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27. November 2014

Der Mädchensammler

David Braun war ein schüchterner Junge ohne Selbstbewusstsein und ohne Erfolg bei Mädchen – bis er Pick-Up-Artist wurde.

  1. Mädchen sammeln, das macht David überall – auch bei Nieselregen auf der KaJo in Freiburg. Foto: Buhl

David ist Pick-Up-Artist. Als einer von 30 Freiburgern verführt der 29-Jährige Frauen mit System. Auf der Straße, im Club, im Geschäft – überall spricht der gebürtige Mecklenburger Frauen an. Immer häufiger hat er Erfolg. Neben dem Verführen von Mädchen geht es David aber auch um Persönlichkeitsentwicklung – die Frauen sind für ihn das Zeichen einer gesunden Männlichkeit.

Es regnet an diesem Nachmittag im November, aber David will jetzt ein Mädchen klar machen. Er und seine Kumpels Tobi und Marc stehen vor dem Modehaus Kaiser; sie warten, bis endlich eine Hübsche vorbei kommt. Ist aber schwer heute. Erstens tragen die Mädchen heute Kapuzen und die Jungs erkennen kaum das Gesicht, zweitens wollen Mädchen bei dieser Kälte auch nicht lange reden. An Sommertagen sei das anders, sagt David.

Plötzlich Alarm. Hast du die gesehen? Schnapp sie dir! David dreht sich um, nach ein paar Schritten holt er das Mädel ein. Sie trägt eine Mütze, den Kragen hat sie hoch gezogen. "Hi, du bist hübsch, ich mag deine Ausstrahlung", sagt David und fährt sich mit der Hand durch die Haartolle. Er steht ruhig, eine Hand streckt er aus. "Ich bin David." Zögernd schüttelt das Mädchen seine Hand. "Was machst du heute?", fragt David. "Einkaufen", sagt das Mädchen und mustert den schmalen Mann im schwarzen Mantel. Schnell beginnt David ein Gespräch, es geht um Weihnachtskonsum und Handtaschen. Am Ende fragt David, ob das Mädel ihm ihre Nummer geben will. Doch sie will nicht: "Ich habe einen Freund."

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"Schade", sagt Kumpel Marc, "du warst gut". Marc ist wie David ein Pick-up-Artist. Zusammen mit Tobi sind sie die Anführer der Freiburger Gruppe. Heute sind sie zu dritt losgezogen. Ihr Ziel: Frauen verführen – mit System. David ist erst seit einem Jahr dabei, der Beste ist er dennoch. Weil er keine Angst hat, sagt Marc.

Vor ein paar Jahren hatte David Angst. Vor Gesprächen, vor dem Rausgehen, vor Mädchen. Er hat damals in Mecklenburg gelebt, mit 17 war David schwer krank. Vier Wochen lebte er in einer Kurklinik bei Freiburg, es war die glücklichste Zeit seiner Jugend. Als er aus der Klinik zurück nach Hause kam, versteckte er sich wieder. Nachmittage lang lebte er in der World of Warcraft. Besonders das mit den Mädchen hat ihn geärgert.

Eines Tages war ihm alles zu viel. Er hat dann gegoogelt: "Erfolg mit Mädchen, selbstbestimmt leben". Die Antwort: Pick-Up. David war zunächst nicht überzeugt. Die Bestätigung kam durch die Bücher, die er las – und die Selbstversuche. In einem Partykeller sprach David ein dickes Mädchen an, ihre attraktive Freundin ignorierte er bewusst. Als die sich vehement ins Gespräch drängte, hatte David eine Waffe entdeckt. Glücklicher wurde er damit nicht. "Ich verstand nicht, wie verletzend ich war, wie egoistisch." Die Lösung: Persönlichkeitsentwicklung, ein Pick-Up-Thema, das er bislang vernachlässigt hatte. Die Lehre: Wer selbstbestimmt lebt, hat auch Erfolg mit den richtigen Frauen. "Gefühle, Ziele, Freundschaften. Der Weg zu uns selbst ist das Ziel – der beste Anmachspruch ist deine Persönlichkeit."

David war jetzt angefixt. Er ließ sich einen Undercut schneiden, kaufte stylishe Klamotten, das alte Ich wollte er loswerden. Er las über 100 Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung, zog nach Freiburg, wegen der guten Erinnerungen. Dort traf David dann Marc und Tobi, auch sie sind vom Thema Selbstoptimierung fasziniert. Die drei wurden beste Freunde, Marc und Tobi gründeten die Brothers of Success, eine Schule für Life Coaching und Pick-Up, David wurde dort Coach. Zum ersten Mal in seinem Leben war David glücklich – in seinem ersten Freiburg-Jahr schlief er mit ungezählten Frauen.

Eines der Mädchen ist Lena. David hat sie vor dem Aspekt kennen gelernt. Die beiden verreisen, gehen schwimmen, Eis essen. Freundschaft plus Sex, sagt David. Dass er gleichzeitig vier andere Mädchen datet, weiß Lena. Nach fünf Monaten zieht sie nach Hamburg, eine Fernbeziehung kommt für den neuen David nicht in Frage. Es gibt noch so viel mehr Lenas.

"Ich sage immer, was
ich will, ich lüge nie."

Der neue David kommt nicht überall gut an. Vor kurzem hat er seine Chats mit Mädchen bei Facebook veröffentlicht – anonym und mit Absprache. Die Antworten kamen postwendend, die Schreiber lassen sich in drei Gruppen einteilen. Erstens: Männer, die ihn hassen. Sie finden, dass David Frauen benutzt. Zweitens: Feministinnen. Sie sagen, dass er nur Sex will und die Frauen manipuliere. Drittens: Bewunderer. Es sind Männer, die werden wollen wie David, und Frauen, die ihn wegen seiner Offenheit attraktiv finden.

Ist David dafür zu verurteilen? Er selbst findet das nicht. "Ich sage immer, was ich will, lüge nie. Menschen manipulieren andere ständig. Ich tu’ aber nichts, was Frauen nicht wollen." Nicht immer hat David damit Erfolg, an diesem Regentag im November holt er keine Nummer. Zwei Mädels auf der KaJo sind zu jung, eine Verkäuferin im Breuninger hat einen Sohn, eine Brünette kein Interesse. David ist das egal, er kennt die Ablehnung, sie macht ihm nichts mehr. Er ist ja jetzt wer.

Autor: Marius Buhl