Für Juden ist Antisemitismus Alltagserfahrung

Daniela Weingärtner

Von Daniela Weingärtner

Di, 11. Dezember 2018

Ausland

Umfrage in Europa.

BRÜSSEL. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass europäische Medien über antisemitische Zwischenfälle berichten. Und das, obwohl die meisten Betroffenen den Weg zur Polizei und an die Öffentlichkeit scheuen. In einer am Montag von der Europäischen Grundrechtsagentur veröffentlichten Umfrage geben 28 Prozent der 16 300 Befragten an, im vergangenen Jahr mindestens einmal beleidigt oder bedrängt worden zu sein. 38 Prozent von ihnen haben bereits mit dem Gedanken gespielt, Europa zu verlassen. Für 85 Prozent ist der alltägliche Antisemitismus die größte Sorge in ihrem Alltagsleben.

"Das 20. Jahrhundert hat viele Krankheiten gekannt", sagte der für Menschenrechte zuständige EU-Kommissar Frans Timmermans. "Die Einzige, die unheilbar zu sein scheint, ist der Antisemitismus." Am schlimmsten empfinden die Befragten die Situation in den sozialen Medien. EU-Kommissarin Vera Jourova verwies darauf, dass man in diesem Bereich schon einiges erreicht habe. Die größten IT-Unternehmen, darunter Twitter, Youtube, Facebook und Microsoft, hätten sich verpflichtet, entsprechende Anzeigen binnen 24 Stunden zu prüfen. In 75 Prozent der Fälle werden die Posts entfernt, fast immer in weniger als 24 Stunden, so Jourova.

Orbans Aktion gegen Soros stärkt Ressentiments

Auf Nachfrage räumte Timmermans ein, dass die von Ungarns Ministerpräsidenten Victor Orban angeheizte Debatte um magyarische Identität antisemitische Ressentiments verstärke. Er erinnerte an die Plakataktion gegen den jüdischen Großunternehmer George Soros. "Ich möchte Herrn Orban auffordern, von Kampagnen abzusehen, die antisemitisch interpretiert werden könnten." Die Reaktion der Ungarn auf diese Botschaften sei "klar und eindeutig" antisemitisch. Als Vater wünsche er sich, dass jeder junge Europäer mit der Geschichte vertraut gemacht werde und die Namen der Konzentrationslager nennen könne. Die Gruppe der Menschen, die davon noch Zeugnis ablegen könnten, sterbe aus.