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06. Mai 2009

Einarmiger Flügel, blinde Schützin

Schießen ohne Augenlicht, Korbleger mit einem Arm – warum Behinderungen junge Menschen nicht vom Sport abhalten können

  1. Fjodor Davidis (14) aus Staufen fehlt der linke Unterarm. Er ist ein sehr guter Korbjäger. Foto: Meinrad Schön

  2. Vivian Hösch Foto: BZ

  3. Vivian Hösch (18) aus Freiburg ist blind. Sie ist eine sehr gute Biathletin und schießt nach Gehör. Foto: DAV/Privat

Fjodor Davidis (14) und Vivian Hösch (18) sind zwei Sportler, die sich über ihr Handicap hinweggesetzt haben. Fjodor spielt gemeinsam mit seinen nichtbehinderten Kollegen im Basketballteam der Staufen Sharks; Vivian ist im Januar Deutsche Meisterin geworden im Blinden-Biathlon. Ihre Geschichten zeigen: man sollte Mut haben und ausprobieren, was einem Spaß macht. Allen Widrigkeiten zum Trotz.

Fjodor Davidis

Als Fjodor Davidis vor 14 Jahren geboren wurde, fehlte ihm der linke Unterarm. Der Arm endete am Ellenbogen. "Das ist schon eine Behinderung", sagt Fjodor. Aber eine Behinderung, die für ihn von Anfang an Normalität war. Dementsprechend unbefangen geht er mit ihr um. Vor zwei Jahren ist der Schüler des Faust-Gymnasiums in Staufen ins Basketballtraining seiner Schule gegangen und hat mitgespielt. "Wie soll das funktionieren?", hat sich Trainer Martin Ardelt am Anfang gefragt. Aber er hat schnell gemerkt, dass es klappt. Sehr gut sogar. Die Mitspieler passen Fjodor den Ball zu, er fängt ihn mit der rechten Hand und dem linken Ellebogen. Auch Korbleger von links kann Fjodor ausführen: Mit dem Ellenbogen kann Fjodor den Ball abstützen. Die Wurfbewegung macht er mit der rechten Hand.

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"Dass bei ihm etwas anders ist, merkt man eigentlich recht selten", sagt Ardelt. Fjodor spielt meist auf der Flügelposition, manchmal auch als Center. "Verteidigung ist meine Spezialität", sagt er. Aber nicht nur. Im Januar hat er bei einem Turnier in Gundelfingen 16 Körbe erzielt.
"Ich finde, manche sollten

sich einfach trauen und

nicht denken, man

würde sie auslachen."

Fjodor Davidis
Dass die Staufener Schulkollegen den 1,76 Meter großen Fjodor als einen der ihren aufnehmen würden, war relativ klar. Aber wie würden die Spieler der gegnerischen Mannschaften reagieren? Immerhin spielt Fjodor bei den Staufen Sharks nicht nur in der U14, sondern auch in der Wettkampfgruppe 3 gegen andere Schulmannschaften. Fjodor sagt, auch bei diesen Spielen gebe es eigentlich keine Probleme. Im Gegenteil: Anerkennung. Er habe es schon öfter erlebt, dass Gegenspieler oder andere Trainer nach dem Match zu ihm kommen und sagen: "Ich finde es toll, dass du mit einer Hand Basketball spielst."

Befremden kam nur ein paar Mal auf, als Fjodor gegen Mädchen oder schwächere Gegenspieler angetreten ist. Da kamen dann Sprüche wie: "Oh, der hat eine Behinderung. Mal lieber nicht so hart rangehen in den Zweikämpfen." Aber das akzeptiert Fjodor schulterzuckend.

Martin Ardelt, der auch Jugendwart des Bezirks ist, sagt: "Fjodors Behinderung war am Anfang schon ein Thema bei uns Trainern. Wir haben überlegt, ob wir das in der Gruppe ansprechen und fragen sollen, ob jemand damit ein Problem hat. Aber das war überhaupt nicht notwendig." Als die Saison begann, hatte Ardelt kurz überlegt, ob man nicht einen Rundbrief schreiben solle, damit die anderen Trainer vorher bescheid wissen. "Völlig übertrieben, das haben wir gelassen."

