Zeit versucht, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Lange gegen die Depression angekämpft und bin immer wieder auf die Schnauze gefallen."

2013 spürt er das erste Mal, das etwas nicht stimmt. Verdacht auf Herzinfarkt. Er kommt in die Klinik, doch die Ärzte finden nichts. Die Symptome bleiben: Bluthochdruck, Herzrasen, Schlaflosigkeit, Kurzatmigkeit, Niedergeschlagenheit. "Es war schräg, was da mit meinem Körper passierte", sagt er. Seine Hausärztin vermutet psychosomatische Ursachen. Sie schickt ihn in die Klinik. Anschließend soll er sich einen Therapeuten suchen. "Ich dachte, jetzt ist alles wieder gut, ich habe es überstanden und kann weitermachen, wie bisher."

"An einem Tag wie heute kann alles passieren, nur nichts Gutes."

Holger Dankelmann
Doch die Depression holt ihn schnell wieder ein. "Plötzlich ging nichts mehr, ich habe mich in meinem Zimmer verkrochen und wollte mit niemandem mehr reden – auch mit meiner Frau nicht", sagt Dankelmann. Die Folge: zweiter Aufenthalt in einer Klinik, Gruppentherapie, Einzeltherapie, Aufarbeitung. Er leide an einer endogenen Depression, sagt sein Therapeut Werner Ketterer. Eine Depression von innen, nicht durch äußere Einwirkung oder einen konkreten Anlass. Veranlagung, Vererbung, man kann es nicht genau sagen.

Eintrag in seinem Blog vom 26. April 2017: "An einem Tag wie heute kann alles passieren, nur nichts Gutes. Tränen tauchen plötzlich und unerwartet auf. Sie laufen an meinem Gesicht herunter und Bilder tauchen auf, die ich schon längst vergessen und verarbeitet meinte."

Er hat sich entschieden, seine Krankheit öffentlich zu machen

Es ist dieser zweite Aufenthalt in der Klinik, bei dem der heute 55-Jährige die Gestaltungstherapie entdeckt. Dankelmann ist gelernter Drucker. Er hat immer gearbeitet. Bis zur Schließung in der Lahrer St.-Johannis-Druckerei, danach noch woanders. Die Schließung war ein Schock. Es sind solche Themen, die er in seinen Bildern verarbeitet. "Schutterlindenberg" ist aus dem Gebäude seines alten Arbeitgebers heraus entstanden. Die gebrochene Glasscheibe: ein Symbol des Niedergangs. "Ich bin dort gerne zur Arbeit gegangen und ich hatte mir auch vorstellen können, dort in Rente zu gehen", erklärt er. Wenn er sich gut fühlt, nimmt Dankelmann die Kamera und spaziert durch die Gemeinde. Immer auf der Suche nach neuen Motiven. Immer sehr langsam. Er darf sich nicht überfordern, ist dabei am liebsten allein. Er wählt Uhrzeiten und Gegenden, bei und in denen er nur wenige Menschen antrifft.

Wenn Dankelmann eine Frage unangenehm wird, verschränkt er die Arme, irgendwann auch die Beine. Trotzdem redet er weiter. Er will aufklären: "Die Resonanz von einem unwissenden Umfeld ist oft verletzend", sagt er. Er möchte sich auch für gute Tage nicht rechtfertigen müssen. "Man traut sich als Betroffener nicht einmal mehr raus, auch wenn man sich gut fühlt."

Ohne die Depression hätte er nicht mit dem Fotografieren begonnen

Vor zwei Jahren hat er sich dazu entschieden, seine Krankheit öffentlich zu machen. Mehrmals hat er seine Entscheidung revidiert, um dann die revidierte Entscheidung zu revidieren. "Die Krankheit ist nun mal Teil von mir und kann nicht einfach entfernt werden – auch, oder gerade in der Öffentlichkeit", sagt Dankelmann. "Ich war selbst überrascht, dass er das so öffentlich machen wollte", sagt Therapeut Werner Ketterer. "Aber es sprach auch nichts dagegen; für ihn ist es ein Teil des Heilungsprozesses. Man muss aber einschränken, dass das nicht für jeden zu empfehlen ist." Die guten Phasen in seinem Leben seien länger geworden, sagt Dankelmann. Dass er jemals wieder so wird wie früher, bezweifelt er. Aber ohne die Depression hätte er auch nicht mit dem Fotografieren begonnen.