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09. September 2009
Leben am Existenzminimum
Wie kommt man als Hartz-IV-Empfänger einen Monat mit 359 Euro aus? / Ein Selbstversuch
359 Euro – so viel Geld hat ein alleinstehender Hartz-IV-Empfänger monatlich zur Verfügung. Ganz schön wenig, findet unsere Autorin Nora, die in Freiburg studiert. Einen Monat lang hat sie getestet, wie es ist, vom Arbeitslosengeld II zu leben. Über ihre Erlebnisse mit dieser neuen finanziellen Herausforderung hat sie auf fudder.de kontinuierliche in einem Blog berichtet. Die Bilanz eines Selbstversuches.
Es ist eine Art Experiment. Ich will sehen, ob ich einen ganzen Monat lang von 359 Euro leben kann. Oder besser gesagt überleben kann. Denn was für viele Studenten ein ansehnliches Monatsbudget ist, erscheint mir ganz schön knapp. Dank eines Stipendiums und einiger Ersparnisse habe ich seit Beginn meines Studiums in Freiburg mehr Geld zur Verfügung als noch zu Schulzeiten zu Hause bei meinen Eltern. An diese neuen finanziellen Verhältnisse hatten sich auch meine Ausgaben erschreckend schnell angepasst. Nach einem Blick auf meine Ausgabenbilanz im Juli ziehe ich die Notbremse: Ich muss meinen Lebensstil herunterschrauben, so viel ist klar. Aber von wie wenig Geld kann man eigentlich leben? Wie leben Menschen, die nicht nur aus Vernunft sparen wollen, sondern aus Notwendigkeit sparen müssen? Wie kommt jemand klar, der plötzlich mit Hartz IV, dem Existenzminimum, auskommen muss? Ich will es herausfinden.Werbung
359 Euro im Monat, das ermöglicht nach Ansicht der Bundesregierung ein Leben am Existenzminimum. Also muss es theoretisch möglich sein, mit dieser Summe über die Runden zu kommen. In der Praxis stellt sich heraus, dass das gar nicht so einfach ist.
Die ersten Tage laufen relativ problemlos. Mein Kühlschrank ist gefüllt und größere Anschaffungen stehen nicht an. Doch vor dem ersten Einkauf wird mir klar, dass genaues Rechnen angesagt ist. Die Tour über den Markt am Münsterplatz spare ich mir und gehe direkt zum Discounter. Auch da heißt es Abstriche machen. Saft, Schokolade und Kaugummi bleiben als Luxusartikel im Regal, dafür stürze ich mich auf jedes Angebot. Jede Menge Nudeln und Dosentomaten landen in meinem Einkaufswagen. Das macht satt und ist billig.
Feiern gehe ich kein einziges Mal im August. Und wenn doch, beschränke ich mich auf ein Getränk am Abend. Von den Kellnerinnen ernte ich dafür häufig böse Blicke. Immer wieder kommen sie im Laufe des Abends an unseren Tisch und fragen mich: "Darf es noch etwas sein?" Mit einem Ton, der eher meint: "Bestell noch etwas oder verschwinde!" Immerhin gebe ich jedes Mal Trinkgeld. Eine Freundin, der ich von meinem Experiment erzähle, sagt dazu: "Warum hast du ihr denn drei Euro gegeben anstatt 2,70 Euro? Ich glaube nicht, dass Hartz-IV-Empfänger den Kellnern noch Trinkgeld geben können."
Schwierig wird es, als ich für eine gute Freundin ein Geburtstagsgeschenk finden soll. Was kauft man, wenn man ein bisschen mehr als zehn Euro am Tag zur Verfügung hat? Die üblichen Geschenke wie CDs, Bücher oder Klamotten fallen weg. Nach
ewigen Überlegungen entscheide ich mich schließlich für ein kleines Tapas-Kochbuch, das im Sonderangebot 2,99 Euro kostet. Dazu bastele ich einen Gutschein für einen Tapas-Abend bei mir zu Hause, mit Käse, Oliven und Rotwein. Das scheint mir erschwinglich, doch insgeheim hoffe ich, dass meine Freundin diesen Gutschein erst im nächsten Monat einlösen wird.