Nur manchmal fühlt Fjodor sich eingeschränkt. Dann nämlich, wenn er vom Gegner gezwungen wird, in die Richtung zu dribbeln, in der er durch sein Handicap benachteiligt ist. Aber das macht er durch seine gute Übersicht wieder wett. Martin Ardelt sagt: "Auch Fjodors Mutter war am Anfang skeptisch, ob ihr Sohn bei uns richtig mitspielt oder ob wir ihn nur aus Mitleid mitschleppen. Sie hat sich das im Training angeschaut und gemerkt, dass er ein ganz normales Mitglied unseres Teams ist." Fjodor weiß um seine Ausnahmestellung: "Ich habe es eigentlich noch nie gesehen, dass Menschen mit und ohne Behinderung in einer Mannschaft spielen. Ich finde, manche sollten sich einfach trauen. Viele denken, sie würden vielleicht ausgelacht werden wegen ihrer Behinderung."
Vivian Hösch

Dienstags trainiert sie Kraft und Ausdauer im Zirkel, mittwochs sitzt sie am Rudergerät oder in der Beinpresse, donnerstags übt sie Biathlon. Sommers wie winters bedeutet das für Vivian Hösch also Langlauf oder Rollerski und Schießen, 90 Minuten lang, Freitag das Gleiche wie Donnerstag, nur ohne Schießen: Eine ganz normale Trainingswoche für die Zwölftklässlerin des Freiburger Bertholdgymnasiums. Kommendes Jahr steht das Abitur an. Vivian ist 18 und seit dem neunten Lebensjahr blind. Eine Schützin ohne Augenlicht, wie funktioniert das?

"Mein Begleitläufer führt mich zum Schießstand", sagt Vivian. "Ich lege mich bäuchlings auf die Matte, checke Anschlag und Atmung. Der Begleiter geht ein Stück zurück. Dann schieße ich." Mit einem drei Kilo schweren Lasergewehr. Beim Schießen richtet sich Vivian nach einem akustischen Signal: Ein Ton, der immer höher und schneller wird und den sie zu deuten weiß. Auch die Tonhöhe nach dem Schuss vermittelt Vivian, ob sie getroffen hat oder nicht. Eine Serie hat fünf Schuss. "Dann stehe ich auf, mein Begleitläufer gibt mir die Stöcke und weiter geht’s."

Seit dem Sommer 2006 ist Vivian Mitglied der Gruppe für Behinderten-Skilanglauf mit Biathlon am Olympiastützpunkt Freiburg. Oft trainiert sie am Notschrei. Und man fragt sich als Nicht-Eingeweihter, wie eine Blinde Langlaufsport auf höchstem Niveau betreiben kann – immerhin ist Vivian im Januar Deutsche Meisterin geworden.

Sie nimmt einen Schluck Cola, tastet kurz nach dem Handtaschenhalter, den sie an den Cafétisch gehängt hat und sagt: "Auch das Langlaufen geht über akustische Signale. Mein Begleitläufer läuft vor und ruft regelmäßig ,Hopp!’ Daran orientiere ich mich, denn ich laufe frei hinter ihm in der Loipe." Wenn es Kurven gibt, kündigt der Begleiter sie an. "Rechts auf Drei" ist zum Beispiel eine schärfere Kurve als "Rechts auf Eins". Die Zahlen richten sich nach dem Ziffernblatt der Uhr.

"Dann stehe ich auf, mein Begleitläufer gibt mir die
Stöcke und weiter geht’s."

Vivian Hösch
Während sehende Sportler beim Langlauf die vorbeiziehende Natur mit ihren Augen genießen, nimmt Vivian viel Schönes mit ihren Ohren wahr. Zum Beispiel erkennt sie aufgrund des Schalls, wenn Felsen auftauchen. Sie kann auch unterschiedliche Schneearten hören: "Ob er weich und pulvrig ist oder überfroren und eisig, alles klingt anders." Am liebsten mag sie es, wenn er ein bisschen glatt ist, dann kann sie schön beschleunigen.

Vor Abfahrten hat sie keine Angst. Bei besonders steilen und kurvenreichen Abfahrten wird sie von ihrem Begleiter abgestützt. Das wird auch bei den Paralympics in Vancouver so sein, nächstes Jahr. Vielleicht wird dieser internationale Wettkampf auch für Vivian noch zu einem Thema werden.

Wie Fjodor hat Vivian am Anfang ihrer Sportlaufbahn mit Nicht-Behinderten trainiert – Leichtathletik. Doch bei bestimmten Disziplinen, etwa beim Weitsprung, hat sie gemerkt, dass das einfach nicht geht. Jetzt trainiert sie mit fünf anderen Behinderten. Auch ihren Freund hat sie in dieser Gruppe vor anderthalb Jahren kennengelernt: "Er ist von Geburt an querschnittsgelähmt und macht Biathlon im Langlaufschlitten. Mit seinen Armen kann er alles machen, er schießt mit dem Luftgewehr."

Man traut sich nicht, Vivian diese sehr persönliche Frage zu stellen, aber angesichts ihrer Fröhlichkeit und ihrer Lebensfreude macht man es dann doch: Wie verliebt man sich eigentlich als Blinde? "Hm, das kann man so pauschal nicht beantworten. Das läuft bei jedem anders. Wie bei euch Sehenden auch, oder?"

Eine Galerie mit weiteren Fotos von Fjodor Davidis gibt’s auf www.fudder.de.

Autor: David Weigend