Glück und Unglück der Pflegereform

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Mi, 24. Januar 2018

Friesenheim

Rund ein Jahr ist das Pflegestärkungsgesetz II in Kraft / Pflegeheime und Pflegedienst in Friesenheim ziehen durchwachsene Bilanz.

FRIESENHEIM. Am 1. Januar 2017 ist nach Aussage des Bundesgesundheitsministeriums "die größte Reform der Pflegeversicherung seit ihrer Einführung vor mehr als 20 Jahren gelungen". Weniger Dokumentation, mehr Zeit für die Pflege, genauere Einstufung mit dem Pflegestärkungsgesetz II. Doch hält es, was es verspricht? Die BZ hat in den Friesenheimer Pflegeheimen Emmaus und Kursana Domizil und beim ambulanten Pflegedienst nachgefragt.

"Es ist das eingetroffen, womit viele gerechnet haben", sagt Michael Rost, Pflegedienstleiter im Pflegeheim Emmaus in Friesenheim. Früher habe man viele Bewohner mit Pflegestufe Eins gehabt, das habe sich verändert. Die Neuannahmen seien Pflegegrade 3, 4 und 5. "Die Leute kommen in einem immer späteren Krankheitsstadium zu uns", erklärt er. Dadurch stiegen auch die Anforderungen an das Pflegepersonal erheblich. "Pflegegrade 1 und 2 sind fast gar nicht mehr vertreten."

"Es ist mit dem Modell wesentlich einfacher und zeitsparender

geworden."

Claudia Collet
Am 1. Januar 2017 ist das neue Pflegestärkungsgesetz II bundesweit in Kraft getreten. Es folgte auf die erste Reform zwei Jahre zuvor. Ziel war es, die Pflegebedürftigen, die Angehörigen in der häuslichen Pflege und stationäre Pflegekräfte zu stärken. Für eine bessere Evaluation des Pflegebedarfs wurden aus den bisher drei Pflegestufen fünf Pflegegrade. Insbesondere Menschen mit Demenz sollten einen gleichberechtigten Zugang zu Pflegeleistungen bekommen, wie körperlich beeinträchtigte. Für vollstationäre Einrichtungen sollte die Dokumentation vereinfacht und dadurch mehr Zeit für die eigentliche Pflege generiert werden.

Das scheint erreicht: "Es ist mit dem Modell wesentlich einfacher und zeitsparender geworden", bestätigt Claudia Collet, die Heimleiterin des Emmaus. Ganz reibungslos sei aber die Umstellung nicht verlaufen. "Oftmals muss man sich mit Heimaufsicht und MDK (Medizinischem Dienst der Krankenkassen, Anm. der Redaktion) abstimmen, ob die neue Dokumentation ausreicht." Früher sei es nötig gewesen, dass eine Pflegekraft jeden Tag akribisch dokumentiert, was mit einem Bewohner gemacht wurde. "Das waren rund 50 Handzeichen, die nur für die Pflege gemacht werden mussten pro Tag", erklärt Michael Rost. Das entfällt jetzt. In das System wird einmalig der Pflegeaufwand eingepflegt und nur die Abweichung davon dokumentiert. Noch gebe es aber Unsicherheiten, was genau der Medizinische Dienst bei der Dokumentation erwartet.

Dass nach in Kraft treten des neuen Gesetzes mehr Menschen als zuvor Pflegeleistungen in Anspruch nehmen, bemerkt auch Stephanie Kirn von der Katholischen Sozialstation in Lahr. "Mehr Menschen haben jetzt einen Pflegegrad, die zuvor keinen hatten", sagt die Pflegedienstleiterin. Im Bereich der ambulanten Pflege ist die Katholische Sozialstation auch in Friesenheim tätig. Gravierende Veränderungen habe es speziell in der ambulanten Pflege nicht gegeben. Auffällig jedoch: An Demenz erkrankte Menschen hätten jetzt weniger Geld zur Verfügung als früher, dadurch sinke die Nachfrage nach Betreuungsangeboten. Vor der Gesetzesänderung gab es für Demenzerkrankte 208 Euro; nach der Reform bekommt jeder, der einen Pflegegrad hat 125 Euro als sogenannten Leistungsbetrag. "Es hält sich manchmal die Waage, da andere, die vorher kein Geld bekommen haben, nun Zugang zu Betreuungsleistungen haben", sagt Kirn.

Laut dem neuen Gesetz ist es so, dass mit Pflegegrad 1 eingestufte Personen den sogenannten Entlastungsbetrag in Höhe von 125 Euro monatlich für die ambulante Pflege einsetzen können. "Letztendlich gibt es noch andere Gelder, die zusätzlich in Anspruch genommen werden können", ergänzt Kirn. "Aber für den Kunden ist es sehr schwierig, den Durchblick zu bekommen." In der Folge habe sich besonders der Beratungsbedarf bei der Katholischen Sozialstation erheblich erhöht.

"Dabei wird nun

auch die Demenz

berücksichtigt."

Rudolf Edelmann
Rudolf Edelmann vom Kursana Domizil hat die Veränderung begrüßt: "Es ist eine individuellere und gerechtere Einstufung möglich, dabei wird nun auch die Demenz berücksichtigt." Man merke die Absicht des Gesetzgebers, Pflegebedürftige mit geringerem Aufwand hauptsächlich ambulant versorgen zu lassen. Edelmann bestätigt, dass auch im Kursana Domizil die Zahl der höheren Pflegegrade gestiegen sei. "Der pflegerische Mehraufwand ist spürbar – und dadurch der Personalbedarf." Trotzdem sei bei ihnen eine stärkere Mischung der Pflegegrade möglich gewesen. Der Mehraufwand sei im Kursana Domizil durch etwas mehr Personal abzudecken gewesen, sagt Edelmann. Er hält das Gesetz insgesamt für zielführend.

Mehr Informationen unter: http://www.pflegestaerkungsgesetz.de