Ich frage mich, ob Hartz-IV-Empfänger noch zu Geburtstagsfeiern gehen. Oder überhaupt etwas verschenken können. Dass mit Hartz IV das soziale Leben auf längere Sicht leiden muss, kann ich früh nachvollziehen. Nicht selten klinke ich mich aus, wenn meine Freunde ins Kino oder feiern gehen. Ständig schaue ich auf das Geld. Konzerte oder Theaterbesuche sind überhaupt nicht mehr drin. Kleine Freuden wie ein Eis, eine Tasse Kaffee zum Mitnehmen oder ein schickes paar Ohrringe muss ich mir verkneifen. Diese Einschränkungen fallen mir, um ehrlich zu sein, ziemlich schwer.
Während meines Experiments treffe ich Ruben. Ruben ist 18 Jahre alt, er und seine Familie leben seit 2005 von Hartz IV, davor drei Jahre lang von Sozialhilfe. Er bewundert seine allein erziehende Mutter dafür, dass sie ihn und seinen Bruder all die Jahre durchgeboxt hat. Und tut alles dafür, später selbst nicht von Hartz IV leben zu müssen. "Für viele meiner Freunde ist es selbstverständlich, alles zu bekommen", sagt Ruben. "Sie denken gar nicht mehr groß darüber nach und verschwenden eine Menge Geld. Ich bin jedes Mal stolz darauf, wenn ich mir eine Sache erspart habe und kann das dann viel mehr genießen." Rubens sechs Jahre alter Bruder versteht oft nicht, warum er im Gegensatz zu anderen Kindern kein Eis, kein neues Spielzeug bekommt.
Wie reagiert man als älterer Bruder, wenn ein Kind fragt: Warum kann ich nicht auch so was haben? "Wir versuchen, es meinen Bruder so wenig wie möglich spüren zu lassen", sagt Ruben. "Meine Mutter und ich erklären ihm dann, dass viele Dinge zwar schön, aber nicht unbedingt notwendig sind." Mit diesem Beispiel macht Ruben mir deutlich, dass es einen Unterschied gibt zwischen "wollen" und "brauchen". Auf viele Dinge, die man sich einfach mal gönnt, könnte man ebenso gut verzichten. Die Einstellung dieses jungen Mannes beeindruckt mich.
Meine Beiträge im Hartz-IV-Blog auf fudder.de erhalten von Anfang an dutzende Leser-Kommentare – darunter auch viel Kritik.
Dieses Experiment sei unrealistisch, naiv oder sogar unverschämt, heißt es. Ich nehme mir das zu Herzen. Alles in allem versuche ich, mich so gut wie möglich in die Situation eines Menschen hineinzuversetzen, der sehr wenig Geld hat. Das ist schwierig und gewiss nicht hundertprozentig authentisch, da ich den psychischen Druck nicht habe. Ich weiß, es ist nur ein Experiment. Im September werde wieder mehr Geld haben.
Am Ende des Monats ziehe ich Bilanz. 285,28 Euro habe ich im August ausgegeben, plus 39 Euro Fitnessvertrag, plus 26 Euro Strom und Telefon. Insgesamt also 350,28 Euro. Das meiste Geld habe ich für Essen ausgegeben. Es ist mir unbegreiflich, wie man auf Dauer mit so wenig Geld auskommen kann. Was tun, wenn der Computer kaputt geht oder man mal zum Frisör muss? An Reisen war gar nicht mehr zu denken. Ich habe auf jeden Luxus verzichtet und bin trotzdem nur knapp unter den gesetzten 359 Euro geblieben. Das Experiment war eine wichtige Erfahrung und ich bin gespannt, wie es sich auf mein zukünftiges Konsumverhalten auswirkt. Ich merke, dass ich weiterhin sehr sparsam mit meinem Geld umgehe. Die Tasse Kaffee zum Mitnehmen bleibt ein Luxus, den ich mir nicht mehr täglich leiste. Und ich überlege drei Mal, bevor ich einen Euro für Schnickschnack ausgebe. Ich denke, dass ich den Unterschied zwischen "wollen" und "brauchen" gelernt habe.
Alle Folgen des Hartz-IV-Blog unter fudder.de/HartzIV
Autor: Nora Wagner


